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Kunst aus Ungarn in Berlin : Auf der Flucht vor dem Terror kamen sie an die Spree

Hugó Scheiber, „Auf der Straßenbahn“, 1926 Bild: Berlinische Galerie

Die Ausstellung „Magyar Modern“ erzählt von ungarischen Künstlern, die nach dem Ersten Weltkrieg in die deutsche Hauptstadt flohen – aber nicht, um zu bleiben.

          3 Min.

          Der 16. November 1919 war ein Schicksalsdatum für die ungarische Kunst. An diesem Tag zog die antirepublikanische Nationalarmee unter dem Kommando des früheren K.-u.-k.-Admirals Miklós Horthy in Budapest ein. Der von den Westmächten England und Frankreich gebilligte Einmarsch beendete das Machtvakuum, das nach dem Sturz der Räterepublik unter Béla Kun durch rumänische Invasionstruppen im Sommer entstanden war. Im folgenden Winter entfesselten Horthys Truppen eine Terrorkampagne gegen Kommunisten, Sozialisten und Juden und lösten eine breite Fluchtwelle in der ungarischen Intelligenz aus. Wer konnte, ging nach Wien und weiter nach Berlin. Im März 1920 wurde Horthy zum Reichsverweser auf Lebenszeit gewählt. Er regierte bis 1944, dann wurde er von SS-Truppen ge­stürzt und durch ein Regime der faschistischen Pfeilkreuzler-Partei ersetzt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Einer der Intellektuellen, die sich aus Budapest nach Wien absetzten, war der Publizist Lajos Kassák. In Österreich gab er die Kunstzeitschrift „MA“ heraus, die neben Werken von Mondrian, Man Ray und El Lissitzky Arbeiten ungarischer Künstler veröffentlichte. Zu ihnen gehörten Sándor Bortnyik, der 1918 noch eine kubistische „Rote Lokomotive“ ge­malt hatte und nun im konstruktivistischen Stil weitermalte, und László Moholy-Nagy, der gerade den Übergang vom Konstruktivismus und der Collage zum Experimentalfilm und der Fotografie vollzog. Auch Kassák selbst betätigte sich bald künstlerisch. Seine abstrakten „Bildarchitekturen“ wurden in der Berliner Galerie von Herwarth Walden ausgestellt, dessen Monatszeitschrift „Der Sturm“ das Zentralorgan der ästhetischen Moderne in Deutschland war. Zu den vielen ungarischen Künstlern, deren Werke Walden im „Sturm“ publizierte, zählten neben Bortnyik die Spätexpressionisten Béla Kádár und Hugó Scheiber, der abstrakte Maler János Mattis Teutsch, der Konstruktivist Peter László Péri und wiederum Moholy-Nagy.

          Hugó Scheiber: „Selbstbildnis“, 1928/30
          Hugó Scheiber: „Selbstbildnis“, 1928/30 : Bild: Janus Pannonius Museum

          Die Ausstellung „Magyar Modern“, mit der die Berlinische Galerie an die ungarische Künstlerdiaspora im Berlin der Zwanzigerjahre erinnert, zeigt keine ästhetische Schule, sondern ein Netzwerk. Dabei erstaunt, wie lose das Netz geknüpft, wie brüchig seine Fäden waren. Kein Un­garn­stamm­tisch, kein magyarisches Café stellte die Verbindung zwischen den Künstlern her, sondern allein ihr Kontakt zu Walden, Kassák und ein paar Berliner Galeristen, zu denen auch Ferdinand Möller gehörte. Bei Möller waren Ölbilder von Lajos Tihanyi zu sehen, der als die Entdeckung der Ausstellung gelten kann. Sein expressionistisches Selbstbildnis von 1922 zieht die Schöneberger Stadtkulisse mit ihren Ga­so­me­tern und Brandmauern in den Wohnungsinnenraum hin­ein, sein im Vorjahr entstandenes „Ufer“ spiegelt die Kreuzberger Gasanstalt im Landwehrkanal.

          Aber das Urteil der Zeitgenossen über Tihanyi fiel negativ aus; ihm fehle, hieß es, die malerische Kraft von Schmidt-Rottluft und Pechstein. Schon 1924 zog Tihanyi weiter nach Paris, so wie viele aus der ersten Welle der Emigranten. Den wenigsten gelang es, in Berlin dauerhaft Fuß zu fassen wie dem Betonbildhauer Peter László Péri, der als Architekt beim Stadtbauamt arbeitete und erst nach der Machtübernahme vor der NS-Rassenpolitik nach England floh.

          Béla Czóbel, Liegende Frau, um 1922
          Béla Czóbel, Liegende Frau, um 1922 : Bild: Museum der Bildenden Künste - Ungarische Nationalgalerie / © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

          Wie Péri verließ damals auch Oskar Kaufmann Deutschland, der Architekt der Kroll-Oper und Schöpfer mehrerer ikonischer Theaterbauten Berlins, des Hebbel- und des Renaissancetheaters und der Volksbühne am Luxemburgplatz. Die meisten der Exilungarn, die nicht nach Frankreich oder wie Bortnyik im politischen Tauwetter der späten Zwanzigerjahre zurück nach Budapest gegangen waren, schlossen sich dem Exodus der deutschen Kulturelite an. Als einer der Letzten ging Moholy-Nagy, der sich nach seiner Tätigkeit am Bauhaus ein florierendes Atelier im Berliner Westen aufgebaut hatte. Noch von London aus, wohin er 1935 mit seiner Familie ausgereist war, versuchte er der Reichskunstkammer beizutreten. Sein Antrag wurde abgelehnt.

          Der vorletzte Raum der Ausstellung ist der Fotografie gewidmet. Es ist ihre Schatzkammer, denn die bildende Kunst des ungarischen Exils bleibt im Wesentlichen epigonal, während mit den Fotografen aus Ungarn tatsächlich etwas Neues beginnt. Das gilt für Éva Besnyös traumwandlerisch präzise Straßenszenen aus dem Berlin der frühen Dreißigerjahre ebenso wie für die exquisiten Stillleben von Martin Munkácsi, der die Dahlemer Wohnung Fritz Langs wie einen Glaspalast erstrahlen lässt, und die neusachlichen Aufnahmen von Judit Kárász von der Großbaustelle am Alexanderplatz und dem Eisengewebe des Berliner Funkturms.

          László Moholy-Nagy, Konstruktion, um 1922
          László Moholy-Nagy, Konstruktion, um 1922 : Bild: bpk/Kupferstichkabinett, SMB/Jörg P. Anders

          Éva Besnyö starb 2003 in Holland. Vor elf Jahren widmete ihr die Berlinische Galerie eine Einzelausstellung. Sándor Bort­nyik und Hugó Scheiber kehrten nach Un­garn zurück und stellten ihre Malerei nach 1945 in den Dienst des sozialistischen Realismus. Bela Kádár überlebte den Holocaust im Budapester Ghetto, während seine ganze Familie er­mor­det wurde. Martin Munkácsi, der als Hausfotograf der „Berliner Illustrirten Zeitung“ den historischen Händedruck zwischen Hitler und Hindenburg in Potsdam festhielt, wurde in seiner dritten Heimat Amerika zu einem Meister der Modefotografie. Könnte man alle diese Schicksale zu ei­nem Gesamtbild vereinen, bekäme man ein Panorama der Tragödie des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Berliner Ausstellung stellt dafür eine Auswahl von Motiven bereit. Das Bild ergibt sich im Kopf des Betrachters.

          Magyar Modern. Ungarische Kunst in Berlin 1910 –1933. Berlinische Galerie, bis zum 6. Februar. Der Katalog kostet 49,90 Euro.

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