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Wohnen der Zukunft : Häuser für eine andere Welt

Für den Lebensabschnitt, der ganz besonders als Baustelle bekannt ist: Blick in eine Küche des Studierendenhauses in Basel. Bild: Damian Poffet

In der Schweiz revolutionieren junge Büros wie Duplex Architekten mit aufsehenerregenden Wohnexperimenten unsere Vorstellung von der Zukunft der Stadt. Wie könnte die aussehen?

          7 Min.

          Eigentlich ist hier alles zu spät: Autobahnzubringer türmen sich auf mehreren Ebenen, dahinter ächzen Güterzüge nach Basel hinein – das hier ist nicht die Schweiz der Postkarten, sondern das ortlose Niemandsland der modernen Metropolen, das J.G. Ballard in seinem grandiosen Roman „Betoninsel“ beschreibt. Hier, denkt man, wenn man unter der Autobahnbrücke am alten Areal des Güterbahnhofs von Erlenmatt Ost einparkt, lebt man nicht, hier strandet man. Jedenfalls war es bisher so. Seit einigen Jahren ist der Stiftung Habitat und den von ihr beauftragten Architekten aber etwas Unwahrscheinliches gelungen; sie haben der Brache, auf der das schönste Bauwerk ein altes, 1912 von Rudolf Sandreuter entworfenes Silo war, ein neues Wohnquartier abgerungen.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Den Anfang machte ein skulpturaler Bau der Architekten Galli & Rudolf, die hier als ersten Baustein einer bewohnbaren Lärmschutzwand ein Wohn- und Gewerbehaus mit Alterswohnungen, betreute Wohngruppen, Werkstatt- und Gemeinschaftsräumen sowie einer Kindertagesstätte errichteten. Die einfache, aber skulptural und nobel wirkende Wand dieses Bauwerks aus rötlich gefärbten, von ornamentalen Formen durchbrochenem rohen Beton und Glasbausteinen war allein schon eine Setzung, die dem Basler Randbezirk eine fast lateinamerikanisch moderne Eleganz gibt. Noch bemerkenswerter ist der Bau, den das junge Züricher Büro Duplex Architekten an die Kante zu Autobahn und Gleisgewirr gesetzt hat: ein „Studierendenhaus“, wie Studentenheime jetzt genannt werden, für rund hundert Bewohner, mit Gewerbe im Erdgeschoss.

          Wirkungsvollen Kontrast zum ruppigen Rohbeton

          Die Studenten leben in sechzehn Wohngemeinschaften, in denen vier bis sieben Bewohner Platz finden. Duplex hat auf dem schmalen Grundstück, dessen eine Seite sich mit Lärmschutzfenstern zur Autobahn abschottet, eine überraschende Lösung gefunden: Die luftigen, oft zweigeschossigen Wohnungen gruppieren sich in zwei Flügeln um einen Innenhof und werden durch Laubengänge erschlossen, die hier und da Balkone und Brücken ausbilden und von den Studenten mit Stühlen und Pflanzen in kleine Außenerweiterungen des Wohnzimmers verwandelt werden; so hat jeder hier seine noble, halbprivate Terrasse.

          Das Herz dieser Anlage aber ist der knapp acht Meter breite, fünfzig Meter lange Innenhof, zu dem man über eine Treppe vom Straßenniveau hinaufsteigt. Er ist mit einem Belag aus ornamentalen, rötlichen Betonplatten belegt und wirkt aus der Entfernung wie ein großer Teppich, wodurch die Anmutung eines kollektiven Wohnzimmers entsteht. Dieses kleine, aber entscheidende Detail, das einen wirkungsvollen Kontrast zum ruppigen Rohbeton des Baus und den feinen Profilen der Fenster bildet, ist typisch für die Arbeit des Büros, das von Anne Kaestle und Dan Schürch gegründet wurde: Sie zeigen, wie man mit einfachen Akzepten einfache Materialien aufwertet und so einen atmosphärischen Reichtum, eine Wohnqualität erzeugt, die man im kostengedeckelten Sozialbau leider selten findet.

          Straßenansicht: das Studierendenhaus Habitat.
          Straßenansicht: das Studierendenhaus Habitat. : Bild: Damian Poffet

          Typologisch erinnert der Hof an eine der großen Wohnutopien der Moderne, das Phalansterium von Charles Fourier, der im frühen 19. Jahrhundert ein „Versailles für das Volk“ entwarf, einen Volkswohnpalast für die Arbeiter mit würdevollen Wohnungen, Werkstätten und Kindergärten, die es Frauen erlauben würden, zu arbeiten, und einem Festsaal in der Mitte – damals, zu Beginn der Industrialisierung, eine Revolution. Im großen Wohnzimmerhof von Duplex wird diese Form für das postindustrielle, digitale Zeitalter, in dem vermehrt von zu Hause aus gearbeitet wird, wiederbelebt: Hier kann gelernt, gedöst, auch: gefeiert werden, und später, wenn einmal Studierende mit Kindern einziehen, können die auf dem geschützten Innenplatz gefahrlos spielen. Und abends können lange Tische aufgestellt und gemeinsame Essen veranstaltet werden. Wenn gute Architektur immer eine Ermutigung zu einem Leben ist, das vorher nicht vorstellbar schien, dann hat man es hier mit einem Raum zu tun, der geradezu dazu auffordert, den historischen Moment, in dem man nicht mehr von 9 bis 18 Uhr ins Büro muss, zu nutzen, um eine entspanntere Form von Arbeiten und Leben auszuprobieren.

          Wie auf einer Zeichnung von Chillida

          Kaestle und Schürch sind sanfte Utopiker, die es, scheinbar unauffällig, dennoch geschafft haben, die Schweiz in den vergangenen Jahren zu einem der international interessantesten Orte für neue Wohnarchitekturen zu machen. Allein in den zwei Jahren vor der Pandemie wurden gleich fünf spektakuläre Wohnkomplexe mit Hunderten von Wohneinheiten eingeweiht. Berühmt wurden beide vor einigen Jahren aber vor allem mit ihrem Plan für das Hunziker-Areal in Zürich, ebenfalls ein eigentlich unmögliches Baufeld zwischen Autohäusern, einer Bahnlinie und einer Sonderabfall- und Tierkörperentsorgungsanlage. Duplex plante hier, zusammen mit dem Büro Futurafrosch, keine reine Wohnsiedlung, sondern eine kleine Stadt mit Plätzen, Gassen, um die herum sich diverse Gebäude mit 450 Wohnungen, Restaurants und Ateliers, Läden und kleinen Büros versammeln. Das neue Viertel wurde prompt als „zukunftsweisendstes Wohnquartier der Schweiz“ gefeiert.

          Bemerkenswert ist tatsächlich, wie Duplex hier weder den klassischen Blockrand-Grundriss noch die moderne freie Verteilung von Wohnriegeln favorisierte, sondern einen dritten Weg aufmachte: Wie auf einer Zeichnung von Chillida schieben sich die einzelnen Wohnbauten, treibenden Eisschollen gleich, mal als „dicke Typen“ an schmale Riegel, mal bilden sich zwischen ihnen große, mal kleine Plätze, mal Korridore und Wege, fast wie in einer italienischen Kleinstadt. Das Areal ist verkehrsberuhigt, lässt aber dem Zubringerverkehr eine kleine Einbahnstraße. Sie stemmt sich gegen den Furor jener Verkehrsideologen, die nicht nur die Autos von der Straße verbannen, sondern auch dem Bürgersteig an den Kragen wollen und die Straße von Haus zu Haus als Fußgängerzone zupflastern – was dann zu Kollisionen der direkt vor der Tür durchrasenden Fahrradfahrern mit heraustretenden Rentnern oder Kindern führt, die auf den Schutzraum des Bürgersteigs verzichten müssen.

          Von Basel bis zum Züricher Hunziker-Areal fährt man gut eine Stunde. In Basel fing es an zu regnen, die grünen Hügel verschwanden im Dunst. Regentage sind immer Härtetests für Architektur. Wenn die Sonne scheint, kann man noch die ödeste Kiste gut fotografieren. Bei Regen schlägt der Moment der Wahrheit. Das Hunziker-Areal kommt auch mit solchem Wetter klar und erinnert eher an die feine Melancholie leerer Mailänder Plätze – was vielleicht an den dezenten Pastelltönen der Putz- und Betonfassaden liegt, am feinen Stampfkies des von Bäumen bewachsenen Zentralplatzes oder auch daran, dass die kleinen Läden im Sockelgeschoss auch bei Regen noch einladend leuchten und man nicht, wie in Wohnsiedlungen oft üblich, bloß in nassgeregnete Abluftgitter und Garageneinfahrten schaut.

          Der Hof des Studierendenhauses, wie gemacht für gemeinsames Feiern.
          Der Hof des Studierendenhauses, wie gemacht für gemeinsames Feiern. : Bild: Damian Poffet

          Auch im Hunziker-Areal hat Duplex zwei Häuser errichtet, eines davon für Großwohngemeinschaften. In der Großwohngemeinschaft im oberen Stockwerk des Clusterhauses macht ein hagerer Mann die Tür auf; er berichtet, dass während des Lockdowns die Kommune ein Segen war, so habe man wenigstens ein paar Leute sehen dürfen, rechtlich waren sie ja ein Haushalt, obwohl jeder seinen Rückzugsraum mit eigenem Bad und kleiner Kochnische besitzt und so den Ärgernissen verklebter WG-Küchen und -bäder entgeht. Hinter ihm steht zwischen Zimmerpalmen ein japanischer Gong, damit wird zum Essen gerufen. Am Fenster stehen zwei Fernsehsessel, aber kein Fernseher; offenbar schauen die Bewohner lieber auf den Platz unten, oder sie sonnen sich hier. Zum Tadao-Ando-haft minimalistischen Betontreppenhaus-Hof haben die Wohnungen ein großes, bodentiefes Fenster; einige Bewohner haben ein Regal davorgestellt, andere klebten einen Papieraffen hinein, unten rahmen Dschungelpflanzen den Blick, so wird jedes Fenster zur Visitenkarte und zum Stimmungsbild der Wohngemeinschaft dahinter.

          Duplex-Kollektivhäuser sind eine längst überfällige Antwort auf die Tatsache, dass von der Bauindustrie noch immer meist für Singles oder Kleinfamilien gebaut wird, was eine problematische normative Setzung ist, die bestimmte Lebensformen zementiert und andere verhindert, während die gesellschaftliche Realität sich längst geändert hat: Alleinerziehende, Gruppen von Freunden, die neue Lebensmodelle ausprobieren möchten, Rentner, die nicht ins Altersheim, sondern zusammen mit Gleichaltrigen in großen Gemeinschaftshäusern leben wollen, Berufstätige, die nicht mehr jeden Tag ins Büro fahren müssen, sondern von zu Hause aus arbeiten können – für all sie gab es bisher kaum passende Räume, oft zwang gerade in den teuren Städten der verfügbare Wohnraum Menschen in Lebensentwürfe zurück, die sie eigentlich vermeiden wollten. Duplex will hier Abhilfe schaffen.

          Schrille Fassadenfarben

          Aber nicht nur sozial und lebensweltlich, auch konstruktiv sind die Bauten von Duplex interessant. Das Einsteinmauerwerk ermöglicht ohne zusätzliche Dämmung mit Kunststoffplatten einen sehr geringen Energieverbrauch. Weil aber die Tragkraft der porösen Steine begrenzt ist, wurde mit nur 20 Zentimeter starken Geschossdecken ohne Einlagen das Gewicht reduziert, der Betonkern in der Mitte des Baus steift ihn zusätzlich aus. Dass solche Experimente überhaupt gebaut werden können, hat auch mit der Geschichte des Genossenschaftswohnungsbaus in der Schweiz zu tun. Heute liegen mehr als ein Viertel aller Wohnungen in Zürich in der Hand von gemeinnützigen Wohnbauträgern; bei den meisten Schweizer Wohnbaugenossenschaften sind die Mieter auch Besitzer der Genossenschaft, was dafür sorgt, dass sie wesentliche Entscheidungen direkt mitbestimmen können.

          Im Neubauviertel Limmatfeld schließlich zeigt sich, was Architektur im Detail ausmacht. Ein Großteil der Häuser hier ist doch etwas sehr karg-quadratisch geraten, weswegen einige Architekten zu möglichst schrillen Fassadenfarben griffen, ganz so, als wollten sie ihre schlecht detaillierten Wohnkartons mit Gewalt der gähnenden Rasterlangeweile entreißen. Das Ergebnis sind Wohnsärge mit giftgrünem Kopfende; kein schöner Anblick. Es zeigt sich, wie sehr Kleinigkeiten die Atmosphäre einer Straße prägen: Duplex führt mit dem strukturierten Putz, den liebevoll gearbeiteten Betonsockeln und Fallarmmarkisen vor, wie man auch unter Kostendruck so baut, dass das Ergebnis nicht aussieht wie öder Unterbringungsfunktionalismus.

          Ähnlich ihr „Walo-Haus“ in der Züricher Limmatstraße mit seinem atemberaubenden, an skalierten Terrazzo erinnernden Flur und dem samtig gearbeiteten Beton: Würde man die Investoren des Frankfurter Europaviertels, der Berliner Mitte und anderer HochpreisNiedrigqualität-Ghettos zwingen, sich ästhetisch ein wenig mehr an diesen neuen Schweizer Standards zu orientieren – Deutschlands Innenstädte sähen deutlich lebenswerter aus. Und was kommt als Nächstes? Ein Hochhaus mit tragender Holzkonstruktion, sagen die Architekten. Das „Pi“ in Zug wird eines der höchsten Holzhochbauten der Welt sein. Im Inneren des Turms wird jeweils eine drei Geschosse hohe innere Piazza die Wohneinheiten zu einer „vertikalen Nachbarschaft“ zusammenfassen, die die hochhausübliche Anonymität vermeiden soll – ebenso wie die gemeinschaftlich genutzten „Terrasses Communes“ an der Außenseite des Turms.

          Man muss sich auch diesen Turm wie ein breites Ausrufezeichen für das vorstellen, was in Zukunft technologisch und sozial möglich werden könnte.

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