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Ausstellung „I love Aldi“ : Wer auf den Quatsch hereinfällt

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Skulpturen aus Zucker und Wurst: Die ebenso kluge wie unterhaltsame Ausstellung „I love Aldi“ in Ludwigshafen zeigt, was Kunst mit Discount zu tun hat.

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          Von Museumsdirektoren wird häufig Unmögliches verlangt. Einerseits wünscht sich die Politik Stadtmarketing für den Kulturstandort und Spitzenwerke für das Flair von Weltläufigkeit, weshalb die Freude groß war, als Wilhelm Hack 1971 seine hochkarätige Sammlung der Moderne Ludwigshafen schenkte. Andererseits soll ein Museum auch die lokale Bevölkerung mitreißen, nur dass es in einer Arbeiterstadt wie Ludwigshafen kein ansässiges Bildungsbürgertum gibt. Es gibt nun einmal sehr verschiedene kulturelle Wertesysteme, und ebendie sollen Museumsdirektoren mit Museumspädagogik ausgleichen, was dem rührenden Versuch gleichkommt, in einem Supermarkt mit Kaurimuscheln zahlen zu wollen.

          Reinhard Spieler, seit 2007 der Direktor des Wilhelm-Hack-Museums, hatte eine andere Idee. Als er zum ersten Mal in „LU“ - so heißt die Stadt bei der Bevölkerung - eintraf und das Gebäude der Bahnstation „LU-Mitte“ verließ, stand er vor dem berüchtigten monströsen Schnäppchen-Center, in dem auf mehreren Etagen das Billigste vom Billigen verramscht wird. Wo in Köln der Dom ist, steht in Ludwigshafen der Discounter. Religion ist der Billigkonsum aber nicht nur in Ludwigshafen, auch wenn man sich hier den Tempel mitten in die Stadt gesetzt hat. Und damit war die Idee für eine Ausstellung geboren, die soviel mit Ludwigshafen verbindet wie mit dem Rest von Deutschland: „I love Aldi. Das Prinzip Discount“.

          Aldi setzt auf Diskretion

          Verdient wird bekanntermaßen am meisten an den Rändern des Marktes - mit Luxus oder Discount. Dass es Kunstwerke gibt, die wie Luxusobjekte funktionieren, ist bekannt, und diese Kategorie wurde von Bice Curiger, der Direktorin der diesjährigen Biennale in Venedig, treffend als „shiny junk“ bezeichnet. Künstler wie Takashi Murakami entwerfen für Louis Vuitton Tascheneditionen, während Unternehmer der Luxusgüterindustrie wie François Pinault riesige Kunstsammlungen anlegen.

          Was aber hat Kunst mit Discount zu tun? Um das zu erfahren, muss man sich in die ebenso kluge wie unterhaltsame Ausstellung begeben, deren Kuratoren gleich zu Beginn mit der bekannten Pointe aufwarten, dass schon die Aldi-Nord-Plastiktüte Kunst ist. Entworfen wurde sie nämlich 1970 von Günter Fruhtrunk, einem abstrakten Maler und Grafiker, der ein Star der Documenta 4 war und bis zu seinem Tod an der Akademie der Bildenden Künste in München lehrte. Sein Werk prägten die geometrischen Formen des Konstruktivismus, eine Stilrichtung, die auch Wilhelm Hack sammelte. Und deshalb besitzt das Museum einen wunderbaren leuchtend roten Fruhtrunk mit dem Titel „Klostergarten Expl. III“ von 1962/3; der andere wurde täglich millionenfach durch die Republik getragen - als dunkelblaue Aldi-Tüte. Nach dem hauseigenen Gemälde hat der Künstler Sebastian Freytag ein riesiges Wandbild geschaffen, mit dem passenderweise eine leerstehende Kaufhof-Filiale ausgekleidet wurde. Aldi scheint das recht zu sein, die Firma schweigt zur Ausstellung. Eine Kooperation mit dem Museum wurde im Vorfeld abgelehnt; die Verwendung des Namens wollte man aber auch nicht untersagen. Das milliardenschwere Unternehmen setzt auf Diskretion.

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