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Ausstellung „Real Feelings“ : Wir empfindsamen Maschinen

Ist die Digitalisierung der Welt, die gerade vor sich geht, der Siegeszug der Vernunft? Die Ausstellung „Real Feelings – Emotion and Technology“ bezweifelt es. Auf sehr kluge Weise.

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          Krieg ist Frieden“ Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!, lauten die Parolen am Ministerium für Wahrheit in George Orwells Roman „1984“. Verfasst hat er ihn kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als bei den Stichworten Überwachung und Bewusstseinslenkung noch keiner an das Tracking und Nudging privatwirtschaftlicher Netzkonzerne oder digital aufgerüsteter Versicherungs- und Staatsapparate dachte. 2020 könnten die Slogans für einen in unserer Gegenwart gründenden Zukunftsroman lauten: „Gefühle sind Wahrheiten! Fakten sind Fiktionen! Wissen ist unmöglich!“.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Diesen Ausblick auf das schwindende Vertrauen in die Vernunft als aufklärerische Universalinstanz eröffnet zumindest der Rahmen, den die internationale Gruppenausstellung „Real Feelings – Emotion and Technology“ im Haus der elektronischen Künste Basel (HeK) setzt. Unsere Gegenwart als postfaktisches Zeitalter, in dem individuelle Emotionen als authentisch und wahr gehandelt werden, nachprüfbare Tatsachen (und mit ihnen Experten) dagegen als dubios gelten – ganz einfach, weil im digitalen Raum viel zu viele Informationen flottieren: Das ist common sense, und davon gehen auch die Kuratorinnen Sabine Himmelsbach, die Direktorin des HeK, Angelique Spaninks, ihre Kollegin er vom MU Hybrid Art House in Eindhoven, sowie Ariane Koek aus.

          Ihr Interesse bei der Konzeption der Schau aber gilt – und hier wird es wirklich interessant – dem unbekannten Territorium, auf das wir erste, tastende Schritte setzen. Künftig werden digitale Technologien unsere Gefühlsleben immer besser zu analysieren und zu beeinflussen in der Lage sein, mehr und mehr Robotik-Systeme werden emotional aufgeladene Interaktion zwischen Mensch und Technik ermöglichen (oder erzwingen), und am Horizont taucht eine Künstliche Intelligenz (KI) auf, die so komplex ist, dass sie womöglich selbst so etwas wie ein Bewusstsein oder Empfindungen entwickelt. „Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Emotionen und Technologie scheinen sich zunehmend aufzulösen“, konstatiert Sabine Himmelsbach. Und fragt: Was machen Digitalkünstler heute aus solchen Visionen?

          Systemversagen durch Gesichtsmasken

          Zwanzig aktuelle Positionen von vier Kontinenten versammelt die Schau; einige Exponate wurden speziell für „Real Feelings“ angefertigt, allen Widrigkeiten der Pandemie zum Trotz. Ein interaktives Lehrstücke über biometrische Überwachung und den sozialen Druck, den diese durch Feedback-Schleifen aufbauen kann, torpedierte die Covid-19-Bedrohung gleichwohl eindrucksvoll. Die Installation „Vibe Check“ der Amerikaner Lauren Lee McCarthy und Kyle McDonald zeigt auf Bildschirmen in den Ausstellungsräumen aufgenommene Bilder. Je nachdem, wie sich Personen im Umfeld eines bestimmten Besuchers verhalten, wird eine emotionale Reaktion attribuiert: Er oder sie löse Langeweile, Angst oder anderes aus. Am Ende des Parcours erkennt man sich selbst im Bewertungsfeld – eigentlich. Die allgegenwärtigen Gesichtsmasken tricksen die Software aus. „Ich finde es aufregend, das System versagen zu sehen“, sagt Kyle McDonald, per Videoanruf zugeschaltet bei der Eröffnung. Tatsächlich ist „Vibe Check“ unverhofft zum einem der aktuellsten Kommentare der Schau auf unser digital durchwirktes, aber unberechenbarer gewordenes Leben avanciert.

          Die Vermessung unserer Gesichter zu dem Zweck, Nutzen aus dem Wissen um unser Gefühlsleben zu ziehen oder Avatare mit vertrauenserweckend humanoiden Zügen zu entwickeln, ist ein wiederkehrendes Thema der Ausstellung. Lorem, tatsächlich der italienische Musiker und Bildkünstler Francesco D’Abbraccio, lässt uns dem Unheimlichen ins Auge sehen: Miteinander konkurrierende, künstliche neuronale Netzwerke errechnen für ihn fluide, an „Terminator“ erinnernde Gesichter, denen nur schwer Emotionen zuzuordnen sind. Ungeachtet dessen, dass – die holländische Künstlerin Coralie Vogelaar stellt es in „Facial Action Coding System“ aus – unsere vierundvierzig Gesichtsmuskeln grundsätzlich sechs Basisemotionen Ausdruck verleihen, kämpfen KI-Systeme (noch) damit, diese zweifelsfrei zu erkennen. Allein das Glücklichsein scheint der Technik offensichtlich: „Happiness is the only true emotion“ heißt denn auch eine Fotoserie des Schweizers Clément Lambelet.

          Am eindrücklichsten übersetzt das koreanische Duo Shinseungback Kimyonghun, wie biometrische Systeme die unendlich Vielfalt der Seelenzustände erst digital rastern, dann in neue synthetische Weiten schicken können, auf die wir wiederum emotional reagieren – worauf das Spiel von Neuem beginnt. In der Installation „Mind“ erzeugen mit Metallkugeln gefüllte Trommeln Ozeangeräusche. Ob sanftes Wogen oder wildes Stürmen, das hängt von dem ab, was eine Gesichtserkennungssoftware aus der Mimik der Besucher liest. Im schlimmsten Sturm können wir uns optisch-akustische Dopplereffekte vorstellen – in schönster Analogie zu Erregungswellen in den sozialen Netzwerken.

          Gefühle und ihre digitale Vortäuschung

          Die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper und seinen Simulationen bildet einen weiteren, naheliegenden Schwerpunkt. Unser Leiber, von Nerven durchzogen, vom Herzschlag durchpulst, mit Hormonen durchflossen, sind schließlich biologische Erregungsmaschinen – so ungefähr hat sich das vor zweihundertsiebzig Jahren schon der Materialist Julien Offray de La Mettrie in „L’Homme-Machine“ vorgestellt. Inzwischen, zeigt „Real Feelings“, ist eher „La Machine-Homme“ gefragt, eine am Bild des Menschen orientierte Maschine, die ihre eigene digitale Verfasstheit sorgfältig hinter der Vorspiegelung emotionaler Intelligenz verbirgt. Das kann plump daherkommen wie in der nahezu perfekten Imitation menschlichen Aussehens bei humanoiden Robotern („One of Them is a Human“ von Maija Tammi) oder auf raffinierterem, semiotischem Wege unternommen werden.

          Seokyung Kim aus Korea hat eine KI mit achthundert literarischen Werken der Romantik gefüttert, auf dass das System unter dem Titel „The Trace of Sorrow“ lyrische Texte verfasse. „Sie ließ für sich Sorge tragen, ließ ihre Tränen den Ozean vertiefen.“ Selbst Wohlwollende werden wenig bewegt sein durch solch unbeholfenes Geklingel mit emotional aufgeladenen Worten, hinter denen kein fühlendes Herz pocht. In der Installation „Encyclopedia of Emotion“ sind Besucher eingeladen, die KI weiter zu trainieren.

          Und dann ist da die Sehnsucht nach Berührung, die in diesen kontaktlosen Zeiten umso evidenter wird. In dem Installations-Doppel „Synthetic Seduction“ und „Skin-to-Skin“ der Däninnen Stine Deja und Marie Munk kann man organisch geformte Skulpturen mit einer hautartigen, wie von Adern durchzogenen Oberfläche kneten, während auf dem Videoschirm ein Roboter in einer Art Kreißsaal „I wanna know what love is“ singt. Und Lucy McRae, die sich schon lange mit Szenarien beschäftigt, in denen Menschen – etwa auf Raumfahrtmission – lange ohne Körperkontakt zu anderen überleben müssen, hat uns allen ein Rettungsboot gebaut. In ihrem knallorangefarbenen „Solitary Survival Raft“ findet eine Person Platz, die von einem pneumatischen System in rhythmischer Folge mal loser, mal enger umschlossen wird. Wie ein gepuckter Säugling, der eng von einer Decke umschlungen Geborgenheit empfinden soll, können wir also hinaustreiben – in eine ungewisse Zukunft.

          „Real Feelings – Emotion and Technology“. Im Haus der elektronischen Künste Basel, bis zum 15. November, vom 26. März 2021 an im MU Hybrid Art House in Eindhoven. Der Katalog kostet im Museum 25 Schweizer Franken.

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