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Schiele und Erwin Osen in Wien : Lustknaben unter Strom

Als Akt mit überkreuzten Armen und wie durchröntgten Fingern hielt Schiele den stets etwas exaltierten Künstlerfreund Erwin Dominik Osen 1910 fest. Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumbergerr

Hat Egon Schiele Entscheidendes von dem heute kaum mehr bekannten Kollegen Erwin Osen gelernt? Das Museum Leopold plädiert anhand neuer Bildfunde dafür.

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          Meist locken Ausstellungen Publikum mit möglichst noch unbekannten Werken weltbekannter Künstler. „The Body Electric: Erwin Osen – Egon Schiele“ im Wiener Museum Leopold hält es genau umgekehrt. Hier wird von einer Gruppe erst kürzlich entdeckter Zeichnungen des außerhalb Österreichs eher unbekannten Malers, Bühnenbildners und Selbstdarstellungskünstlers Erwin Dominik Osen (der, erst 1970 gestorben, den Freund um zweiundfünfzig Jahre überlebte) auf Schiele als den Künstler der unbedingten Selbstentblößungen geschlossen – mit erstaunlichem Erkenntnisgewinn.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Denn obwohl die vom Museum frisch erworbenen neun Blätter von Erwin Osen und die diesen neu zugeordneten Arbeiten Schieles nur zwei Säle füllen, werden die Kontakte der beiden und das Netzwerk um sie herum um etliches klarer. Die beiden Säle bieten nun das Präludium zur ständigen Ausstellung „Wien um 1900“ und nehmen eine klinische Moderne in den Blick, die entscheidend für das Öffnen der Körper und Ausstülpen des Innenlebens im Wiener Expressionismus sein dürfte. Wurde bislang die Freudsche Seelenerforschung dieser Zeit strikt von allem Körperlichen getrennt, zeigt sich jetzt, dass die Kunst in doppelter Hinsicht eng mit der Kultur der klinischen Medizin verwoben war: Zugespitzt waren die Wiener Ärzte um 1910 häufig Sammler, Auftraggeber und Inspiratoren der Kunst in einem.

          Wie Dürers Schmerbäuchiger von 1528, nur mit verbundenem Kopf: Erwin Osens „Porträt eines Patienten“, 1915.
          Wie Dürers Schmerbäuchiger von 1528, nur mit verbundenem Kopf: Erwin Osens „Porträt eines Patienten“, 1915. : Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

          Neben Schieles Wohnhaus in Wien befand sich die Praxis eines Röntgenologen, bei dem er früh mit Röntgenaufnahmen in Berührung kam, die nach überzeugender Meinung der Schau für seine wie durchleuchteten und die Gelenke sichtbar machenden spinnrigen Finger prägend gewesen sein dürften. Schiele malte mit Erlaubnis des Gynäkologen Erwin von Graff bis dato ungekannte Bilder von Schwangeren und Neugeborenen in der Frauenklinik II in Wien. Und nun die in Schottland ersteigerten Bilder Osens mit schielehaft porträtierten Patienten einer Garnisonsklinik: Sie entstanden im Auftrag des Arztes Stefan Jellinek, eines bis zur Emigration nach England 1939 in Wien tätigen Elektropathologen, der seinen Forschungsschwerpunkt in den medizinischen Anwendungsmöglichkeiten von heilender Elektrizität hatte (daher der an das Gedicht „I Sing the Body Electric“ Walt Whitmans angelehnte Ausstellungstitel).

          Während des Ersten Weltkriegs leitete Jellinek das Neurologiezentrum im Garnisonsspital II, wo er unter anderem elektrotherapeutische Maßnahmen zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen an Soldaten einsetzte. Im Frühjahr 1915 war Osen selbst Patient dieser Einrichtung wegen „Nervenschwäche“. Die Zeichnungen entstanden teils während seiner stationären Aufenthalte, so vor allem der „Lustknabe“ betitelte nackte Mitpatient vor drei bunten Kissen, der durch Überkreuzung seiner Beine sein Geschlecht androgyn werden lässt und mit einem Goldkettchen um den Hals, Rouge auf den Wangen und leicht geöffneten Mund deviant dem Betrachter entgegenblickt und mit seinen Brustwarzen spielt.

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