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Architektur : Gebaute Klippen und gläserne Wogen

  • -Aktualisiert am

Die Vereinigten Staaten erleben einen neuen Museumsboom. Zwar baut vor allem die „zweite Reihe“, doch was entsteht, ist erste Qualität. Die Krone gebührt derzeit den neuen Bauten in Boston und Denver.

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          Nicht alle Architekten begnügen sich damit, Bauwerke zu entwerfen. Manche bauen rätselhafte Metaphern. Andere liefern die Deutung kostenlos mit. Zum Beispiel Daniel Libeskind. Sein berühmtestes Bauwerk, das Jüdische Museum in Berlin, hat er, unter anderem, als zersplitterten Davidstern metaphorisiert. Die Spitze des Freiheitsturms, den er vergebens für Ground Zero plante, hätte den gereckten Fackelarm der Freiheitsstatue symbolisiert.

          In Denver, wo nun sein neuestes Museum eröffnet wurde, sollen wir in dem wildgezackten Bau die nahen Rocky Mountains erahnen. Hat darum der Betrachter unrecht, wenn er an der 13. Avenue in einer mächtigen vorkragenden Zacke einen geschärften Schiffsbug erkennt? Die Rockies sind Denver näher als Ozeane - ins Stadtbild aber fügt sich der Neunzig-Millionen-Dollar-Bau auch nicht artiger als ein Dampfer in ein Gebirgstal.

          Ausgesprochen aggressiv

          Das Museum verhält sich sogar ausgesprochen aggressiv. Seine mehrdeutige Zacke droht sich jenseits der Avenue in den Museumsaltbau zu bohren, den Gio Ponti sich in den siebziger Jahren als verkachelte Kunstburg mit Schießscharten und Zinnen sehr schrullig ausgedacht hatte. Libeskind überbietet dergleichen Exzentrik mühelos, ohne weit über sein bekanntes Formenvokabular hinauszugehen: Das neue Denver Art Museum verweigert sich dem rechten Winkel wie der lotrechten Wand und spaltet sich in asymmetrische Baukörper auf, die es ineinander verschiebt oder auseinanderkippen läßt. In seiner mattgold schimmernden Titanhaut, die sich unter der Beleuchtungsregie der Natur dramatisch verändern kann, alles andere als freundlich, zieht es doch alle Blicke magnetisch auf sich. Ein Blickfänger bleibt es auch im Innern, vor allem in der gebäudehohen Eingangshalle. Schräge Wände, herabstürzende Decken, verwinkelte Treppen konfrontieren uns mit einer stillstehenden Explosion. Vielleicht sind das die im Eis erstarrten Rockies.

          Die Einwohnerschaft von Denver hat sich gleich heftig für das neue Wahrzeichen erwärmt. Der Kunst fällt das schon etwas schwerer: Wo die exaltierte Architektur und die Sammlung von Regionalkunst, also all die Gemälde und Skulpturen von Cowboys und Indianern und dem restlichen mythischen Personal des amerikanischen Westens, aufeinandertreffen, kommt es zu scharfen Dissonanzen. Kunstfreunde brauchen dagegen nur auf ihre Köpfe zu achten: Um den Zusammenstoß mit Spitzen und Kanten zu vermeiden, hat man am Boden hölzerne Grenzlinien gezogen. Elegant sieht das freilich nicht aus.

          Hoffen auf den Bilbao-Effekt

          Aber es geht hier nicht nur um Dienst an der Kunst. Wieder hofft eine Stadt auf den Bilbao-Effekt. Nicht daß Denver, eine kräftig wachsende Provinzmetropole mit 2,6 Millionen Einwohnern, sich an den Rettungsring Kultur klammern müßte. Aber für etwas Kulturglamour, der nebenbei ein problematisches Stadtviertel wiederbeleben könnte, schnüren auch knausrige Stadtväter den Stadtsäckel auf. Libeskind wurde inzwischen mit dem Masterplan für einen Kulturdistrikt beauftragt; die erste Stufe, ein Wohnkomplex mit den teuersten Appartements der Stadt, steht bereits. Direkt neben dem Museum gelegen, übernimmt dieses Glaspalais von ihm nur einige schüchterne Zitate. Es ist kein Virtuosenstück des Stararchitekten, markiert aber doch einen Fortschritt gegenüber dem postmodernistisch verspielten Baukasten auf der anderen Straßenseite, in dem Michael Graves vor fünfzehn Jahren die Stadtbibliothek untergebracht hat.

          Denver ist nicht die einzige amerikanische Stadt, die auf Kunst als Wirtschaftsfaktor setzt. Gerade Museen in der zweiten Reihe boomen, oft auch couragierter als die Großinstitutionen: In Toledo, Ohio, herrscht Jubel über einen Pavillon, den das japanische Architekturbüro SANAA aus kurvendem Glas errichtet hat, in Akron, im selben Bundesstaat, verwirklicht Coop Himmelb(l)au erstmals ein Projekt in Amerika, in Miami sollen bald Herzog & de Meuron zum Zuge kommen, im maroden Detroit lockt eine demonstrativ karge Kunsthalle, wo früher Autos verkauft wurden, und auch in San Diego, Seattle und Kansas City werden Museen aufsehenerregend um- und neugebaut.

          Ein extravagantes Zuhause

          So schnell aber dürfte kein anderer Ort mit einem Bau aufwarten, wie er jetzt in Boston Furore macht. Das Institute of Contemporary Art, das erst vor wenigen Jahren begann, eine Sammlung aufzubauen, und zuvor nur Ausstellungen präsentierte, hat ein extravagantes Zuhause bekommen, in dem die Kunst gleichwohl nicht architektonischem Übereifer zum Opfer fällt. Bostons Museumswunder findet in einem lange siechenden, nun aber energisch aufstrebenden Hafenviertel statt.

          Von fern macht die graue, noch einsam am Pier stehende Glasschachtel einen ziemlich verschlossenen Eindruck. Aber je näher man ihr kommt, desto mehr entpuppt sie sich als komplexe, bezwingend durchdachte, unendlich einfallsreiche und, nicht zuletzt, menschenfreundliche Kulturmaschine. Entworfen wurde sie von Diller Scofidio + Renfro, dem New Yorker Architektenteam, das nach Jahren des Projektierens nun die heißumkämpften Gipfel der Praxis erklamm. Sein radikal zeitgenössisches Idiom ist in Boston von einer Intellektualität, die dennoch sehr sinnlich ist. Klar läßt sich verfolgen, wie der hölzerne Boardwalk über Treppen und Sitzstufen das Museum erreicht, im Museumsboden sich fortsetzt, vordringt auf die Bühne des Theaters, dort die Wand hinaufkriecht, die Decke überzieht und wieder nach draußen wandert, um eine enorm überkragende Konstruktion zu erreichen, die den Cafegästen Schutz vor Regen bietet und wie en passant die oberen Galerien trägt.

          Ein Glücksfall für Boston

          Damit ist nichts über die Wirkung gesagt, die sich um das Holzband herum entfaltet. Etwa im Theater, wenn der Blick durch Glaswände, die auch noch die Bühne umarmen, über den Hafen zur Skyline von Boston schweift und wo im Raumerlebnis sich alle verbünden: Schauspieler, Tänzer, Musiker, Publikum und Stadt. Völlig anders dringt die Außenwelt in die Mediathek, die unter dem Überhang wie ein herausgeklappter Kasten hängt. Innen geht es auf steilen, computerbestückten Stufen hinab zu einer auswärts gekippten Glasfront, die einem Riesenbildschirm gleicht, auf dem nur das Spiel der Meereswellen zu sehen ist.

          Ideenreich sind auch die Details. Im Treppenhaus verbreitet ein Senklot aus Neonröhren Licht und Atmosphäre. Ein gigantischer Aufzug schwebt wie ein gläsernes Zimmer von Stock zu Stock, ohne irgendwem die Fernsicht zu verstellen. Eine Aussichtsgalerie macht gar die Besucher glauben, sie könnten hier über Wasser gehen. Und dann die variablen Ausstellungsräume, die der neueren Kunst, von der Installation übers Video bis zur Computeranimation, den Vortritt lassen. Ein Haus, das draußen und drinnen, Stadt und Kunst zusammenbringt. Eine Skulptur, die Museum und Avantgardebühne ist. Ein Glücksfall für Boston.

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