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Konkrete Künstlerinnen : Kreuzstiche wie Pixel

  • -Aktualisiert am

Diese Frauen treten aus dem Schatten ihrer männlichen Kollegen heraus: Eine Stuttgarter Ausstellung zeigt, wie „Konkrete Künstlerinnen“ mathematisch-geometrische Abstraktion frei interpretierten.

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          Dass die Zahl der unterschiedlichen Gebilde, die sich aus recht- und spitzwinkligen Stahlblech-Modulen zusammensetzen lassen, nahezu unendlich groß ist, gehört zu Charlotte Posenenskes künstlerischer Idee. Auf die möglichen Konstellationen ihrer „Vierkantrohre Serie D“ hat die Bildhauerin, die 1985 im Alter von nur 55 Jahren starb, bewusst keinen Einfluss genommen. Stattdessen delegierte sie die eigentliche kreative Handlung an die mit dem Aufbau des Objekts befassten Menschen und untergrub auf diese Weise den Mythos des Künstler-Genies ebenso wie die Gesetze des Marktes, die auf Exklusivität des Originals oder wenigstens streng limitierter Multiple-Auflagen beruhen. Denn sie erlaubte auch die unbegrenzte Reproduktion ihres in diesem Fall 1967 ersonnenen Werks. Eine ästhetische Entsprechung findet diese radikale politische Geste in dem matt silbrigen Industrie-Look der Einzelteile.

          Deren Kombinationsmöglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft. Im Kunstmuseum Stuttgart zum Beispiel, wo jetzt die Ausstellung „Zwischen System und Intuition: Konkrete Künstlerinnen“ begonnen hat, fügen sich sieben sammlungseigene Vierkantrohre zu einer bisher noch nicht gezeigten Form: ein kopfstehendes kubistisches Hufeisen, das nur mit einem dreieckigen Verbindungselement den Boden berührt und dessen Arme sich diagonal nach oben strecken.

          Wer genau hinsieht, erkennt feine Vorzeichnungen

          Künstlerinnen wurde es oft schwer gemacht, aus dem Schatten ihrer männlichen Kollegen herauszutreten. Ausstellungen wie etwa in Frankfurt, wo zuletzt Künstlerinnen des Surrealismus und zuvor schon Impressionistinnen Thema waren, haben das Bewusstsein dafür geschärft. Dass Vertreterinnen einer gegenstandslosen Strömung wie der Konkreten Kunst ebenfalls oft unterschätzt und übersehen wurden, macht Kuratorin Eva-Marina Froitzheim zur zentralen These der Stuttgarter Schau. Dafür hat sie zwölf Zeuginnen ausgewählt, die mit insgesamt gut 120 Werken aus der Zeit zwischen den Zwanzigern und Siebzigern vertreten sind. Zu den Exponaten gehören nicht wenige kleine Formate und filigrane Zeichnungen. Dass sie der Größe der Räume und der Kühle des Betons mühelos standhalten, belegt allein schon ihre Qualität. Den Vergleich mit den Männern, die seit dem 1930 verfassten Manifest des Ahnherrn Theo van Doesburg in der Konkreten Kunst den Ton angeben, müssen sie nicht scheuen.

          Beim Rundgang durch alle drei Ebenen des Hauses entdeckt man Künstlerinnen, die die von Doesburg und Kollegen zum Programm erklärte mathematisch-geometrische Abstraktion erstaunlich frei interpretieren. Dass man sich nicht auf Form, Farbe und Fläche beschränken muss, zeigt zum Beispiel Verena Loewensberg. Im Rhythmus der pastellfarbenen Querstreifen, die sie in den Vierzigerjahren auf die Leinwand gebracht hat, will das gegenständlich konditionierte Auge Horizonte, Sonnenuntergänge und Meerlandschaften erkennen. Zugleich nehmen sie viel vom später durch Künstler wie Ad Reinhardt, Ellsworth Kelly oder Frank Stella geprägten Hard Edge vorweg. Dabei sind die scharfen Farbkanten nicht etwa durch vorheriges Abkleben entstanden, sondern von Hand gemalt. Wer genau hinsieht, erkennt feine Vorzeichnungen.

          Wie auf frühesten Computerdarstellungen

          Intuitiv geht wiederum Aurélie Nemours vor, die ihren ersten großen musealen Auftritt 1995 als Fünfundachtzigjährige in Ludwigshafen erlebte. Bei ihren wiewohl an Josef Albers erinnernden Quadraten und eckigen Spiralen verzichtet sie sogar völlig auf ein Lineal.

          Sonia Delaunay, der als Frau der Zugang zu einer ordentlichen Ausbildung an der Karlsruher Akademie verwehrt blieb, teilte sich das Schicksal, ihren Lebensunterhalt mit Stoffentwürfen verdienen zu müssen, mit Loewensberg. Dass sie ihre Erfahrungen mit den farbexperimentellen „Contrastes Simultanés“, die man mit ihrem heute berühmten Namen verbindet, nach dem Zweiten Weltkrieg auf angewandte „Dessins“ übertrug, ist indes schierer wirtschaftlicher Not geschuldet und nicht etwa dem Klischee der als typisch weiblich erachteten Arbeit mit textilem Material. Stickerei kann im Gegenteil auch Avantgarde sein. So weist ein quadratisches Kissen von Sophie Taeuber-Arp, dessen Zierseite mit einer gebrochen farbigen Komposition aus Kreisen und spitzen Winkeln bedeckt ist, auf modernste Technik voraus. Denn die Struktur des Stramins gibt ein Raster vor, das die Kreuzstiche wie grobe Pixel aussehen lässt. Rundungen erscheinen dadurch getreppt wie auf frühesten Computerdarstellungen.

          Kalligrafisch anmutende Spachtelarbeiten

          Keine Berührungsängste mit mathematisch genauer Konstruktion zeigt Vera Molnár. Dabei verließ sie sich allerdings nicht mehr auf Lineal, Zirkel oder Winkelmesser, sondern bediente sich schon 1968 der Möglichkeiten, die der Computer bot. Die Ergebnisse: Gebirge aus zittrigen Linien, die bildgebende Verfahren der Medizin assoziieren lassen.

          Charlotte Posenenske hat ihren Ruhm, der 2007 mit der Documenta 12 begann, nicht mehr erlebt. Dass man ihr Schaffen nun der Konkreten Kunst zuordnet, dürfte ihr kaum behagt haben. In ihrer kompromisslosen Haltung, die im kompletten Rückzug von jeglichem künstlerischen Tun mündete, hätte sie es wohl als einengende Etikettierung empfunden. Die kuratorische Entscheidung wird jedoch dadurch legitimiert, dass die Schau auf eine bemerkenswerte Facette von Posenenskes Frühwerk aufmerksam macht: Kalligrafisch anmutende Spachtelarbeiten geben zum einen den Einfluss ihres Stuttgarter Lehrers Willi Baumeister zu erkennen und zeigen zum anderen, dass sich Intuition und Konstruktion nicht ausschließen.

          Ob dies, wie es die nicht zuletzt unter kunstsoziologischen Aspekten getroffene Auswahl der Künstlerinnen zumindest impliziert, als eine ausdrücklich weibliche Form der Konkreten Kunst verstanden werden muss, steht dahin. Keine Frage ist, dass alle ein solches Forum schon viel früher verdient hätten.

          Zwischen System und Intuition: Konkrete Künstlerinnen. Im Kunstmuseum Stuttgart; bis 17. Oktober. Der Katalog kostet 28 Euro.

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