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Ausstellung in Oldenburg : Liebt die Kinder und fördert ihr Spiel

Malcom Morley: „Tent and Child“, 2002 Bild: Oldenburger Landesmuseum

Jede Zeit hat ihre Vorstellung davon, was Kindheit bedeutet. In Oldenburg sind jetzt Kinderdarstellungen von der Renaissance bis zur Moderne zu sehen. Und man fragt sich: Wann waren Kinder am glücklichsten?

          3 Min.

          Im Prinzenpalais des Oldenburger Landesmuseums gibt es etwas zu sehen, das wir in unseren Großstädten, seit die Mietpreise dort auf zum Teil groteske Höhen gestiegen sind, leider immer seltener zu Gesicht bekommen: Kinder. Es sind Kinderdarstellungen von der Renaissance bis zur Moderne, darunter großformatige Gemälde, Zeichnungen, Graphiken, aber auch Kinderspielzeug. Die Kuratorin Anna Klaassen konnte bei der Ausstellungskonzeption auf einen reichen hauseigenen Fundus zurückgreifen und mehrere Museen für Leihgaben gewinnen. Entstanden ist auf diese Weise eine eindrucksvolle Schau, die unter anderem Werke von Paula Modersohn-Becker, Käthe Kollwitz, Ernst Ludwig Kirchner, Lovis Corinth, Karl Schmitt-Rottluff und Otto Dix versammelt.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Bekanntlich hat jede Zeit ihre Vorstellung davon, was Kindheit bedeutet. Bezogen auf heute, fallen einem sofort Begriffe ein wie helicopter parents, early english, Baby-Yoga, ADHS oder Lebenslaufoptimierung. Die Frage, die sich somit als Erstes stellt, wenn man durch diese chronologisch angeordnete Ausstellung geht, lautet: In welchen Kinderaugen liegt das größte Glück?

          Kindheit als magischer Lebensabschnitt

          In jenen, die uns aus den Gemälden des sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert entgegenblicken, jedenfalls nicht. Dort posieren als Erwachsene verkleidete Kinder, sehr ernst, sehr steif, beinahe staatsmännisch. Es sind Repräsentationsporträts, die nichts dem Zufall überlassen. Sie galten als Statussymbol, da es sich nur adlige Familien oder wohlhabende Kaufleute leisten konnten, ihre eigenen Kinder in Szene setzen zu lassen, weshalb diese Bilder auf ihre Betrachter gar nicht prunkvoll genug wirken konnten. Nehmen wir das Pieter Leermans zugeschriebene Werk „Kleine Prinzessin“, entstanden um 1680: Es zeigt ein vielleicht drei Jahre altes, komplett ausstaffiertes Mädchen, das zum dirndlartigen Kleid mit kleiner Schleppe spitz zulaufende Schuhe sowie einen üppigen Kopfschmuck trägt. Den in ihren Händen liegenden Blumenstrauß hat sie offenbar in jenem sich hinter ihr ausbreitenden Landschaftspark gepflückt. Alles Kindliche wurde aus ihren Gesichtszügen verbannt. Glücksgefühle sehen anders aus.

          Von diesem Zeitpunkt an dauerte es noch eine ganze Weile, bis sich zumindest der Gedanke durchsetzte, dass Kinder etwas anderes als Miniatur-Erwachsene sind und deshalb besonderer Zuwendung bedürfen. Das war im achtzehnten Jahrhundert so, der Zeit aufklärerischer Gedanken, der Vernunft, die auch den Boden für die umfangreiche Kinderliteratur bereitete, die damals entstand. 1762 erschien Jean-Jacques Rousseaus revolutionäres Buch „Emile oder über die Erziehung“, in dem die Idee der Kindheit als magischer Lebensabschnitt auftaucht, der in vollen Zügen genossen werden muss. Dort stehen Sätze wie: „Menschen, seid menschlich; dies ist eure erste Pflicht! Liebt die Kinder, fördert ihre Spiele, ihre Vergnügen, ihren liebenswürdigen Naturtrieb.“

          Christoph Adalbert Friedrich von Stein zum Altenstein hatte das große Glück, genau dies tun zu dürfen, nämlich Spaß haben. Der Fuldaer Hofmaler Johann Andreas Herrlein malte den Jungen um 1770 jedenfalls beim Schaukeln. Ob diese Spielerei eine seltene Ausnahme darstellte, wissen wir natürlich nicht. Was wir sehen, ist ein - trotz der rosafarbenen Strumpfbänder, die er tragen muss - lächelnder Bub, angeschubst von seiner Kinderfrau (ihrer schlichten Kleidung wegen handelt es sich bei der dargestellten Frau wohl nicht um die Mutter des Knaben).

          Die schönen Seiten der Kindheit gibt es nicht ohne die hässlichen. Es ist das Verdienst dieser Ausstellung, dass sie immer wieder irritiert. Zum Beispiel, wenn man vor Conrad Felixmüllers Gemälde „Kinderbewahranstalt“ (1924) steht, das als scharfe Kritik an den sozialen Missständen der Weimarer Republik interpretiert werden kann. Viele Frauen waren damals auf Grund ihrer Berufstätigkeit gezwungen, ihre Kinder in Heime abzuschieben. Felixmüllers Kinderporträt (das zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit changiert) ist eine der traurigsten Darstellungen. Über dem bunten Haus, auf dem das Wort „Kinderbewahranstalt“ prangt, spannt sich ein bedrohlich dunkler Himmel, der aussieht, als würde sich bald ein Gewitter entladen. Es ist Winter, und durch den tiefen Schnee stapft ein vermummtes Mädchen, dessen Wangen durch die Kälte rot gefärbt sind. Sie schaut uns aus zu Schlitzen verzerrten Augen an. Ihr Blick ist eine einzige Anklage.

          Kindsein heißt immer auch, dass man seiner Umwelt ausgeliefert ist. Glück und Unglück liegen sehr nah beieinander. Die Frage nach den glücklichsten Kinderaugen, die man sich am Anfang stellte, stellt sich am Ende nicht mehr. Was überwiegt, ist die Freude, nicht mehr Kind zu sein.

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