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Astrid Klein in München : „Bei Retrospektive erschieße ich mich“

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Anders als beim politischen Großmonteur John Heartfield verhält sich Klein zu den Zitaten und den Fotos nicht, sie will nichts entlarven oder aushöhlen, nachdem es ihr schwarz auf weiß begegnet ist, macht aus den Kulturschnipseln nie einen Erpresserbrief. „In meiner Welt ist sogar sie es, die den Satz darüber spricht“, sagt Klein. In ihrer Welt, denn ebenso gut könnten diese Aussagen von dem abgebildeten Mann, einer wohlmeinenden Klatschzeitschrift oder aber einer volkserzieherischen Diktatur stammen.

Klein überwand einen falschen Realismus

Für das Gelingen ihrer medientheoretischen Arbeiten über den „Machismus“ und die Stellung der Frauen, die Klein schon in den siebziger Jahren umtrieben und sie heute in den Zeitgeist fügen (2018 und 2019 wurde sie in Hamburg und Berlin ausgestellt), müsse stets ein Denkraum Abstand zum Betrachter bleiben. Bei „Cut IX“ (1986), einem von beiden Seiten in Klarglas gerahmten Transparentfilm, verlangte sie von der Pinakothek zusätzlich drei Zentimeter auf der anderen Seite, zwischen Film und Rückwand, wo die Elemente Schatten werfen. Im Zentrum der Collage steht die Ikone Romy Schneiders. Zeit ihres Lebens wurden ihr von außen Eigenschaften zugeschrieben, wie es hier geschieht und dieser Satz es tut. Man könnte sagen: Schneider war Projektionsfläche und wird nun zum transparenten Gegenstand der Projektion erhoben, wenn im Raum das Licht angeht.

Astrid Klein sind als Künstlerin ähnliche Festlegungen widerfahren. Zwar zeigen die „Sonntagsarbeiten“ von 1980 Frauen in unbequemen Positionen. Doch ist deren Leid nicht immer unverschuldet, nachdem Klein ihnen lustvoll mit einem Bachmann-Zitat die Augen verbindet beziehungsweise sie in Pressemanier anonymisiert. Eigentlich wird der Raum aber von der sieben Meter breiten Arbeit „Endzeitgefühle II“ (1982) beherrscht, mit der Kleins Werk kurz darauf nochmals eine neue Richtung einschlug. War die Collagetechnik zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts eine Abkehr von mimetischer Kunst, so überwand Klein nun zum zweiten Mal einen falschen Realismus: Sieben identische nachtschwarze Hunde sind bei ihr Furien gewordener politischer Furor und privater Albtraum zugleich. Sie laufen erst graffitoartig über eine Mauer, dann jedoch quer über eine Tür. Beim Übertreten dieses Rasters verraten sie sich als Nachbearbeitung. Das untersuchte Medium ist die Mauer selbst, sie wurde Klein bei einer Ausstellung zur Verfügung gestellt. Indem sie diese Rückwand mit der Kamera aufs PE-Papier bannte und dann erst behängte, schien erneut der Grund durch, auf dem ein Bild vermittelt wird.

Astrid Klein. Dass vollkommene Liebe die Angst austreibe. In der Pinakothek der Moderne, München; bis 17. Januar 2021. Kein Katalog.

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