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Ausstellung zu Kunstraub : Des einen Schatz war des anderen Beute

Orgie der Zerstörung und des Raubes in Europa: Peter Paul Rubens malte seine Allegorie auf den Krieg um 1628. Bild: Vaduz-Vienna, Liechtenstein, The Princely Collections

Im Dreißigjährigen Krieg wechselten so viele Kunstschätze den Besitzer wie nie zuvor. Die Fürsten plünderten sich gegenseitig aus, bis sich der Schwerpunkt der Kultur von Südeuropa nach Norden verschoben hatte. Davon erzählt eine Ausstellung in Dresden.

          5 Min.

          Der größte Kunstraub der Neuzeit ereignete sich nicht in Benin-City, sondern in Prag. Im Juli 1648 eroberte ein schwedisches Heer im Handstreich die Prager Kleinseite mit dem Hradschin. Als die Nachricht Anfang August Stockholm erreichte, schrieb Königin Christina umgehend an ihren Cousin (und späteren Nachfolger) Karl Gustav von Pfalz-Zweibrücken, der den Oberbefehl in­nehatte, er möge sämtliche Kunstschätze in seinem Einflussbereich für sie „reservieren“. Insbesondere die berühmte Sammlung Kaiser Rudolfs II. sollte der Cousin „in Verwahrung“ nehmen. In den folgenden Mo­naten wurden fast 500 Gemälde, 69 Bronzen, gut 30.000 Münzen und Medaillen, 179 Elfenbeinarbeiten, einige Hundert Schmuck- und Tafelstücke sowie ganze Bibliotheksbestände über die Ostsee verschifft. Als die Schweden im September 1649 endlich aus Prag abzogen, hatten sie nicht nur die Kaiserburg, sondern auch das Palais Waldstein und das Kloster Strahov restlos leergeräumt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          ­Der Prager Raubzug war der Schlusspunkt einer beispiellosen Plünderungsserie. Nie zuvor wechselten so viele Kulturgüter in so kurzer Zeit den Besitzer wie im Dreißigjährigen Krieg. Dabei wurden die Beutemacher in der Regel nicht von Alltagsschurken, sondern von hochadligen Kunstkennern geführt. Der Bayernherzog Maximilian raubte dem pfälzischen Kurfürsten Friedrich die Heidelberger Biblioteca Pa­la­ti­na und schenkte sie dem Papst. Der Schwedenkönig Gustav Adolf plünderte Maximilians Münchner Re­si­denz. Dieser wiederum bereicherte sich an den Schätzen des Württemberger Herzogs Eberhard. Schon zuvor war das ober­ita­lie­ni­sche Mantua von kaiserlichen Offizieren gefleddert worden. Kleinere Fürstensitze, Klöster und Reichsstädte wurden routinemäßig ausgekämmt. Am Ende des dreißigjährigen Schlachtens hatte ei­ne Umverteilung von Süd- nach Nordeuropa stattgefunden, die noch heute das Kulturerbe der betroffenen Länder prägt.

          Das wahre Gesicht des Krieges: „Der Tod reitet über ein Schlachtfeld“, Radierung von Stefano della Bella, um 1645 Bilderstrecke
          Blick in die Ausstellung : Kriegsbilder und geraubte Schätze

          Die Chronik und die Folgen des dama­ligen Kunstraubs sind eines der Themen, de­nen sich die Ausstellung „Bellum et Ar­tes“ im Dresdner Grünen Gewölbe widmet – leider nicht das Hauptthema, wie man es angesichts aktueller Debatten um Raub- und Beutekunst im kolonialen Zeitalter er­hofft hätte. Aber bei der gründlicheren Be­schäftigung mit kulturellen „Translokationen“, wie der handelsübliche Euphemismus lautet, stand den Dresdner Kuratoren womöglich die eigene Sammlungsgeschichte im Weg. Denn anders als Leipzig, das allein dreimal erobert wurde, und viele andere sächsische Orte fiel die Hauptstadt des Kurfürstentums im Dreißigjährigen Krieg nie in Feindeshand. Deshalb wurden auch die Schätze Johann Georgs I., zumal die Rüst- und die Kunstkammer, nicht ge­plündert, und umgekehrt gelangte kein nennenswertes Raubgut aus anderen fürstlichen Residenzen nach Dresden.

          Die Kuratoren folgen also der historischen Logik, wenn sie Johann Georg und seine zweite Gemahlin Magdalena Sibylle von Preußen, deren Doppelporträt an der Stirnseite des großen Ausstellungssaals hängt, in den Mittelpunkt ihrer Präsentation stellen. Beide erreichten ein für ihre Zeit sehr hohes Alter; ihre Regierungszeit erstreckte sich über die gesamte Dauer des Dreißigjährigen Krieges. Für Johann Georg, den „Bierjörge“, wie er wegen seiner Neigung zur Trunksucht von Spöttern genannt wurde, bedeutete das, dass er sich immer wieder zwischen den streitenden Religionsbünden und verfeindeten europäischen Mächten entscheiden musste. 1619, als ihm die Krone Böhmens angetragen wurde, entschied er sich für den Kaiser in Wien, gut zehn Jahre später, nach dem Restitutionsedikt und der Zerstörung Mag­deburgs, für die Schweden und 1635, im Frieden von Prag, abermals für den Kaiser. Wieder ein Jahrzehnt später war sein Land durch den Krieg so ausgelaugt, dass er mit den schwedischen Besatzern ein Neutralitätsabkommen schloss.

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