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„Zero“ im Gropius-Bau : Die Geschichte der 0

Die letzte Technikaffirmation der europäischen Kunst: Eine große Ausstellung im Berliner Gropius-Bau will der Kunstbewegung „Zero“ ihren verdienten Platz geben.

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          Eine Null zu sein war früher kein Kompliment. Seit einiger Zeit aber ist die Null ein Verkaufsargument geworden, Auszeichnung und Ehrentitel eines neuen Entsagungshedonismus – besser als Cola light ist Coke Zero, dem Citroën C-Zero hat man ein stolzes „Zero Emission“ auf die Flanken gedruckt, der Finanzminister träumt von der schwarzen Null, der Bezirksbürgermeister von „Zero Tolerance“, und jetzt dröhnt einem auf den Berliner Plakatwänden auch noch ein surreales Vaterunser der allgemeinen Nullwerdung entgegen: „Ich esse Zero. Ich trinke Zero. Ich schlafe Zero“, ist da zu lesen. Aber das Ganze ist keine aktuelle Kampagne für Cola oder Elektrokleinwagen, sondern selbst ein Stück Kunst- und Werbegeschichte, ein Zitat aus dem 1963 veröffentlichten Manifest jener Zero-Bewegung, die 1957 von den Düsseldorfer Künstlern Heinz Mack und Otto Piene ins Leben gerufen und bald von Günther Uecker verstärkt wurde, dem für seine Nagelbilder berühmten Künstler, dem das Düsseldorfer K20 gerade eine große Retrospektive widmet.

          „Prince of Space“

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass der Ton des Manifests der Bewegung, deren Name ans Ende eines Countdowns ebenso denken lassen soll wie an die Stunde null, klingt wie eine Mischung aus Beat-Poesie („Zero ist schön, dynamo, dynamo, dynamo“) und deutscher Autowerbung („Und läuft. Und läuft. Und läuft“), ist kein Zufall. Denn einer der engsten Vertrauten der Zeroisten war der Werber Charles Wilp, geboren 1932, Schüler des Fotografen Man Ray und gewissermaßen der Don Draper von Düsseldorf, der damals gerade dabei war, mit Kampagnen für Puschkin oder Volkswagen („Und läuft. Und läuft. Und läuft“) berühmt zu werden. Yves Klein nannte ihn wegen seiner Weltraumbegeisterung den „Prince of Space“.

          Man kann die Geschichte der Zero-Bewegung nicht verstehen, ohne zu wissen, was Yves Klein damit zu tun hat. Und man versteht auch nicht, warum am Beginn der großen Ausstellung über die Zero-Bewegung, die jetzt im Berliner Gropius-Bau läuft und die nicht weniger will, als die deutsche Nachkriegskunstgeschichte umzuschreiben, ausgerechnet der französische Künstler und keiner der deutschen Protagonisten der Bewegung einen so großen Raum einnimmt, wenn man nicht weiß, wie Yves Klein zu Wilp, Mack und Uecker kam.

          Der Tausch der Kunst – Pinsel gegen Flammenwerfer

          Yves Klein stammte aus Nizza, er interessierte sich für Buddhismus, Astrologie und die Lehren des griechisch-armenischen Esoterikers Georges I. Gurdjieff, in dessen „Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen“ im Schloss Prieuré des Basses Loges bei Paris unter anderen Frank Lloyd Wright und Katherine Mansfield in die Lehre gingen. 1957 wurden Kleins monochrome Werke in der Galerie Schmela in Düsseldorf gezeigt, und dort lernte er Mack, Piene und Uecker kennen. Dessen Schwester Rotraut reiste noch im Sommer desselben Jahres zusammen mit einer Freundin nach Nizza und wurde wenig später Yves Kleins Frau, und so kam es, dass die „Nouveaux Réalistes“ im Gefolge von Klein immer häufiger in Düsseldorf auftauchten. Was in den Jahren von 1957 bis 1963 zwischen Düsseldorf und Paris, zwischen Zero und Nouveau Réalisme passierte, war eine gegenseitige Befeuerung im Wortsinn: In einer Zeit, in der der Konsum immer bizarrere Formen annahm, in der die politischen Spannungen zwischen den Supermächten immer heftiger wurden und das drohende Weltenende im Atomtod einen dunklen Hedonismus beförderte, wurden in der Kunst Pinsel gegen Flammenwerfer und Meißel gegen Sprengstoff getauscht: Otto Pienes Gemälde „Red fire flower“ bekam seine Form durch den Einsatz von Feuer, Arman begann, mit Dynamit zu gestalten: Er sprengte Kühlschränke in die Luft und stellte die Reste aus, was man als Konsumkritik lesen konnte, aber auch als eine Freude an Beschleunigung und Exzess, an allem, was laut ist und extrem und glitzernd und entflammend und metamorphotisch, wie ein bizarres, vom Meer angespültes Stück Strandgut, dessen Torsionen und Brüche und Risse von extremen Energien erzählen.

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