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Architekturbiennale in Venedig : Sisyphus ist überglücklich

  • -Aktualisiert am

Die Leistungsschau der Architektur präsentiert dieses Mal einen großartigen deutschen Pavillon und eine gewaltige Desillusionierung: Ägypten zeigt sich von seiner fundamentalistischen Seite.

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          Common ground“ lautet das Motto der Architekturbiennale in Venedig. Es lässt sich in etwa übersetzen als das große Gemeinsame allen Bauens, als weltumspannende Arbeitsgrundlage und Geisteshaltung aller Architekten. David Chipperfield, der diesjährige Leiter der Biennale, definiert Architektur feierlich als Folge und Manifestation des Strebens nach Freiheit von allen Fesseln, die uns die menschliche Bedürftigkeit auferlegt - und als das Verständnis für die Grenzen des Machbaren. So steht es im Foyer des italienischen Pavillons zu lesen.

          Gleich dahinter füllt ein abgedunkelter Raum mit Donnergetöse und Bilderfluten das hehre theoretische Gefäß mit dem gallebitteren Sud der Wahrheit: Die Welt ist auf dem Weg zum Chaos explodierender und implodierender Megametropolen. Schrankenloses Wachstum herrscht, in dem jeder gute Vorsatz verdampft wie der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. Zurück also an den Busen von Mutter Natur? Wie denn, wenn der Großteil der Weltbevölkerung ebenso wie das Gros der Architekten an deren Betonierung arbeitet?

          Babylonische Stimmen

          Auch die Biennale wächst unermüdlich. Teile des Arsenale, der eindrucksvoll verfallenen historischen Werften Venedigs, wurden den Länderpavillons der Giardini zugeschlagen. Mit der nunmehr dreizehnten Biennale scheint es, als stünde die halbe Stadt für sie parat. An Palazzi werben Fahnen und Großfotos für zusätzliche Länderpräsentationen (insgesamt stellen sich 41 Staaten vor) und Sonderveranstaltungen. Hinzu kommen dutzendweise ergänzende Kunstausstellungen und Installationen im öffentlichen Raum.

          Gewachsen wie die Präsentationsmasse ist auch die Nähe zur Kunst: Im Arsenale, wie immer der Selbstdarstellung einzelner Büros gewidmet, donnern apokalyptische und Sphärenklänge, flimmern grellbunte Neonschriften, stehen Statuen und Skulpturen und herrscht dank zahlloser Monitore babylonisches Stimmen-, Farb- und Formengewirr, das pausenlos auf die Besucher einprasselt, als sei man in einen Weltkongress der Videokünstler geraten.

          Picasso in Paraphrase

          „Was gibt es Neues auf dem Rialto?“ Shakespeares Shylock konnte darauf noch eine Antwort erwarten. Wir nicht mehr. Denn wie gewohnt zelebriert das Arsenale den Autismus der Architekten: Die indische Architektin Anupama Kundoo zum Beispiel hat einen wunderhübschen Saal aus Lehmziegelwänden, Terrassen und Böden samt handschmeichlerischen Tonschalen und Krügen aufgebaut - eine Welt wie aus dem altindischen Bilderbuch, die keine Bevölkerungsexplosion kennt. Ähnlich rückwärtsgewandt ist der Deutsche Hans Kollhoff, der wunderbar detaillierte, paladianisch angehauchte oder vom Art déco inspirierte Schülermodelle von Stadt- und Turmhäusern aufgestellt hat, wie man sie seit Jahren von ihm kennt. Ganz selbstbezogen sind die Schweizer Herzog & de Meuron, die rings um einige Ausschnittmodelle ihrer Hamburger Elbphilharmonie (sie wird, wenn sie denn wird, herrlich) die Wände mit Zeitungsartikeln tapeziert haben, auf denen es um die endlosen Bauskandale dieses Baus geht.

          Immerhin: Man hält inne vor einem Wandteppich, den die südafrikanischen Noero Wolff Architects gemeinsam mit Plänen für eine Trabantenstadt präsentieren. Das Webstück, eine Handarbeit von fünfzig Frauen, paraphrasiert Picassos Guernica und ist den Millionen afrikanischer Aids-Opfer gewidmet.

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