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Architekturbiennale in Venedig : Abriss der Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

The New Serenity, Still from 2038: Szene aus Christopher Roths und Leif Randts Kurzfilm im Deutschen Pavillon Bild: The New Serenity/Deutsche Pavillon

In Venedig eröffnet die Architekturbiennale – wegen Corona mit einem Jahr Verspätung. Die Welt hat sich dramatisch verändert. Wie reagieren Architekten, Planer und Utopiker auf die neue Lage?

          7 Min.

          Dies ist eine der besten Biennalen seit Langem – und eine der seltsamsten. Seltsam ist schon einmal die vollkommene Stille, die in den Ausstellungshallen herrscht. Auch wenn der Sozialrummel bei der Architekturbiennale schon immer geringer ausfiel als bei der Kunstbiennale, bei der die Yachten der Oligarchen vor den Giardini ankerten und die Sammler die morschen alten Palazzi mieteten und mit ihren Partys fast zum Einsturz brachten – so leer und still wie jetzt war es hier noch nie.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses Jahr wird die Biennale kuratiert von Hashim Sarkis, der die Architekturfakultät am MIT in Boston leitet und seine Ausstellung schon vor der Pandemie unter das Motto „How will we live together“ gestellt hatte. Die Frage ist aktueller denn je – und die Leere in den Pavillons täuscht insofern, als spätestens mit der globalen Krise klar geworden ist, dass es für die Zukunft eines Planeten mit bald zehn Milliarden Einwohnern von zentraler Bedeutung ist, wie man Häuser und Städte baut. Wenn sogar die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit ihrem „New European Bauhaus“ das Bauen zur Chefsache macht, zeigt das auch, wie die Fragen, die Architekten schon seit Jahren umtreiben, jetzt endlich die höchsten politischen Ebenen erreichen.

          Die Biennale fällt mit einem politischen Neustart zusammen, bei dem Milliarden für den ökologischen und sozialen Umbau der Städte und der Gesellschaft ausgegeben werden. Aber wie soll der aussehen? Einige Antworten sind naheliegend: Ja, die Städte müssen grüner werden und kühler, es ist angesichts der Aufheizung des Planeten schön, wenn das Regenwasser wie im dänischen Pavillon in Bäche geleitet wird und Teepflanzen bewässert, und angesichts der Tatsache, dass allein die Zementherstellung für neun Prozent der globalen CO2-Produktion verantwortlich ist, ist man sich einig, dass mehr mit Holz gebaut werden muss.

          Beeindruckende Holzständerkonstruktion am amerikanischen Pavillon in Venedig
          Beeindruckende Holzständerkonstruktion am amerikanischen Pavillon in Venedig : Bild: Paul Andersen und Paul Preissner

          Entsprechend sieht es auf der Biennale oft aus wie im Inneren eines Baums. Die Amerikaner haben eine beeindruckende Holzständerkonstruktion errichtet, die man wahlweise als sehr schmales Haus oder als monumentalen „Front Porch“ beschreiben kann. Noch heute werden die meisten Einfamilienhäuser in Amerika auf diese Weise errichtet (und dann oft mit Kunststoff in Holzoptik verkleidet). Dass das Material allein nicht die Welt rettet, zeigen jene Fotos, wo vor den Holzgerippen zukünftiger Häuser gigantische Geländewagen parken. Man wird auch über die Art nachdenken müssen, wie man zusammenleben will, in welchen Typologien – und wie die politischen Rahmenbedingungen für dieses Zusammenleben aussehen sollen. Hier wird die Biennale interessant: weil sie soziologisch und politisch argumentiert und nicht bloß, wie sonst so oft, den herkömmlichen Büro- und Wohntürmen ein Faschingskostüm aus Holz, Gestrüpp und Sensoren überwirft und das Ganze als grüne und smarte Zukunftslösung vermarktet.

          Sarkis hat die Biennale in fünf Kapitel unterteilt. Es fängt mit den Grenzen des menschlichen Körpers an und reicht über Formen des Zusammenlebens bis zu nationalen und planetaren Grenzen. Im ersten Kapitel geht es um die Frage, wie man das Zusammenleben der menschlichen Spezies mit Tieren gesünder organisieren könnte, mehrere Beiträge widmen sich den Auswirkungen der technologischen Revolution auf den menschlichen Körper. Jessica Charlesworth und Tim Parsons haben ein großartiges Horrorkabinett an erfundenen Geräten versammelt: Da gibt es etwa eines, das an eine Kaffeemaschine erinnert, aber dazu dient, die unter gestressten Plattform-Arbeitern mittlerweile übliche morgendliche Mikrodosis LSD, mit der man angeblich kreativer und leistungsfähiger wird, richtig zu portionieren, „so dass die Gefahr einer Makro-Dosis verringert wird“. Der „Catalog for the Post-Human“ ist eine brillante Satire auf das „Internet of Things“, auf die smarten Armbänder, die die Schlafperformance messen und Schritte zählen und den in Selbstoptimierungszwängen gefangenen Menschen noch irrer machen.

          Schon hier zeigt sich, dass diese Biennale nicht nur für die Verringerung des ökologischen Fußabdrucks beim Bauen interessiert, sondern für einen gesellschaftlichen Neustart.

          Herausforderungen der 20er Jahre

          Die folgenden Kapitel fragen, wie neue Formen des Zusammenlebens aussehen könnten: Wie können Singles, Rentner und Alleinerziehende mit Kindern so wohnen, dass die Auflösung der Kernfamilie nicht als Drama, sondern als neue Freiheit erlebt wird? Wie kann man die lokale, Arbeiter und Natur weniger ausbeutende Produktion und das Wohnen so zusammenbringen, dass alle entspannter leben? Im Arsenale wird der Plan für ein luftiges Hochhaus, den One Open Tower, gezeigt, den ein junges Kollektiv um Nicolas Laisné entworfen hat und bei dem tiefe Terrassen und hängende kollektive Gärten die klassische Fassade ersetzen. Wie man Hochhausmonster klug umbaut, statt sie mit hohem Aufwand abzureißen, zeigen im französischen Pavillon der Umbau einer Problemsiedlung in Bordeaux und im Arsenale das Büro Raumlabor mit seinem Projekt für das Berliner „Haus der Statistik“ aus DDR-Zeiten, das gerade zu einem experimentellen Gebäude mit Werkstätten, wilden Gärten und billigen Wohnungen für Familien oder große Freundeskreise umgebaut wird.

          Auch alte Utopiker werden wiederentdeckt: Leopold Banchini und Lukas Feireiss erinnern in einer klugen Installation an den sechsundachtzigjährigen Do-it-yourself-Hippie-Architekten Lloyd Kahn, der von Kochbüchern bis zu Manuals zum Bau von Kuppeln, in denen Kommunen und Großfamilien leben könnten, legendäre Anleitungen für ein neues, freieres Zusammenleben verfasste. Wie man für den Preis von zwei deutschen Einfamilienhäusern im Senegal ein ganzes Krankenhaus bauen kann, zeigt überzeugend Manuel Herz – und es ist gut, dass endlich auch mehr junge Architekten aus Afrika und Lateinamerika ihre Arbeiten zeigen können, unter ihnen das Büro Arquitectura Expandida, das in Bogotá experimentelle Stadtteilbibliotheken und -kinos baut.

          Teil der Ausstellung „Orae? Experiences on the border“ im Schweizer Pavillon
          Teil der Ausstellung „Orae? Experiences on the border“ im Schweizer Pavillon : Bild: Gaetan Bally/dpa

          Herausforderungen des Klimawandels für Architektur

          Der Hauptpavillon widmet sich den globalen Folgen menschlicher Besiedlung. Aus einem Raum dringt ein ohrenzerfetzender Donner; es ist der Klang von brechendem antarktischen Eis. Giulia Foscari hat für ihr beeindruckendes Projekt „Unless“ zweihundert Experten, darunter Klimaforscher, Anwälte und Chemiker, zusammengebracht, um einen Masterplan für die Rettung jener 26 Quadrillionen Tonnen Eis zu entwickeln, die, wenn sie schmelzen, alle urbanistischen Detailverbesserungen in den küstennahen Weltstädten obsolet machen.

          Hin und wieder beschränkt sich aber selbst diese Biennale auf nachhaltig langweilige oder surreale Slogans („Von Ego zu Eco“; „Nachhaltigkeit ist ein Wind, der nie aufhört zu wehen“) zur notwendigen Grünerwerdung des Planeten, ohne dass man erfahren würde, an welchen Machtstrukturen und Lobbykräften die trotz des breiten Zuspruchs nun eigentlich genau scheitert. Dabei wären Schuldige leicht benennbar: Reiner Irrsinn ist es zum Beispiel, dass der Bund, dessen Gebäude bis 2050 klimaneutral sein sollen, Bestandsgebäude mit riesigem Aufwand abreißen und mit fragwürdigen Dämmmaterialien neu bauen lässt, statt sie intelligent zu sanieren; dass selbst schwarzgrüne Regierungen weiterhin den flächenfressenden Einfamilienhausbau vorantreiben, nur von jetzt an mit einem dekorativen Spoiler aus Solarpaneelen auf dem Dach. In beiden Fällen werden einzelne Einsparungseffekte bejubelt, anstatt auf die energetische Gesamtbilanz zu schauen.

          Umso besser ist das, was im deutschen Pavillon stattfindet. Dort ist einer der kritischsten und gleichzeitig optimistischsten Beiträge dieser Biennale zu sehen – wenn man weiß, wie man mit einem Mobiltelefon einen QR-Code scannt (einige ältere Herren liefen mit roten Köpfen wieder hinaus und riefen erbost, es seien dort nur seltsame Muster zu sehen). Erst einmal scheint der von den Architekten Arno Brandlhuber, Olaf Gawert und Nikolaus Hirsch sowie dem Künstler und Regisseur Christopher Roth initiierte Pavillon tatsächlich leer zu sein. An den Wänden ist, wie in einer Ausstellung für Konzeptmalerei, nur je ein Matrix-Barcode zu finden. Wenn man die scannt – oder die Website www.2038.xyz öffnet –, bekommt man Filme zu sehen, in denen sich eine beeindruckende Menge von Denkern, Erzählern und Architekten auf ein Spiel einlässt und das intellektuelle Fundament zur Beantwortung der Frage liefert, wie man zusammenleben soll: Sie alle erzählen aus der Zukunft des Jahres 2038, wie nach den Krisen der Jahre um 2020 die große Kehrtwende gelang.

          Deutsche Optimismusmaschine

          Der Pavillon ist sozusagen nur eine leuchtende Hülle, eine Optimismusmaschine, aus der man sich per QR-Code in eine Zukunft beamt, in der alle Anstrengungen, den Planeten zu retten und weniger effizienzgetrieben zu leben und zu wirtschaften, bereits von Erfolg gekrönt wurden und in ein Zeitalter der „neuen Gelassenheit“ geführt haben. Statt schüchterner Einerseits-andererseits-Debatten werden aus der imaginären Zukunft eindeutige Antworten geliefert: Man sieht die Digitalministerin von Taiwan, Audrey Tang, umschwirrt von dezentralen Künstlichen Intelligenzen, die wie futuristische Tech-Hummeln durch die Gegend sausen. Man sieht Francesca Bria, die UN-Botschafterin für digitale Rechte, die erklärt, wie wichtig diese Dezentralität der Daten ist; nirgendwo wird sonst so klar, dass die persönliche Cloud im Digitalzeitalter die Voraussetzung für eine neue Form des Städtebaus und des Zusammenlebens sein wird – weil die Daten der Bürger so nicht mehr zentral gespeichert und von gewinnorientierten Plattformen oder autoritären Regimes missbraucht werden können.

          Die Installation „Uncertainly“ im spanischen Pavillon
          Die Installation „Uncertainly“ im spanischen Pavillon : Bild: dpa

          Der Schriftsteller Leif Randt schrieb das Drehbuch zu einem zauberhaften Kurzfilm, in dem zwei um 2021 geborene Teenager des Jahres 2038 in das Jahr ihrer Geburt zurückreisen, durch Venedig wandern und sich wundern, dass früher einfach so mit dem Boden spekuliert werden durfte. Man sieht die Architekten Daniel Schönle und Ferdinand Ludwig, die sich wundern, dass man 2021 noch Häuser baute, die die Natur um jeden Preis draußen halten wollten. Man sieht den Internetpionier Vint Cerf, der erzählt, wie großartig im Jahr 2038 das Leben mit Robotern ist, die einem die unangenehme Arbeit abnehmen und sich trotz Singularität als umgängliche Gestalten erweisen.

          Der deutsche Pavillon entdeckt auch einen emanzipatorischen Tech-Optimismus wieder, der hinter Künstlichen Intelligenzen nicht nur böse Mächte am Werk sieht, sondern einfordert, deren Programmierung selbst in die Hand zu nehmen. Man sieht den Gesellschaftstheoretiker Evgeny Morozov, der auf einem Schiff, das auch ein Raumschiff sein könnte, vor einem Bullauge sitzt und mit Bezug auf den Kybernetiker Stafford Beer erklärt, wie es gelingen kann, eine Gesellschaft voller „Non-Markets“ aufzubauen, die nicht von Effizienz, Wettbewerb und finanziellem Gewinnstreben, sondern von Kooperation und Solidarität geprägt sind – und wo Digitalisierungsgewinne, gerecht verteilt, jedem ein entspanntes Leben ermöglichen.

          All das sind keine utopischen Träumereien, sondern Richtungsfragen, deren Klärung jetzt ansteht und die über das Aussehen und Funktionieren zukünftiger Städte, Ökosysteme und Gesellschaften entscheiden werden. Die Filme könnten einmal historisch werden; entweder als Vorwegnahme eines neuen politischen Optimismus – oder als Erinnerung an den Moment, an dem man noch die richtigen Entscheidungen hätte treffen können.

          17. Architekturbiennale. Giardini und Arsenale, Venedig, bis zum 21. November

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