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Renoir und Rokoko im Städel : Als die Grande Nation auferstand

Wer hat da bitte geschlafen? Das Städel Frankfurt zeigt anhand von 120 Gemälden von Auguste Renoir und anderen Impressionisten den Ursprung des Stils im Rokoko.

          5 Min.

          Ob man den Pariser Eiffelturm als technizistisches Meisterwerk oder als Neorokokospielerei sieht, macht einen großen Unterschied. Beide Ansichten schließen sich jedoch nicht aus. In seiner Machart ist er ingenieurstechnische Avantgarde, in seinen Ornamentformen jedoch retrospektiv. Entstanden doch im achtzehnten Jahrhundert etwa in Paris, Nancy, aber auch in Augsburg (als deutschem Zentrum feinster Silberschmiedearbeiten) Garten-Pergolen, die konisch zulaufen und so fein aus dem Edelmetall ziseliert sind, dass man sie für die heute noch in Paris als Souvenirs angebotenen Miniatur-Eiffeltürme halten könnte – wenn sie nicht eben aus der Zeit um 1770 stammten.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Mit einiger Sicherheit waren dem Im­pressionisten Pierre-Auguste Renoir diese Rokoko-Türmchen bekannt, wie ihm auch nahezu alles an berühmter Malerei vertraut war, die seit der Thronbesteigung Ludwigs XV. und damit dem Beginn des flamboyanten Rokokostils entstanden war, mit dem dieser den pompös-schweren Spätbarock des Sonnenkönigs vergessen machen wollte. Als der Eiffelturm zur Weltausstellung im Jahr 1889 eingeweiht wurde, war Renoir achtundvierzig Jahre alt. So weit, dass der Turm in die mit 120 Werken für Corona-Zeiten erstaunlich groß angelegte Sonderausstellung „Renoir – Rococo Revival“ des Frankfurter Städel einbezogen würde, geht das Museum zwar nicht. Es beleuchtet aber erstmals umfassend die kaum bekannten Bezüge von Renoirs Kunst zur Malerei des Rokoko. Einer der schönsten Bildvergleiche zeigt das in nuce: Neben Renoirs „Madame Monet“ im duftig japonisierenden blauen Kleid hängt François Bouchers „Madame de Pompadour“ in einem ebensolchen.

          Nostalgie für die guten alten Zeiten

          Doch woher stammt Renoirs Rokokofieber? Zunächst war er ausgebildeter Porzellanmaler und hatte vier Jahre in der Manufaktur der Gebrüder Lévy im Marais ge­arbeitet, was konkret bedeutete, Vorlagen galanter Feste von Antoine Watteau genauso wie Anzügliches von Boucher und Jean-Honoré Fragonard auf das weiße Gold zu übertragen. Vor allem aber lernte er, Blumen zu malen. Von Renoir stammt der er­staun­lich modern klingende Satz „Ich kann Blumen malen und brauche sie nur ‚Blumen‘ zu nennen, ohne dass sie eine Ge­schichte haben“ – solch selbstreferenzielle Logik könnte auch von Hockney sein.

          Prächtig ausgeleuchtet wird im Städel, wie das „Zweite Rokoko“ als Retrostil in Renoirs Zeit gesellschaftlich um sich griff – überall in Paris präsent und populär waren plötzlich feudale Gesamtkunstwerke aus Apartmentinterieurs mit stuckierten und geschnitzten Rocaillen. Unter Lünetten und geschwungenen Kassettendecken sa­ßen in Neorokoko-Studierzimmern Männer in rüschiger Retromode, vor intarsierten Schäferidyllen in flirrenden Sommerlandschaften im Boudoir standen die Da­men in ausladenden Krinolinenröcken. Die Restaurationskaiserin Eugenie wagte es gar, wieder die Mode ihrer enthaupteten Vorgängerin Marie-Antoinette zu sammeln und zu tragen. Wohlgemerkt haben Rokokoblüten selten etwas mit tatsächlicher Wirtschaftsblüte zu tun – vieles in dieser Blase war auf Verschuldung gebaut. In je­dem Fall reinszenierte das zu Reichtum gekommene Bürgertum die luxuriösen Ausstattungen des Rokokoadels. Knapp hundert Jahre nach dem Fall des Ancien Régime und unter dem Schock der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg projizierte sich ein nicht geringer Teil der Franzosen nostalgisch in die Zeiten der Grande Nation zurück.

          Früher verhasst, heute für Überraschungen gut

          Renoir spürt diese Sehnsüchte. Der aus einfachsten Verhältnissen stammende Maler muss sich anders als die Freunde Manet, Monet oder Degas an dem orientieren, was sich verkauft. Mit seinen weitergedachten Neorokokobildern bedient er den Markt, ohne sich im Geringsten verbiegen zu müssen. „Ich bin einer der ihren“, schreibt er seinem Galeristen Durand-Ruel – und meint damit Fragonard, Watteau und Hubert Robert. Durand-Ruel wiederum verkauft Renoirs impressionistische Bilder und ganze Raumdekorationen mit sicherem kommerziellen Gespür in originalen oder nachgeschnitzten Rokoko-Rahmen.

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