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Architekturbiennale : Stehen lassen!

In Venedig eröffnet die Architekturbiennale. Im deutschen Pavillon geht es diesmal nicht um Neubauten. Die wahre Kunst des Architekten zeigt sich, wenn er das, was andere aufgegeben haben, weiterbaut, verwandelt, verzaubert.

          6 Min.

          Kurz vor der Eröffnung wäre es beinahe noch zu einem Skandal gekommen: Muck Petzet, Generalkommissar des deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale in Venedig, wurde in München von der Mitteilung aufgeschreckt, der benachbarte kanadische Pavillon breite sich mit seltsamen Skulpturen bis direkt vor seinen, den deutschen, Pavillon aus. Tatsächlich hatten die Kanadier einen Haufen magentafarbener Holzstelen aufgestellt, und zwar direkt vor den deutschen Pavillon. Die Stangen sahen aus, als habe ein künstlerisch ambitioniertes Mitglied der deutschen Telekom der Weltöffentlichkeit neuartige Überlandleitungsmasten vorstellen wollen; offenbar hatte man im kanadischen Pavillon das Motto der diesjährigen Architekturbiennale, Common Ground, so verstanden, dass vollkommenes ästhetisches Durcheinander im öffentlichen Raum etwas Begrüßenswertes sei.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Petzet fand den Einmarsch der schrillen Magenta-Stangen weniger amüsant, schließlich hatte er sich Mühe gegeben, den oft als martialisch kritisierten Eingangsbereich des Pavillons in eine leise, fast parkartig charmante Ruhezone mit Bänken zu verwandeln. Die Tür des deutschen Pavillons, durch die man sonst in die sakrale Zentralhalle trat, ist verschlossen. Über ihr leuchtet ein von dem Designer Konstantin Grcic, der die Ausstellungsarchitektur gestaltet hat, entworfener Pfeil aus gelben Glühbirnen, der in seiner intensiv warmen Funzeligkeit an einen Spätsommertag in einem alten italienischen Badeort mit Lunapark und Casino denken lässt. Er weist auf die versteckte Seitenfassade, wo sich jetzt der Eingang des Baus befindet, den Grcic und Petzet in eine kühle, präzise Architekturlandschaftspromenade verwandelt haben: durch die Türrahmen scheint man auf Waldhütten, Hochhäuser und Bunker zu schauen, die sich als großformatige Fototapeten an den Wänden entpuppen. Das Problem, wie man Architektur ausstellt, wie man mit den unschönen Effekten ihrer Verkleinerung in Fotos und Modellen umgeht, wird hier gelöst mit monumentalen Fotos; Hochwasserstege dienen als Sitzbank und Leitwerk.

          Architektur als Judobewegung

          All das ist sehr fein inszeniert und verträgt sich schlecht mit kanadischen Magenta-Stangen, die am Dienstagmorgen noch vor dem Pavillon entlangtrudelten. Wenig später, nach einem energischen Auftritt Petzets, zertrümmerten ein paar erboste Handwerker bei großer Hitze diesen Teil der kanadischen Installation, die sie kurz zuvor aufgebaut hatten, und taten, was Petzet als Architekt immer vermeiden möchte: abreißen.

          Denn das Thema des deutschen Pavillons lautet „Reduce, Reuse, Recyle“, und es geht bei vielen der gezeigten Projekte darum, wie man alternde Bauten vor allem der Nachkriegsmoderne eben nicht abreißt, sondern pflegt, weiterbaut und umwidmet. Das renovierte Studentenwohnheim im Münchner Olympiadorf ist zu sehen, der von Volker Staab mit einer neuen Fassade versehene und erweiterte Turm der Hochschule Darmstadt, Arno Brandlhubers Atelierhaus in der Berliner Brunnenstraße, wo er eine Bauruine auf verblüffende Weise weiterdachte, ebenso wie seine „Antivilla“ - eine ehemalige Unterwäschemanufaktur aus DDR-Zeiten, die mit entschlossen sparsamen Gesten des Entfernens und Einreißens zum Atelier- und Wochenendhaus umgestaltet werden soll. Dazu der von LIN Architekten zum Kulturzentrum umgebaute U-Boot-Bunker in Saint-Nazaire und die feine Vernähung eines alten Einfamilienhauses mit einem Anbau von Amunt Architekten: Was man sieht, sind Beispiele für eine andere, metamorphotische Idee von Architektur, die davon weiß, dass nichts so ressourcenfressend ist wie Abriss und Neubau. Die Sensibilität dafür ist dabei eher eine europäische Eigenschaft; in anderen Teilen der Welt haben die Stadtplaner andere Probleme. Einer von der Deutschen Bank veröffentlichten Statistik zufolge müssten in den kommenden Jahrzehnten weltweit eine Milliarde Wohneinheiten gebaut werden, um die wachsende Bevölkerung in den Ballungszentren aufzunehmen; schon heute leben 400 Millionen Stadtbewohner in kritisch überbelegten Wohnungen, vor allem in Südasien und Indien.

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