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Fotografien von Susan Meiselas : Der Skandal des sterblichen Fleischs

Auf dem Laufsteg: „Ein Zelt voller angeworbener Kunden, Tunbridge, Vermont, 1974“, aus dem Fotozyklus „Carnival Strippers“ Bild: Susan Meiselas/Magnum

Susan Meiselas hat Kriege und Bürgerkriege mit der Kamera begleitet. Aber am bewegendsten in ihrer Berliner Retrospektive sind ihre Aufnahmen von Frauen, die sich auf Jahrmärkten in der amerikanischen Provinz vor Kunden ausziehen.

          4 Min.

          Susan Meiselas hat die Bürgerkriege in Nicaragua und El Salvador fotografiert, die Flüchtlinge im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, die Kurdenverfolgungen im Nordirak und die häusliche Gewalt in einer heruntergekommenen Industrieregion in Mittelengland. Dennoch sind es nicht die Bilder menschlichen Leidens und entfesselter Gewalt, die aus der Berliner Re­trospektive ihres Le­bens­werks herausstechen.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Aufnahmen, die man am klarsten in Erinnerung behält, sind solche vom Se­hen und Gesehenwerden, von gewollter und er­zwun­ge­ner Entblößung, vom Preis der Nacktheit und dem zwiespältigen Tri­umph des Voy­eurismus. Es sind Fotos, die im eigentlichen Sinn ins Auge gehen.

          Meiselas, 1948 in Baltimore geboren, hat in den frühen Siebzigerjahren mit Fotoserien über ihre Nachbarn in einer Zimmerpension in Cambridge und über Landbewohner in den Südstaaten South Carolina und Mississippi angefangen. Das Projekt aber, das sie berühmt gemacht und für ihre Aufnahme in die Fotoagentur Magnum gesorgt hat, sind die 1973 begonnenen und 1975 vollendeten „Carnival Strippers“.

          Meiselas hatte die Stripperinnen, die sich auf Jahrmärkten in Zeltbars auszogen und bei entsprechendem Aufpreis von Be­su­chern anfassen ließen, bei ihren Fahrten durch New England entdeckt. Ihre Aufnahmen dokumentieren den Arbeitsalltag der Frauen wie den Blick und das Gebaren ihrer Kunden, sie sind Milieustudie, Be­schrei­bung von Geschlechterverhältnissen und Porträtgalerie zugleich.

          Im c/o Berlin, wo man von den tagebuchhaften Text-Bild-Kombinationen der Serie „44 Irving Street“ und den beinahe lyrisch wirkenden Gruppenporträts der „Prince Street Girls“ aus Manhattans Little Italy zu den Bildern aus Neuengland weitergeht, trifft einen die Wahrheit der „Carnival Strippers“ wie ein Schlag. Auf einmal ist da nichts mehr von Lebensfreude, Adoleszenz oder Heimatgefühl. Man sieht nackte und halb nackte, von Schwangerschaftsstreifen, Operationsnarben, Alkohol und Übergewicht ge­zeich­ne­te Frauen und die Gesichter der Kunden, denen sie sich darbieten. Man erkennt aber auch, dass die Umgebung, in der die Frauen auftreten, das Zerrbild einer Gesellschaft ist, in der Sex und Geld untrennbar verbunden sind.

          Mit Doppelbelichtung: Meiselas’ Selbstporträt von 1971 Bilderstrecke
          Frauen, Mädchen Revolutionäre : Aus dem fotografischen Werk von Susan Meiselas

          In diesem Maschinenraum des amerikanischen Traums wird das Streben nach Glückseligkeit zur Parodie des Begehrens. Aber die Ob­jekte dieser traurigen Triebökonomie bekommen bei Meiselas eine Würde, die sie auf eine Stufe mit Königinnen und Filmstars stellt. Sie findet in den Stripperinnen unter den Spuren des be­schädigten Lebens das Bild des Menschen als Frau.

          Der Schock, der am Anfang ihrer fotografischen Arbeit steht, verwandelt sich beim Hinschauen in eine Ästhetik des Mitgefühls. Diese Fotos sind schön, weil sie zeigen, was ist – oder was vor fünfzig Jahren war und heute in anderer, zeitspezifischer Form fortbesteht.

          In einem Aufsatz in der Broschüre, die das c/o Berlin zu der Ausstellung veröffentlicht hat, berichtet die amerikanische Kunsthistorikerin Abigail Solomon-Go­deau von der verstörten Reaktion einer Gruppe von Kunststudenten, die Meiselas’ Aufnahmen in einer Pariser Ausstellung sahen. Was die Seminarteilnehmer irritierte, war nicht das Machtgefälle zwischen den Kunden und Veranstaltern der Strip-Shows und den darin auftretenden Frauen, sondern die Unvollkommenheit der nackten Körper: „Die Umstände, die dazu führten, dass die Stripperinnen diese A­rbeit einem Fabrikjob oder anderer körperlicher Arbeit vorzogen, waren überhaupt nicht von Interesse. Für die Studentinnen lag der obszöne Skandal in der Entblößung des sterblichen Fleischs von Allerweltsfrauen.“

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