https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung-in-nuernberg-untersucht-das-wahrsagen-in-ost-und-west-17244616.html

Wahrsagen in Ost und West : Schicksal oder freier Wille?

Stattdessen stellt die Ausstellung immer wieder Exponatspaare zusammen, die von interkulturell ganz ähnlichen Verfahren sprechen, vermeintlich einen Blick in die Zukunft zu werfen. Grundlage dafür ist naturgemäß die Überzeugung, dass diese Zukunft bereits feststeht und dass es ein Schicksal gebe, das sich vielleicht erkennen, aber nicht beeinflussen lässt. Dem Gedanken der Aufklärung, die im 18. Jahrhundert in Europa aufkommt, läuft das zuwider, nur dass wiederum in Verfahren wie dem Mesmerismus, der Friederike Hauffes Behandlung durch Justinus Kerner zugrunde liegt, eben auch ein naturwissenschaftliches Element mit dem Okkulten eine Verbindung eingeht, ganz wie es sich der Freiherr von und zu Aufseß erhoffte: den Zugang zum Geisterreich mit neu entwickelten, scheinbar rationalen Methoden.

Wahrsagerei gibt es noch immer

Und während um 1800 die Wahrsagerei insgesamt in Verruf kommt – auch das zeigt die Ausstellung mit hinreißend satirischen Karikaturen –, wird sie weiter und bis heute praktiziert. In Nürnberg entschied man sich wohl auch deshalb für keine chronologische oder räumliche, sondern eine thematische und an den unterschiedlichen Techniken orientierte Gliederung. Zu Beginn werden chinesische Tempelorakel vorgestellt, an denen die Ratsuchenden auch mitwirken, indem sie etwa einen Stab aus einem Köcher ziehen und so aus einer Fülle von um die hundert Prophezeiungen eine bestimmte auswählen, was hier auch der Ausstellungsbesucher kann. Der Unterschied zum westlichen Kirchenbesucher mit seinem Gebet liegt in der ausformulierten Antwort, die seinem östlichen Pendant zuteil wird, selbst wenn sie naturgemäß wenig konkret wird („Ihrem Unglück wird Glück folgen“).

Andere Prophezeiungen richten sich nicht an Einzelne, sondern beschreiben Ereignisse, die alle betreffen – Hungersnöte, Kriege, geistliche Krisen, schließlich die Apokalypse. Ausgestellt sind schriftliche Fassungen solcher Vorhersagen seit dem Mittelalter in teils kostbaren Editionen, und eine schöne Kooperation mit dem Nürnberger Theater resultiert in drei Lesungen solcher Texte durch Schauspieler, die auch einen offen satirischen Beitrag aus dem 19. Jahrhundert umfassen – kein Zufall, unter den periodischen Höhepunkten der Gattungsgeschichte okkulter Texte war die Zeit um 1900 besonders produktiv.

Die Zukunft in den Wolken

Es war auch die Zeit der Geisterfotografie und der Séancen, deren Spuren hier ebenfalls gezeigt werden, ergänzt um das allerdings wesentlich ältere chinesische Phänomen der Phönix-Griffel – verzierte Holzkonstruktionen, die aufgrund unwillkürlicher Bewegungen ihrer Träger Schriftzeichen erzeugten, die wiederum als jenseitige Botschaft gedeutet wurden. Es fällt nicht schwer, dabei an das automatische Schreiben der französischen Surrealisten zu denken, und auch die Traumdeutungen, die in Ost und West in durchaus vergleichbaren Büchlein für den Hausgebrauch festgehalten wurden, nehmen in Darstellungen zu den Surrealisten (wie Raymond Queneaus Roman „Odile“) ihren eigenen Platz ein.

Immer deutlicher im Verlauf der Ausstellung wird die Balance zwischen dem Wunsch, die Zukunft zu ergründen, und den Ansprüchen derer, die sich möglichst konkrete Antworten erhofften. Gezeigt werden historische Horoskope, eine Kristallkugel, Orakelknochen (angebohrt und erhitzt, sprechen die Götter aus der Form der entstandenen Risse im Schildkrötenpanzer) und die Darstellung von zeichenhaften Naturphänomenen wie Wolkenformationen. All das deuten zu können ist nicht zuletzt eine Machtfrage, und so sind es oft die Herrscher, die sich die letzte Entscheidung über die Botschaften vorbehalten.

Die Frage, welchen Anteil an Schicksal wir in unserem Leben wahrnehmen und welchen an freiem Willen, ist der Ausstellung bis zu ihrer letzten Station hin eingeschrieben – und zugleich auch die Aufforderung zum Misstrauen gegenüber allen Versuchungen des Fatalismus.

Zeichen der Zukunft. Bis 5. September im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg. Der Katalog kostet 37,50 Euro.

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