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Ausstellung in Berlin : Das Experiment in den schwarzen Bergen

Bauhaus auf Amerikanisch: Eine Berliner Ausstellung widmet sich dem legendären „Black Mountain College“, in dem von 1933 bis 1957 neue Unterrichts- und Lebensformen erprobt wurden.

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          Man sieht keine Menschen. Man sieht keine Häuser. Und man sieht keine Kunst. Was man sieht, sind waldige Hügel, das glitzernde Wasser des Lake Eden und ein paar Wolken, die in die Gipfel der Berge ziehen: eine amerikanische Landschaft am Swannanoa River, östlich von Asheville, North Carolina, siebenhundert Meilen von New York entfernt, eine Landschaft, in der von 1933 an eine der einflussreichsten Kunstschulen und Forschungsstätten des zwanzigsten Jahrhunderts entstand: das Black Mountain College.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Bild von der leeren Landschaft, das sich auf dem Titel des Berliner Ausstellungskatalogs findet, erzählt viel über das Versprechen dieses Orts: Weit weg von den Zentren der Kunstproduktion und von den etablierten Orten der Lehre wollten die Gründer John Andrew Rice, Theodore Dreier, Frederick Georgia und Ralph Lounsbury – die allesamt im Streit über repressive Erziehungsmethoden das konservative Rollins College in Florida hatten verlassen müssen – eine neue Form des universitären Unterrichts etablieren: demokratischer, mit mehr Mitbestimmungsrechten für die Studierenden, mit einem Schwerpunkt auf kollektiven ästhetischen Erfahrungen.

          Hier hat die Erziehung keinen Seitenscheitel

          Man eröffnete 1933 mit einundzwanzig Studenten, ein Jahrzehnt später waren es fast hundert, und die Werbefotografien für die neue Institution spielten die Rhetorik des unverdorbenen Landes, der leeren amerikanischen Weite und Natur, in der alles möglich ist und neu begonnen werden kann, gegen das Klassisch-Zementierte des akademischen Betriebs aus. Man sieht eine junge Frau mit wehendem Haar zusammen mit einem Studenten im T-Shirt über eine wilde Wiese rennen. Hier, so die Botschaft, hat die Erziehung keinen Seitenscheitel und keine Bügelfalten, in den Blue Ridge Mountains sind ab sofort die Rebellen und Indianer der universitären Welt unterwegs. „Die große Familie und das Dorf sind verschwunden“, schreibt Rice 1936, „aber die Menschheit braucht sie“; sein College erträumte er als „das bestmögliche Dorf, das man erschaffen kann, frei von der alten dörflichen Enge, von Bosheit und Obskurantismus“. Das war das Ideal: die Universität als große Familie, als polyglottes Idealdorf.

          Was erfährt man in der vom Berliner Architekturkollektiv Raumlabor eingerichteten Ausstellung über die „experimentelle Community“, wie die Kuratoren Gabriele Knapstein und Eugen Blume das College beschreiben? Die Auflösung der Disziplinen, das Ineinandergreifen von Kunst, Musik, Film, Performance, das heute selbstverständliche Amalgam aus Pop und elitärer Kultur, habe hier einen zentralen Ursprung, so die These. Roy Kuhlmann entwarf Cover für die Bücher der Dichterin Mary Caroline Richards, die hier lehrte, John Cage prägte Fluxus- und Happeningkünstler – und umgekehrt.

          Prototypen für ein anderes Leben bauen

          Dem Advisory Council der Schule gehörte der Philosoph und Reformpädagoge John Dewey an, der einmal schrieb, dass „der bloße Vorgang des Zusammenlebens erzieht. Das soziale Leben regt die Phantasie an; es schafft Verantwortlichkeit für die Schärfe und Lebendigkeit des Denkens und Darstellens.“ Das war im Kern das Credo des College; es wurde zusammen gekocht und gefeiert, es wurde Feldarbeit gemacht, Studenten bauten das von Lawrence Kocher entworfene Wohnhaus für die Lehrenden Heinrich und Johanna Jalowetz und das „Minimum House“, das nur eintausend Dollar kostete. Eine ganze Welt neu erfinden, Prototypen für ein anderes Leben bauen: das war der Anspruch. Anders als in vielen anderen Colleges waren afroamerikanische Studenten zugelassen, es gab Theateraufführungen, Konzerte, Kostümfeste und Sit-ins, die eher an Berkeley 1967 und an Woodstock denken lassen und an Deweys Definition von Kunst als „Möglichkeit, menschliche Beziehungen zu verstehen“.

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