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Obdachlosigkeit in der Stadt : Hier ist ein Mensch, lass ihn herein

  • -Aktualisiert am

Manche müssen draußen bleiben: die Neonskulptur „The Glowing Homeless“ von Fanny Allié. Bild: Fanny Allié

Die Münchner Pinakothek der Moderne fragt, wie Obdachlosigkeit die Architektur unserer Städte verändern kann und soll. An guten Ideen herrscht kein Mangel.

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          Frankfurt hält obdachlosen Menschen im Winter eine U-Bahn-Station zum Übernachten offen. Auf dem Pflaster vor dem Rathaus von San Francisco markieren parkplatzartig nummerierte Felder, wo Homeless People Zelte aufreihen können, coronagerecht mit Abstandswahrung. Moskau setzt auf Vogel-Strauß-Politik: Gab es zu Sowjetzeiten offiziell keine Obdachlosigkeit, weil sie als Erscheinung des Kapitalismus galt, kapituliert die Administration heute vor diesem Erbe und überlässt es Bürgerinitiativen.

          Gitter, Poller, unbequeme Bänke

          So oder ähnlich provisorisch kanalisieren überforderte Stadtverwaltungen die wachsenden Anforderungen durch Probleme, die sie an anderer Stelle durch Verdrängung regeln: Gitter, Poller, gern auch Bänke mit kurvigem Design hindern Menschen ohne Zuhause daran, an Orten Schutz oder Schlafstatt zu finden, wo sie und der Anblick ihrer armseligen Habe unerwünscht sind. Dabei dürfte eines klar sein: Wohl niemand lebt freiwillig auf der Straße. Der Passant weiß das und will nicht daran erinnert werden, er weiß ja auch, dass diese Ausgegrenzten irgendwann ein bürgerliches Leben führten, bis vielleicht der Arbeitsplatz weg war oder die Familie zerbrach, bis eine Sucht außer Kontrolle geriet oder die Psyche nicht mehr mitspielte. Es kann jeden treffen.

          „Who’s next?“, fragt denn auch provokant eine hervorragende Ausstellung des Architekturmuseums in Münchens Pinakothek der Moderne. Wer landet als Nächster unter der Brücke, weil er seine Miete nicht mehr zahlen kann? Vor allem aber, wie geht die Gesellschaft mit der Wohnungslosigkeit um? Die von Daniel Talesnik kuratierte Ausstellung beleuchtet das Problem am Beispiel von acht Weltstädten. Im sonnigen San Francisco, einst Hippie-Hauptstadt und Zentrum alternativer Lebensart, klafft die Schere besonders weit auf. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Homeless People mehr als verdreifacht. Der Boom der Tech-Industrie des nahen Silicon Valley führte zum Zuzug bestens verdienender Mitarbeiter und zu einem explosiven Bevölkerungswachstum. In der Folge stiegen die Mieten exorbitant, während die kalifornischen Baukosten, die höchsten in den Vereinigten Staaten, der Schaffung bezahlbaren Wohnraums entgegenstehen.

          Spektakuläre Außenhülle, begrenzter Komfort im Inneren: Notunterkunft am Rand des Frankfurter Ostparks Bilderstrecke
          Architekturprojekte : Bauen für Obdachlose

          Die aufgeführten Statistiken machen schwindlig: In Los Angeles beträgt die durchschnittliche Miete 46,7 Prozent des durchschnittlichen Einkommens, auch weil weit mehr als 500.000 bezahlbare Wohnungen fehlen. In São Paulo, der reichsten Stadt Lateinamerikas, schätzt man einen Anstieg der Obdachlosenzahl um sechzig bis siebzig Prozent im ersten Corona-Jahr, und in Mumbai müssen mittlerweile 250.000 Menschen sehen, wo sie nachts bleiben. Überall steigt die Zahl betroffener Kinder sowie alter Frauen und Männer. Die dramatischen Zahlen zeigen, dass Europa noch vergleichsweise gut dran ist. Hier hilft der Sozialstaat, wenngleich auch da noch reichlich Luft nach oben ist.

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