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Moskauer Garage : Armutsarchitektur verwirklicht Avantgardistenträume

  • -Aktualisiert am

Wer sich niederlässt, dem schallt ein Mix aus Putin und Volksweisen ins Ohr: „Lichte Lieder“ von Marina Karpowa, Maria Morina und Jekaterina Sokolowskaja. Bild: Moskau Garage

Die Moskauer Garage zeigt, wie russische Künstler aktuelle Traumata verarbeiten.

          3 Min.

          Das Moskauer Kunstmuseum für Zeitgenössisches, die Garage, von dem Oligarchen Roman Abramowitsch und seiner damaligen Partnerin Darja Schukowa einst gegründet als Plattform, die internationale Strömungen präsentieren sollte, ist zusehends in die Rolle einer Förderinstitution für die russische Szene hineingewachsen. Das beweist derzeit die Schau „Auf Distanz gehen. Spekulationen, Fakes und Prognosen“ mit neuen Werken russischer Künstler, die ihre Vereinsamung infolge der Corona-Pandemie, aber auch aufgrund der Niederschlagung der Bürgerproteste und Russlands politischer Selbstisolation verarbeiten.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Ausstellung, die noch bis zum 1. August zu sehen ist, geht auf eine offene Ausschreibung des Hauses vom vorigen Corona-Frühling zurück, welche Künstler aus dem ganzen Land mit Entwürfen beantworteten, die aktuelle Traumata durch Fluchtbewegungen, Heilungsversuche oder ironische Mystifikation in vielerlei Medien behandeln. Ein Höchstmaß an Versteckspiel und Mimikry erzielt dabei das mit giftbunten Plastiksitzobjekten bestückte Environment „Lichte Lieder“ der Petersburger Künstlerinnen Maria Morina und Jekaterina Sokolowskaja, das die Komponistin Marina Karpowa mit einem süßlichen Soundtrack beschallt, der in jeder Ecke des Museums zu hören ist. Schmeichelnde Gesangsstimmen intonieren Wortfetzen aus Berichten über die Corona-Pandemie sowie Putin-Aussprüche anlässlich seiner Verfassungsänderung und der Siegesparade und verweben sie zu einem unverständlichen Textornament.

          Den genau entgegengesetzten Weg geht die Petersburger Gruppe mit dem klassisch utilitären Titel „Was tun?“, die in Jahrmarktschaukästen Kodexnummern russischer Gesetze aufzeigt – von der Unverletzlichkeit der Privatsphäre über das Verbot von Umweltzerstörung oder Straßenblockaden –, um durch Fotodokumente von Passanten abdrängenden Polizeitruppen oder verseuchten sibirischen Flüssen zu zeigen, wie die Staatsmacht gegen sie verstößt. Im Zentrum der Installation „Für eine erforderliche Zukunft“ steht ein Video aus einem utopischen Labor, wo die Künstler, die zum Zeichen ihrer Solidarität alle in Arbeiterblaumännern auftreten, im Format einer Zoom-Konferenz Rituale interaktiver Unterstützung einüben oder als innovative Form Pawlow’scher Konditionierung reflexhafte Übelkeit als Reaktion auf die Beobachtung von Gewalt einüben.

          Aus der Serie „Moskau - Peking“ von Andrey Shental
          Aus der Serie „Moskau - Peking“ von Andrey Shental : Bild: Andrey Shental

          Als Antwort auf den Weltkriegskult und die Verehrung der von den Deutschen hingerichteten Partisanin Soja Kosmodemjanskaja (1923 bis 1941) hat die Künstlerin Tatjana Efrussi einen Gegenkult der Bauernkriegerin Aljona von Arsamas (gestorben 1670) begründet und für diese Partisanin gegen das Patriarchat ein Museumsmodell in Form einer Puppenstube gebaut. In der Gestalt der Kosakin Aljona, die früh mit einem alten Mann verheiratet wurde, verwitwete, dann ins Kloster ging, wo sie lesen, schreiben und Heilkünste lernte, kreuzen sich Motive von früher Frauenemanzipation und antikolonialem Befreiungskampf.

          Während der Bauernaufstände unter Stepan Rasin legte die „russische Jeanne d’Arc“ ihre Kutte ab, sammelte ein Bauernheer und führte es siegreich gegen Heerführer des Zaren, bevor sie in Temnikow im heutigen Mordowien geschlagen, gefangen genommen und hingerichtet wurde. Eine fiktive Heldin der Architekturgeschichte hat die Künstlergruppe „Chotschesch“ („Willst du“) im südrussischen Tuapse erfunden, wo seit den Neunzigerjahren Autogaragen mit mehrstöckigen Wohnräumen überbaut werden. „Chotschesch“ erklärt diese Armutsarchitektur in einer Filmmystifikation zum Projekt einer Architektin, die die futuristische Vision der „schwebenden Stadt“ verspätet in der Provinz umgesetzt habe.

          Bei der Verarbeitung der Umweltzerstörung bleibt der Kunst der geringste Spielraum. Die sibirische Künstlerin Marina Ustomina vergegenwärtigt die jeden Sommer zyklisch wiederkehrenden Waldbrände in der Region um den Baikalsee unter dem Titel „Uduschje“ („Ersticken“) in Fotoserien, bei denen sie einmal als Zeitzeugin, einmal als Forscherin und dann als Schamanin die Feuersbrünste und die durch sie erzeugte Atemnot dokumentiert. Umso rührender erscheinen die Aktselbstbildnisse des Künstlers Andrej Schental inmitten der für die Autobahn „Moskau–Peking“ zerstörten Natur seines Heimatortes im Moskauer Umland. Schentals nackter Körper, der sich an gefällte Baumstämme schmiegt und im von Baggern aufgewühlten Erdreich niederkniet, beschwört chthonische Urkräfte und leistet stellvertretend Abbitte am geschundenen Planeten.

          Auf Distanz gehen – Spekulationen, Fakes und Prognosen. In der Garage, Moskau; bis zum 1. August. Das russisch- und englischsprachige Begleitheft ist kostenlos.

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