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Ausstellung zu Sigmar Polke : In der Nacht und unter Drogen

Zur Aktualität eines professionellen Bildstörers: Das Kunstmuseum Düsseldorf zeigt, wie Sigmar Polkes Werk heutige Künstler beeinflusst.

          5 Min.

          Künstlerbücher, Myriaden von Zeichnungen und Bildern auf allen nur denkbaren Bildträgern vom Bierdeckel über Tischdecken bis zur Lastwagenplane, Fotografien sowie Objekte, deren materielle Beschaffenheit selbst noch nach dem zweiten und dritten Hinsehen schleierhaft bleibt – der 1941 in Schlesien geborene Sigmar Polke war und ist ein Anarchist des Bildes und seiner Materialien. Warum „ist“, obwohl der Künstler bereits vor elf Jahren verstarb? Weil das Erbe dieses professionellen Bildstörers in einer Generation wesentlich jüngerer Künstler ungemein lebendig ist, wie die Kunsthalle Düsseldorf nun zu Polkes achtzigstem Geburtstag überzeugend anhand von Gegenüberstellungen seiner Werke und solchen etwa von Camille Henrot (geboren 1978), Seth Price (geboren 1973) oder Kerstin Brätsch (geboren 1978) belegt.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Vielleicht ist Polke auch durch seinen postmodernen Ansatz eines „Anything goes“ unverändert aktuell für die Jüngeren, gerade in einer Zeit schwindender Gewissheiten und Faktenbasen. Wahr ist jedenfalls, dass er ein überzeugter Umsetzer der Thesen des Philosophen Paul Feyerabend war, dessen Buch „Wider den Methodenzwang“ er in seine eigene Schul- und Stillosigkeit – beides positiv gemeint – übersetzte. Überbordend an Phantasie trifft auf ihn in besonderem Maße der Satz zu, den ihm Seth Price im Katalog der Schau widmet: „Genau wie die Sterne tagsüber verborgen sind, obgleich sie noch über uns hängen, ist es wahr, dass wir den ganzen Tag lang träumen.“

          Nächte machte Polke zum Tag, Drogen taten das Ihrige, um angeblich zementierte Alltagsrealitätsgrenzen annähernd schwerelos zu überwinden. Das ist nicht als indiskreter und indiskutabler Biographismus abzutun, denn eine wesentliche Charakteristik von Polkes Œuvre ist gerade das oft drogeninduzierte Nah und Fern seiner Rasterbilder, die – auf Basis von Zeitungsfotos aus Hunderten einzeln gemalter Punkte bestehend – aus der Nähe nur abstrakt Verschwommenes sehen lassen. Erkennen kann man das Dargestellte oder die Figuren nur aus einem exakt bemessenen Abstand der „Ent-Fernung“, was wiederum einem Medienkünstler wie Trevor Paglen, der häufig mit Vogelschaubildern von Überwachungskameras oder Drohnen (in der Schau etwa „Drone Vision“ von 2010) arbeitet, naheliegt und ihn inspiriert.

          Neugier auf die Prozesse der Natur

          Polke hat demnach wie nach ihm nur noch Martin Kippenberger E und U in seiner Kunst versöhnt, High und Low, also das Höchste mit dem Niederen gekreuzt. Und das wörtlich, denn ihm befahlen „höhere Wesen“ persönlich, etwa die rechte obere Ecke eines Bildes schwarz zu streichen – die genialste Reprise auf das von Kunstkritikern in den Himmel gejubelte „Schwarze Qua­drat“ überhaupt, das Polke damit kurzerhand in seinem angestammten Ikonenwinkel rechts oben halbiert, um das hegelsche „Ende der (Kunst-)Geschichte“ zu vereiteln und Halali zum fröh­lichen Weitermalen zu blasen. Häufig greift er auch direkt metaphysische Sternenthemen auf.

          Mit diversen Fotoemulsionen auf glänzendem Barytpapier experimentierend wird (Al-)Chemie bei ihm schnell zu Galaxie. Auf manchen dieser Bilder verschwimmt eine Ursuppe aus violetten, tiefroten und dunkelgrünen Farbpigmenten, Kleber und gelb­harzigem Firnis derart überzeugend miteinander, dass man es sich auf der einen Seite als Musterbeispiel eines völlig zweckfrei abstrakten Leinwandgemäldes sofort an die eigenen Wände hängen will, es aber wie immer bei Polke zugleich konkrete Assoziationen erlaubt, in diesem Fall etwa an die von Astronomen zwecks Geldeinwerbung „malerisch“ aufbereiteten Hochglanzfotos von Milchstraßen und farbwabernden Pferdekopfnebeln, die Millionen von Lichtjahren entfernt von Wissenschaftlern doch wieder mit sehr irdischen Vergleichen wie eben Tierköpfen assoziiert werden.

          Häufig verbindet Polke also Alchemie mit Astronomie, seine große Neugier auf die Prozesse der Natur und die Naturwissenschaften speist dieses Interesse. Für die Serie chromogener Farbdrucke „Urangestein (rosa)“ von 1992 legte er selbiges auf Fotopapier und erzeugt damit wiederum freie, farbstarke „Archeiropoieta“, Bilder also, die der christlichen Legende nach „vom Himmel fallen“.

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