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Lucas Cranachs Jahre in Wien : Male lieber ungewöhnlich

Da brennt die Hütte: Cranachs Ehediptychon des Dr. Johannes Cuspinian und Anna, geborene Putsch von 1502 Bild: Sammlung Oskar Reinhart Winterthur

Jeder kennt Cranach, doch über seine frühen Jahre in Wien wissen wir nichts. Außer, dass er wilde Bilder hinterließ. Das Kunsthistorische Museum zeigt sie nun.

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          Im Anfang war das Wien um 1500. Hier schuf Lucas Cranach bis 1503 seine ersten Meisterwerke. Anders als bei den meisten anderen Künstlern damals wie heute ist bei ihm das Frühwerk das überragende; er wurde in den späteren Jahren der Massenfertigung – insgesamt sind aus seiner Großwerkstatt fast fünftausend Bilder erhalten – nicht besser. Die frühen Bilder sind so rar, dass es weltweit nur drei Museen gibt, die je zwei Bilder aus Cranachs Frühzeit in Wien besitzen: das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg mit dem Doppelporträt eines „Rechtsgelehrten und seiner Frau“ von 1503, die Schweizer Sammlung Oskar Reinhart in Winterthur mit dem Bildnispaar des Humanisten Cuspinian und seiner Frau sowie das Wiener Kunsthistorische Museum mit der sogenannten Schottenkreuzigung und dem in vielerlei Hinsicht ungehörigen „Büßenden Hieronymus“. Aus diesem Grund findet die Ausstellung „Cranach der Wilde – Die Anfänge in Wien“ in den beiden letztgenannten Institutionen statt, seit vorgestern nun in Österreichs größtem Museum, obwohl die noble Kabinettausstellung mit nur drei Räumen auskommt und dennoch fast alle dieser enorm seltenen Frühwerke versammelt.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Fast ironisch leitet die „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ aus Berlins Gemäldegalerie die Ausstellung ein, weil das Bild historisch für die Werkgenese Cranachs eine entscheidende Rolle spielte: Bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde die Heilige Familie auf der Rast, umgeben von sie mit Datteln und Wasser versorgenden Engeln, Matthias Grünewald zugeschrieben. Erst eine Cranach-Ausstellung in Dresden 1899 revidierte diese Attribution und verschaffte dem hinlänglich bekannten Wittenberger Reformationsmaler einen künstlerischen Anfang. Dass Cranachs Frühwerk der Berliner „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ überhaupt dem Maler des Isenheimer Altars, dieses Weltwunders der Kunst, zugeschrieben wurde, sagt Einiges über die Qualitäten des Bildes.

          Eine enorme Dichte an Anspielungen

          Nur hat Cranach die „Flucht“ leider nicht in seinen Wiener Jahren gemalt, wie sich die Forschung aufgrund mehrerer Indizien inzwischen fast sicher ist, sondern schon in Wittenberg, wohin er ab 1504/05 umzieht. Dort lässt er es von der Werkstatt kopieren (und diese verräterisch flache Kopie, bei der Josephs Blick gesenkt statt wie bei der Vorlage dem Betrachter zugewandt ist, wird nun im Original im Kunsthistorischen Museum gezeigt), was bei einem in Wien entstandenen und dort gewiss verkauften Bild nahezu unmöglich wäre.

          Er gehört zu ihr, trotz Dreitagebart: Johannes Spießheimer, der sich Cuspinian latinisierte, Doktor der Medizin, Rektor der Universität Wien und humanistischer Mentor Cranachs Bilderstrecke
          Dieses anarchische Eigenleben : Lucas Cranachs Anfänge in Wien

          Über diese im doppelten Wortsinn wilde Frühzeit und Ausbildung war seit der epochalen Bayerischen Landesausstellung „Lucas Cranach. Ein Maler-Unternehmer aus Franken“ 1994 kaum belastbar Neues hinzugekommen: 1472 wird er im oberfränkischen Kronach nur ein Jahr nach Dürer geboren, den er in Nürnberg genau studiert hat. Über seine Ausbildung wissen wir noch immer nichts. Der Vater war ebenfalls Maler, allerdings rein handwerklich. Als ernst zu nehmender Lehrer fällt er aus. Bleibt das nahe Kunst- und Kulturzentrum Bamberg und eben Nürnberg, vor allem aber der junge Cranach selbst und die Natur. Höchste Zeit, die Fragezeichen im fesselnden Wiener Indizienprozess durch Ausrufezeichen zu ersetzen.

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