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Art Basel Miami Beach : Weihnachtseinkäufe am Strand

  • -Aktualisiert am

Noch bis zum 10. Dezember heißt der Nabel der aktuellen Kunstwelt Art Basel Miami Beach. Auch in diesem Jahr ist dort wieder ein unwiderstehlicher Ort für teure Kunst und ausgefeilte Geschäftsideen entstanden.

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          Daß der Galerist Johann König noch lächeln kann: Sein Mobiltelefon haben sie ihm im Restaurant gestohlen, seinen Mitarbeiter ließ man nicht nach Miami einreisen, und Skulpturen von Michaela Meise waren irrtümlich nach Atlanta geflogen worden. Zu Beginn der Messe stehen die vier lila Spinnen, Unikate von Michaela Meise, die der Berliner zum Preis von 32.000 Euro anbietet, jedoch genauso an ihrem Platz, wie die dreizehn Neonwürfel „In Between Two Walls“ (30.000 Euro) von Jeppe Hein paßgenau zwischen den Wänden flackern.

          Zwischen Hallendecke und Koje baumeln an einer eisernen Kette die Buchstaben des Künstler-Nachnamens Sailstorfer in kunststoffgepolsterten Riesen-Versalien, und eine Sammlerin aus Miami konnte sich für die Idee begeistern, das immerhin 24.000 Euro teuere Objekt in Sichtweite ihres Bungalows an der Küste von Miami zu versenken.

          Glamouröser Kunst-Distrikt

          Die Art Basel Miami Beach ist auch im fünften Jahr für solche Anekdoten gut: Geschichten von Sammlern, die die Halle stürmen, als ginge es zum Schlußverkauf, oder das Eröffnungskonzert mit der Band Peaches, das fast im gemeinsamen Nacktbaden endet. Die Miami-Messe ist ein glamouröser Kunst-Distrikt, in dem auch Keanu Reeves, Dennis Hopper und Calvin Klein ihre Weihnachtseinkäufe erledigen.

          Sam Keller, der Direktor der Schau, hat dem Convention Center dieses Jahr einen Grundriß aufgezeichnet, in dem ein grüner Kranz von „Art Nova“-Kojen, mit insgesamt mehr als 200 international herausragenden Positionen, die 200 Stände der etablierten Kollegen umrahmt. Wie eine Satellitenstadt stapeln und reihen sich am nur wenige Blocks entfernten Strand 22 Container der „Art Positions“, während im Botanischen Garten das Equipment für die Videokunst installiert wurde.

          Reißender Absatz in den ersten Minuten

          In Miami Beach entstand so auch in diesem Jahr wieder der Kunstort, den die Galeristin Tanya Bonakdar aus New York für unwiderstehlich hält: Nur in Miami sei für die Sammler das ganze Spektrum zeitgenössischer Kunst erlebbar. Sie selbst hat während der ersten Messe-Minuten schon ein Bild und eine Skulptur von Thomas Scheibitz verkauft: „Otis I“, eine hohe Stele für 30.000 Dollar; 55.000 Dollar kostete ein Gemälde in Acryl auf Leinwand. Ein paar Meter weiter, bei Patrick Painter, gibt es amerikanische Klassiker wie Ed Ruscha und Mike Kelley, dessen Serie „Poetry of Form“ insgesamt 34 Höhlenbilder aneinanderreiht (150.000 Dollar), während seine Installation „Time Line“ von 1984 für 455.000 Dollar schon reif für die Kunstgeschichte ist.

          David Zwirner hat seit Jason Rhoades' Tod erstmals Arbeiten von ihm dabei: die Lichtskulptur „Light/Inner Lights“ von 1998 (40.000 Dollar; Auflage 9) und den „Spaceball“, der als blaurot lackierte Riesenkugel Rummel und Raumfahrt verschmilzt (140.000 Dollar, Auflage 5). Dahinter blickt Elizabeth Peytons „Chloe“ aus dem Jahr 2001 fast schüchtern herüber - bei einem Preis von 650.000 Dollar. Der Berliner Rudolf Kicken deckt in der Halle den Bedarf an hochrangiger Fotografie und erlebte „die beste Messe-Eröffnung der Galeriegeschichte“ mit Helmut Newtons „Big Nudes“, Collagen von El Lissitzky aus den dreißiger Jahren (55.000 Dollar) und zwei Fotografien von André Kértesz, „Die Gabel“ von 1928 und „Satiric Dancer“ von 1926 - sie sollten eine und zwei Millionen Euro kosten.

          Kommunikative Stimmung setzt sich durch

          Doch die frühere Hysterie scheint abgeflaut, nicht alles wird am ersten Tag verkauft, und die Händler berichten, die Hektik der frühen Jahre sei einer normalen, kommunikativen Stimmung gewichen. Nicholas Acquavella, bei dem mit einem „Untitled“ Jean-Michel Basquiats aus dem Jahr 1987 einer der Lieblinge des amerikanischen Markts für stolzen 3,25 Millionen Dollar am Stand prunkt, hat diesen nicht sofort absetzen können - am Vernissagentag verkaufte jedoch Jeffrey Deitch für 5,5 Millionen Dollar Basquiats „Dos Cabezas“.

          Gegenüber hängen Arbeiten von Lucian Freud - die Zeichnung mit Windhund „Pluto Aged 12“ von 2000 kostet 85.000 Dollar, eine Aktskizze in Öl „Small Naked Portrait“ aus diesem Jahr 1,5 Millionen Euro. Bei Marian Goodman gibt es eine Wand, die fast so weiß ist wie Schnee: Dort hängen aktuelle Acryl-Offsetdrucke von Gerhard Richter unter dem Titel „Snow White“ für je 20.000 Dollar. Judy Lybke von „Eigen + Art“ stellt zwei frühe Arbeiten von Neo Rauch aus: Ein Gemälde aus dem Jahr 1992 soll 440.000 Dollar kosten. Schöner sind die Schiffe und Architektur auf „O.T.“, die Rauch 1995 in Öl auf einen Bogen Papier setzte (Preis auf Anfrage).

          So viel Kunst für so viel Geld

          Bei Gagosian dürfen sich „Leda and the Swan“ auf der Außenseite der Kojenwand räkeln: Das Querformat, Acryl auf Papier, von Roy Lichtenstein aus dem Jahr 1968 soll vier Millionen Dollar kosten, während Basquiats „Untitled (Red Man)“ von 1981 fünf Millionen Dollar bringen soll. Bei Pace Wildenstein sind noch das herausragende „Untitled #5“ von Agnes Martin aus dem Jahr 1998 für 1,65 Millionen Dollar zu haben, wie auch zwei buntlackierte Kästen Donald Judds aus Holz oder Aluminium (je 55.000 Dollar).

          Wo so viel Geld verdient wird und nur ein Drittel der Bewerber Platz findet, da wachsen die Zelte der Nebenmessen; angeblich gibt es mehr als ein Dutzend: Sie heißen „Nada“, „Pulse“, „Scope“, „Aqua Art“ oder „Bridge Art Fair“. Schon im vergangenen Jahr hatte Sam Keller darauf hingewiesen, daß es so viel gute Kunst ja nun auch nicht geben könne. Er hat nicht unrecht - offensichtlich sind Pulse und Scope nicht der Nukleus des Nachwuchses. Allein die „Nada“, die im frisch gestrichenen „Ice Palace“ residiert, kann mit einem international spannenden Teilnehmerfeld überzeugen, zu dem Sorcha Dallas aus Glasgow gehört, Dicksmith aus London, die New Yorker Rivington Arms, Standart aus Oslo, die Deutschen Iris Kadel, Ben Kaufmann und Linn Lühn, Raster aus Warschau und erstaunlicherweise auch der New Yorker Leo König.

          Das Geschäft mit der Art Basel

          Es ist offensichtlich, wo für so viel Geld Kunst gehandelt wird, will die Stadt Miami teilhaben, das spürt man vor allem rund um die Nada, im „Design District“, einem forsch umgetauften Stadtviertel im Hinterland der Lagune, in dem allmonatlich neue Galerien eröffnen. Wer sich ein paar Blocks verirrt, stolpert über den Müll der Kleinindustrie und Crack-Opfer, aber für die Besucher sind Trampelpfade fest vorgegeben: Hier hat Don Rubell seine Family Collection genauso öffentlich eingerichtet wie die Familie Margulies, die ein leerstehendes Warenhaus bezog. Firmen zeigen ihre Sammlungen, und alte Hasen wie Yvon Lambert mieten sich temporär in Lagerhallen ein.

          Die Art Basel hat an Floridas Strand einen Vertrag über zehn Jahre ausgehandelt, von dem sie jährlich zurücktreten kann. Daß sich Miami die Kunst oder das Geschäft mit ihr je wieder nehmen ließe, darf bezweifelt werden.

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