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Ausstellung in Florenz : Die Aktualität des Manierismus

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Dennoch ist Pontormo als Manierist subtiler, hintergründiger - was vor allem bei seiner monumentalen „Visitazione“ aus Carmignano ins Auge fällt. Die beiden Bibelfrauen Maria und Elisabeth blicken wie Galionsfigurinen des Manierismus mit leeren Augen fast schon entsetzt, überlang, bunt und abwesend auf die Betrachter; nun ist nach der Reinigung für diese Schau auch der sonderbare Architekturprospekt mit einem winzigen Eselchen und einer Modellbaustraße wundervoll greifbar. Was vollführen diese gar nicht hoffnungsfrohen Unheilsgöttinnen an diesem Nicht-Ort, wenn sie sich - wie in einer vorcinéastischen Pose - einmal frontal, einmal im Profil zum metaphysischen Fahndungsfoto aufbauen?

Vor einem solchen Wunderwerk mag man glauben, dass Malerei die Krise von Religion und Gesellschaft um 1520 offensiv bezeugen will, dass leere Mitte, schrille Farbtöne und ängstlicher Blick uns von Luther und Sacco di Roma, von Pest, Buchdruck und Amazonas-Entdeckern erzählen wollen - und die Manieristen daher so verdammt gut in unsere eigene Spät- und Umbruchsphase passen. Doch muss diese optische Mentalitätsgeschichte Spekulation bleiben. Denn jede Epoche ist auf ihre Weise Krisenzeit und Übergang.

Und wer widerlegt uns, dass ein Franz I. den Florentiner Rosso als Star der italienischen Opulenz - und sicher nicht als pessimistischen Diagnostiker der todgeweihten Hofkultur - zu sich holte? Weil Raffael früh (und mitten in gewagten Experimenten) starb, weil Leonardo sich als Erfinder verspekulierte und Michelangelo weidlich übermalt und überdunkelt wurde, blieben Rosso und Pontormo als lange verschmähte (oder von der Décadence geliebte) Gegenfiguren einer vermeintlichen Idealrenaissance übrig. Müssen wir sie nun, da wieder alles schwankt, notgedrungen vergöttern?

Spätzeit, Krise, Dekadenz? Willkommen im Club!

Die Ausstellung führt vor, dass etwa ihre atemberaubenden Zeichnungen weniger von resignativer Weltwiderlegung lebten als von überschäumender, die Modelle förmlich zerlegender Haptik aus Linien und Schraffuren. Wie die Moderne war die Kunst damals in einem Konkurrenzniveau, in einem Wettkampf um Originalität und viel Geld an einem Punkt angelangt, an dem sie sich zu überbieten suchte und immer mehr auf sich selbst bezog.

Dieses l’Art pour l’Art der beiden Hofkünstler in Florenz, die ihre Modelle wie hochgezüchtete Rennpferde mit Coolness, Grazie und Unerreichbarkeit ausstatteten, kommt unserer hurtigen Mode- und Zweifelzeit gewiss entgegen. Kein Zufall auch, dass der kommunistische Super-Ästhet Pasolini diverse Kompositionen unserer Manieristen als lebende Bilder verfilmte.

Vor allem aber in der eindrucksvollen Porträtgalerie von dies- und jenseits des Atlantiks ausgeliehenen Intellektuellenbildern wirkt der Manierismus dann endgültig, aber anders aktuell: Diese kostbar konterfeiten Kardinäle und Politsekretäre, diese Höflinge und Sammler wirken unter ihren schwarzen Samtschauben und in ihren teuren Roben wie superkluge Mitmenschen, die alle Kunst bereits gesehen und kapiert haben, die vom naturwissenschaftlichen Baum der Erkenntnis aßen, von der Historie nichts mehr erhoffen und an nichts mehr glauben.

Pontormo und Rosso stellen uns, en passant, namenlose Zeitgenossen vor, die sich zwar in ihrer Eitelkeit malen ließen, aber fast schon unwirsch auf uns herabschauen, die wir sie anzugaffen wagen. Spätzeit? Krise? Dekadenz? Willkommen im Club!

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