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Die Ausstellung „Fette Beute“ : Reich sind nur die geistig Armen

Diamanten sind die besten Freunde: Eine Ausstellung in Hamburg beschäftigt sich mit Bildern und Definitionen dessen, was Wohlstand ist. Da kann für die Dargestellten denunziatorische Formen annehmen.

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          Reichtum ist eine komplizierte Angelegenheit. Reichtum ist sehr relativ. Reichtum, in Form materieller Güter, bewusst vorzuzeigen ist nach allgemeinem Urteil degoutant. Doch eine Ausstellung darüber, welche Erscheinungsformen diese Demonstration im zwanzigsten und begonnenen einundzwanzigsten Jahrhundert annehmen kann, hat durchaus ihren Reiz - denn dort brechen die Unterschiede in der Wahrnehmung dessen, was Reichtum bedeuten kann, hemmungslos auf.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Fette Beute - Reichtum zeigen“ heißt die Schau im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, die sich zu guten Teilen aus den Beständen des Hauses speisen kann. Zu sehen sind überwiegend Fotografien. Esther Ruelfs, die Leiterin der Sammlung Fotografie und neue Medien des Museums und Kuratorin der Ausstellung, präsentiert das Medium als Mittel der Beobachtung von Überfluss an allen Fronten, gegliedert in sechs Gruppen: von der klassischen sozialen Dokumentation über die Abbildung gesellschaftlicher Gefälle aus verschiedenen Perspektiven bis hin zur kühlen Darstellung schierer um Distinktion bemühter Luxus-Entblödung.

          Vom undisziplinierten Begütertsein

          Das kann für die Dargestellten und Selbstdarsteller denunziatorische Formen annehmen, muss es aber keineswegs: So zeigen die Bilder der brasilianischen Fotografin Lamia Maria Abillama die tiefe Widersprüchlichkeit dessen, was Reichtum meinen könnte. Abillama hat 2006 bis 2007 in ihrer Serie „Ladies of Rio“ Frauen der Oberschicht ihrer Heimat porträtiert, zusammen mit ihren Hausangestellten, in vorsätzlich altmeisterlich strukturierten Aufnahmen. Die wohlhabenden Damen posieren in kostspieligem, keineswegs geschmackssicherem Interieur, im Hintergrund ihre weiblichen Bediensteten. Zweifellos ist so eine gesellschaftliche Staffelung klargestellt. Was den Betrachter indessen anspringt, ist nicht bloß die pekuniäre Oberhand, sondern zugleich eine tiefer gründende Abhängigkeit dieser alternden Frauen von ihrem Personal.

          Die Fotografie wird zur, notwendig oder vorsätzlich, voyeurhaften Instanz traditionell dort, wo die Observierten nicht damit rechnen. Belege dafür liefern gleich im ersten Kapitel „Arm und Reich“ die Bilder begüterter Engländer im Park oder im Kaminzimmer von Bill Brandt aus den dreißiger Jahren. In scharfem Kontrast dazu stehen Jim Goldbergs starke Foto-Schrift-Arbeiten „Rich and Poor“ von 1984, in denen durchschnittliche Menschen ihre Vorstellungen von Reichsein formulieren. Esther Ruelfs hat es mit ihrer Zusammenstellung des Materials nicht auf eine kompakte These angelegt, sondern zielt auf die Aufmerksamkeit und Unterscheidungsfähigkeit der Betrachter. Die Schau versucht nicht ein geschlossenes Szenario, sondern inszeniert eine Art Kaleidoskop, über gut acht Jahrzehnte hin. Am Ende der Kette stehen Einträge aus dem Blog „Rich Kids of Instagram“, schon schamlos demonstrierte Rituale von Abgrenzung, undiszipliniertes Begütertsein als Spielart der Soziopathie.

          Immer ist Reichtum mit Überfluss verbunden, unabhängig von der Intention dessen, der als reich gilt (selbst Geistreichtum fällt wohl unter die Rubrik). Über die Räume sind in Plakatgröße Fotografien verteilt, die Juergen Teller 2005 für einen Katalog mit „Magnificent Jewels“ des Auktionshauses Phillips de Pury gemacht hat. Sie liefern gewissermaßen den Buffo-Part. Teller behängt Mitglieder seiner Familie mit den Pretiosen: sein Baby Ed, fröhlich und quäkend unter dem Ballast, oder seinen Vater Artur, den Geigenbauer aus dem mittelfränkischen Bubenreuth, dessen Binder Brillis zieren. Die Preisfrage lautet: Wer oder was sind da die Fremdkörper? Der Fotograf subvertiert den Gelddiskurs, für den er doch im selben Zug wirbt. „Fette Beute“ gibt keine Antworten. Nach dem Gang durch die Schau ist keiner schlauer, was nun Reichtum sei. Aber um viele Bilder reicher.

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