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Die Nacht in der Kunst : Sterne, Taumel und das Grenzenlose

  • -Aktualisiert am

Der Sonne eine Falle stellen: Die Ausstellung „Peindre la nuit“ im Centre Pompidou Metz zeigt gemalte Visionen der Nacht.

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          Die Beschäftigung mit dem Thema der Nacht in Kunst und Literatur fängt nicht von ungefähr gleich nach dem Zeitalter der „Lumières“, nach der Aufklärung an. Mit dem Gedichtzyklus „Hymnen an die Nacht“ läutet Novalis im Jahr 1800 die Romantik ein. Innerlichkeit, Empfindsamkeit und der Taumel der Sinne, die Schattenseiten von Klassizismus und aufklärerischer Vernunft, werden zum Thema künstlerischer Auseinandersetzung. Der Mond stellt sich gewissermaßen vor die Sonne und hüllt die romantisch suchende Welt in ein köstliches Zwielicht. Die Nacht als Gegenwelt fordert zu einer anderen Art des Sehens und der Wahrnehmung heraus. „Himmlischer als jene blitzenden Sterne/ In jenen Weiten/ Dünken uns die unendlichen Augen/ Die die Nacht in uns geöffnet“, schreibt Novalis. Die nocturnen Aspekte der Romantik greift später der Symbolismus auf, dann begeistern sich die Surrealisten für Novalis und die Nacht: für das Unbewusste, Träume und Visionen.

          „Peindre la nuit“ ist ein großartiges Ausstellungsthema. Im Französischen lassen sich mit dem Titel gleich zwei Bedeutungsebenen ansprechen: „Die Nacht malen“, als durchaus paradoxes Unternehmen, Nachtlandschaften oder kosmische Tiefe zum Gegenstand künstlerischer Darstellung zu machen, aber auch „nachts malen“, wenn der Künstler schlaflos dem Reich der inneren Trubel ausgeliefert ist. Die Sammlungen des Centre Pompidou befassen sich mit der Moderne bis zur Gegenwart, wodurch ein zeitlicher Rahmen gesetzt wird. Jean-Marie Gallais, der die Ausstellung in Metz nach jahrelangen Vorüberlegungen ausgerichtet hat, stellt Resonanzen zwischen Künstlern und Bewegungen her, und gliedert die etwa zweihundert gewählten Werke (überwiegend Malerei, aber auch Skulpturen, Installationen, Foto und Film) in sechs thematische Abschnitte. Sie führen vom Reiz, das Grenzenlose, aber auch das Licht von Nacht und Sternenhimmel visuell zu fassen, über die innere, von Erscheinungen heimgesuchte oder die metaphorische bis hin zur kosmischen Nacht, wobei Zitate und Texteinspielungen der einschlägigen literarischen Kenner nächtlicher Abgründe wie Baudelaire, Lautréamont oder Georges Bataille die Auseinandersetzung reflektieren.

          Irrlichter der Stadt

          Ein poetisches Präludium mit einer Videoarbeit der jungen französischen Künstlerin Jennifer Douzenel versetzt den Besucher zunächst einmal selbst in die verunsichernde Orientierungslosigkeit der Nacht. Im jegliches Raumgefühl absorbierenden Schwarz, in das man eintritt, tanzen kleine gleißende Punkte. Es sind Glühwürmchen, gefilmt in der malaysischen Mangrove. Einem derart intensiven Schwarz mit lichternden Erscheinungen begegnet man in Alex Katz’ Nachtgemälde „Bond Street #1“ wieder. Dort sind es allerdings die Irrlichter der Stadt, Straßenlaternen und Scheinwerfer auf schwarzem Asphalt. Noch später zeigt Gerhard Richters „Sternbild“ den astralen Wirbel weißer Pinseltupfer auf tiefem Schwarz wie einen metaphysischen Taumel.

          Das Phänomen der Nacht verändert die Wahrnehmung, lässt Konturen, Perspektiven und visuelle Realität verschwimmen. Winslow Homer malt 1890 mit „Sommernacht“ ein phantastisches Nocturne mit einem tanzenden Paar vor einem im Mondlicht durch knallweiße Wellenkämme gleißenden Meer. Der rumänische Künstler Adrian Ghenie löst sein Motiv einer nächtlichen Waldszene nahezu abstrakt auf. Im Gemälde „The End of Romanticism“ von 2009 entsteht durch einen ebenso knallweißen Lichtreflex der Gedanke an den bedrohlichen Scheinwerfer eines Autos, das auf einen Baum zufährt.

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