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Ausstellung in Karlsruhe : Die Kunst, Katzen zum Leuchten zu bringen

  • -Aktualisiert am

Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe zeigt die Retrospektive einer Künstlerin, die sich ihre Anerkennung hart erkämpfen musste. Lynn Hershman Leeson war ihrer Zeit weit voraus.

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          Schaut man durch das kleine Fenster, sieht man auf den ersten Blick nur ein gewöhnliches steriles Labor. Der Unterschied ist jedoch: Es wird in einer Ausstellung gezeigt. Und damit könnte es ebenso gut ein „White Cube“ sein, der berühmte weiße Ausstellungsraum des Kunstbetriebs. Überwindet man die Hemmung, die Tür zu öffnen, die aussieht, als führe sie in einen Kühlraum, tritt man in ein geschlossenes Zimmer und taucht ein in eine Welt, in der sich Wirklichkeit und Möglichkeit überlagern.

          Direkt am Eingang befindet sich eine Wand, auf der Bilder von Wesen gezeigt werden, deren Gene manipuliert wurden: Eine Katze etwa mit geheimnisvollen, dunklen Augen, deren Schnurrbarthaare und Fell grün getigert sind und im Dunkeln leuchten, so dass man sie für den bösen Zwilling der Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ halten kann. Wendet man seinen Blick nach rechts, sieht man lebende Fische. Es sind kleine Fische, die im Dunkeln fluoreszierend durch das Aquarium gleiten. Auch hier hat jemand in ihr Genmaterial eingegriffen.

          Geht man weiter durch dieses Kuriositätenkabinett, sieht man eine Nase aus feinem Plastik. Sie wurde mit einem 3D-Biodrucker hergestellt und ist für viele amerikanische Soldaten Realität. Sie reproduzieren damit ihren Körper, um sie im Notfall wiederherstellen zu können. Man passiert einem Raum, dessen Wände mit Briefen von Bürgern an das Oberste Bundesgericht tapeziert wurden. Sie wehren sich gegen den zunehmenden Einfluss von Genmanipulationen. Fiktiv ist einzig und allein das Programm, das anhand der Gesichtszüge die DNA entschlüsselt. Tritt man vor die Kamera, scannt die Software das Gesicht, identifiziert die Person als beispielsweise weiblich und weiß und beginnt laut die Abfolge des angeblichen genetischen Codes vorzutragen. Verlässt man das Labor, wird geraten Handschuhe und Schutzkleidung auszuziehen - die natürlich kein Besucher trägt.

          Zu neuartig für Ausstellungen

          Die Installation „The Infinity Engine“ (2014) ist zurzeit im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe zu sehen. Die Ausstellung mit dem Titel „Civic Radar“ greift dabei Debatten auf, wie die über Genmanipulation, Überwachung, künstliche Intelligenz und Reproduktion. Sie ist zugleich eine Retrospektive, das Lebenswerk der Künstlerin Lynn Hershman Leeson, kuratiert von Peter Weibel und Andreas Beitin.

          Hershman Leeson gilt mittlerweile als Pionierin der neuen Medien. Sie musste jedoch hart um die Anerkennung ihrer Arbeit kämpfen. Sie beschritt Wege, die so neuartig waren, dass manche ihrer Arbeiten wieder aus Ausstellungen entfernt wurden. Für die Serie „Breathing Machines“ (1966) formte sie ihr Gesicht aus Wachs nach, das sie teilweise schwarz einfärbte, und stattete die Masken mit Tonbändern aus, die ihre Atemgeräuschen reproduzierten. Die Werke wurden aus der Ausstellung mit der Begründung entfernt, dass Klang nicht in eine Ausstellung gehöre. Möglicherweise spielte auch die darin bekundete Solidarität mit der Bürgerrechtsbewegung eine Rolle - vielleicht wurden die Vorbehalte aber auch dadurch verstärkt, dass diese Werke von einer Frau stammten. Denn Ende der sechziger Jahre war es Frauen noch immer schwer möglich, im Kunstbetrieb Anerkennung zu finden. Am Anfang ihrer Laufbahn musste Hershman Leeson die Legitimation ihrer Arbeiten also selbst vorantreiben. Unter männlichen Pseudonymen verfasste sie Kritiken ihrer eigenen Arbeiten. Ihre Artikel zeichnete sie mit Namen wie Juris Prudence oder Gay Abandon. Diese Texte wiederum erregten so viel Aufsehen, dass sie daraufhin als Kurator angefragt wurde. Das Angebot konnte sie jedoch nicht annehmen, denn sie hätte ihre wahre Identität preisgeben müssen.

          Der Besucher bestimmt

          Die Konstruktion von Identität spielt im Werk der Künstlerin eine zentrale Rolle. Schon in den „Breathing Machines“ reproduzierte sie ihr eigenes Gesicht. In ihrer bekanntesten Performance, „Roberta Breitmore“, nahm sie in den siebziger Jahren für fünf Jahre die Identität einer Kunstfigur an. Sie lebte das Leben einer fiktiven Persönlichkeit, die den Idealvorstellungen der Medien entsprach. Sie sammelte dabei Erfahrungen, die viele Frauen in den sechziger Jahren teilten. Für Hershman Leeson ist die Identität allerdings nicht nur ein soziales Konstrukt. Sie geht einen Schritt weiter und fragt, ob Identität auch biologisch konstruierbar sei.

          Ihre Installation „Lorna“ von 1979 lud die Besucher früh zur digitalen Interaktion ein. Wieder handelt es sich um eine fiktive Persönlichkeit. Über Lorna, die Protagonistin, heißt es, dass sie aufgrund einer Angststörung ihr Hotelzimmer nie verlassen habe. Ihr einziges Fenster zur Außenwelt, ein Fernseher, befeuert ihre Furcht gleichzeitig. Der Ausgang der Geschichte liegt wortwörtlich in den Händen der Betrachter, die über eine Fernbedienung in das Geschehen eingreifen können. Drei mögliche Enden kann die Geschichte nehmen: Wird Lorna in ihrer Verzweiflung gefangen bleiben? Soll sie resignieren und sich selbst umbringen? Oder wird sie den Fernseher zerstören - und sich von ihren Ängsten befreien?

          Hershman Leeson wohnt heute in der San Francisco Bay Area, dort also, wo zahlreiche Erfindungen, von denen ihre Werke handeln, herkommen. Als Künstlerin ist sie beides zugleich: eine Pionierin, die wie kaum jemand den technischen Fortschritt verfolgt, und eine Aktivistin, die dafür kämpft, dass aus Utopien keine Dystopien werden.

          Fünf Fragen an Lynn Hershman Leeson

          Frau Lynn Hershman Leeson, Sie stellen gerade im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe aus. Zu sehen ist dort auch eines Ihrer berühmtesten Werke: genmanipulierte Fische, die leuchten. Wie verschaffen Sie sich Zugang zu diesen Technologien?

          Ich wohne in der San Francisco Bay Area und eine Menge der Informationen sind dort zugänglich, bevor sie an die Öffentlichkeit kommen. Außerdem gibt es viele Menschen, die, obwohl sich Entwicklungen vor ihren Augen abspielen, nicht in der Lage sind, Neuerungen wahrzunehmen. Ich habe einfach nur Glück.

          Sie haben für die Langzeitperformance „Roberta Breitmore“ fünf Jahre lang die gleichnamige, fiktive Persönlichkeit angenommen. Wie lebt es sich mit einer fremden Identität?

          Breitmore war ein konstruierter Charakter. Sie hat von 1973 bis 1979 Menschen getroffen, eine eigene Wohnung bezogen, einen Führerschein gemacht und ein Bankkonto eingerichtet. Die negativen Erfahrungen, die sie durchlebte, haben meine Sicht auf die Gesellschaft verändert.

          Wie Breitmore sind auch Sie eine Frau: Welche Unterschiede gibt es zwischen Ihren eigenen Erfahrungen und denen von Roberta?

          Roberta hatte blondes Haar, sie trug Make-up, und entsprach genau dem, was in den Medien als attraktiv gilt. Viele Frauen machen ähnliche Erfahrungen wie sie. Doch durch die Person „Roberta“ konnten diese objektiviert werden. Ich habe die Welt durch ihre Augen beobachtet und die Dinge reflektiert.

          Finden Sie die Rolle von Frauen in der Hightech-Industrie problematisch?

          Nein. Dort sehe ich die Stellung der Frau sehr positiv. Ada Lovelace gilt als die erste Programmiererin. Sie hat den ersten Algorithmus für einen Computer geschrieben, Mary Shelley hat das erste Buch über künstliche Intelligenz verfasst. Und Hedy Lamarr entwickelte das Frequenzsprungverfahren. Die Kunstwelt hingegen ist eher repressiv. Und das ist definitiv eine Spiegelung der repressiven Kultur.

          Ist die Utopie, die mit dem technischen Fortschritt einherging, zu einer Dystopie geworden?

          Nein. Die Firmen geben vor, an Utopien zu glauben, doch die Auswirkungen für alle sind dystopisch. Allerdings denke ich, dass es genug Individuen gibt, die gegen die negativen Entwicklungen ankämpfen können. Sie sind dabei untereinander immer besser und internationaler vernetzt. In meinem Labor „Infinity Engine“, das in Karlsruhe gezeigt wird, stelle ich Unterlagen aus, die davon zeugen: zum Beispiel Beschwerdebriefe an das Oberste Bundesgericht, mit denen sich die Verfasser gegen Genmanipulation und den starken Einfluss großer Unternehmen wehren. Es gibt eine Wahl, welche Richtung wir einschlagen. Und die nächste Generation wird einen Planeten gestalten, auf dem wir überleben können.

          Die Fragen stellte Tamara Marszalkowski.

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