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Anthroposophie in der Kunst : Raus aus den Galerien, rein in die Schulen!

  • -Aktualisiert am

Rudolf Steiner war unter Künstlern ein Star. Die Schau „Aenigma“ im Kunstmuseum Moritzburg in Halle fragt daher: Gab es so etwas wie eine anthroposophische Kunst?

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          Wer durch die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg in Halle geht, stößt nach einigen Räumen auf eine Überraschung. Die Besucher werden an Gemälden, Skulpturen, Möbeln und Kleidern vorbeigeführt, die meisten Objekte sind historisch, sie stammen aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine geradezu liebevolle Innenarchitektur umarmt die Stücke, die Wände sind farbig gestrichen, bunte Kabinette wurden hineingebaut. Auf den ersten Blick kann man sich dort fühlen wie in den zahllosen Ausstellungen über die Epoche der Moderne, die ja immer auch von dem Wunsch handeln, Ästhetik und Leben miteinander zu verbinden.

          Plötzlich aber landet der Besucher in der Gegenwart: Ausgestellt werden nämlich auch Schülerarbeiten der Waldorfschule Halle – Aquarelle und Schiffsmodelle. Es sind gute Bilder darunter, einige sehr gute sogar, die Komposition sitzt, der Umgang mit der Farbe wirkt souverän, die Holzarbeiten könnten aus Schreinerwerkstätten stammen. Doch selbst das hohe Niveau kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine ganz und gar ungewöhnliche Entscheidung ist, zeitgenössische Werke von Schülern in einer Kunstausstellung zu zeigen. Wer würde es wagen, im Lenbachhaus einen Kandinsky mit Arbeiten eines Münchner Gymnasiums zu hängen? Kinderzeichnungen haben viele moderne Künstler inspiriert. Dass sie darüber nicht hinausgekommen seien, wollten dann ihre Feinde den modernen Künstlern nachsagen. Kuratoren mögen sich deshalb davor gehütet haben, die Verbindung in einer Museumsschau allzu eng zu ziehen.

          Die Förderung der Sinne

          In Halle gibt es für diese Entscheidung jedoch gute Gründe, und diese führen mitten hinein in das Thema. „Aenigma“ heißt der Titel der Ausstellung, benannt nach einer Künstlervereinigung, die 1918 ins Leben gerufen wurde, vornehmlich von Frauen. Ihren Namen gab der Gruppe Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, der in Dornach wenige Jahre darauf für sich und seine Anhänger das Goetheanum bauen ließ. Die Bauten zeugen bis heute davon, dass Steiner einen ebenso eigenwilligen wie avantgardistischen Gestaltungswillen besaß. Mehr noch: Ästhetik, die Förderung der Sinne, spielten die zentrale Rolle in seiner Weltanschauungslehre. Damit zog Steiner viele Künstler in seinen Bann. Gab es also – fragt auch der Katalog – so etwas wie eine anthroposophische Ästhetik? Eine anthroposophische Kunst?

          „Nein“, lautet die Antwort auf den ersten Blick. Die Ausstellung vereint so unterschiedliche Werke wie das abstrakte großformatige Gemälde „Taube Nr.2“ von 1915 der schwedischen Malerin Hilma af Klint und die filigranen Stickereien der 1938 geborenen Schweizerin Adelheid Ritter; oder die organischen Möbelentwürfe des Engländers Res Raab treffen auf die kristalline Formensprache des Schweizers Hans Itel. Alle diese Künstler schöpften aus unterschiedlichen Quellen. Wie die Kunsthistorikerin Hanne Loreck kürzlich in ihrem Beitrag in dem englischsprachigen Sammelband „Hilma af Klint. The Art of Seeing the Invisible“ nachgewiesen hat, hielt sich die Künstlerin an Goethes Farbenlehre. Ihre ersten abstrakten Werke von 1906/7 schuf sie in jenem Farbspektrum, das der Dichter und Naturforscher für die „sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe“ empfahl. Auf Steiner stieß Klint erst danach.

          Der Glaube an ein anderes Distributionssystem von Kunst

          Eine durchgehende Formensprache, ein einheitliches ästhetisches Vokabular wird man hier nicht finden. Und wie der Kunsthistoriker Reinhold J.Fäth im Katalog schreibt, könnte der Kreis der gezeigten Arbeiten sogar noch stark erweitert werden: Einbezogen in die Ausstellung wurden nur Künstler, die sich ausdrücklich auf die Anthroposophie beziehen. Bekanntlich zitierte aber Kandinsky, der in Halle nicht dabei ist, ebenso Steiner in „Über das Geistige in der Kunst“; im Jahr 1908 hatte er ihn persönlich getroffen.

          Ist die von der Anthroposophie befeuerte Kunst also zu vielfältig, um auf einen Nenner gebracht zu werden? Nicht ganz. Denn eine Eigenschaft derjenigen Künstler, die sich längerfristig Rudolf Steiner anschlossen, arbeitet die Ausstellung deutlich heraus. Es ist der Glaube an ein anderes Distributionssystem von Kunst. Anders nämlich als die übrige Moderne wünschte man sich keinen passiven Betrachter. Es reichte nicht, Menschen einzuladen, auf Stühlen zu sitzen, Kleider zu tragen oder in Häusern zu wohnen, die andere entworfen hatten. Noch weniger hielt man es für richtig, Kunst über Galerien möglichst teuer zu verkaufen. Anthroposophen haben eine Reihe von erfolgreichen Unternehmen gegründet, vom Demeter-Landbau bis zur Weleda-Kosmetik. Aber Kunst nur für Sammler, Händler oder Museen zu produzieren? Undenkbar. Wie Marc oder Kandinsky den „Blauen Reiter“ über eine Eröffnungsausstellung in der Galerie Thannhauser zu lancieren? Ausgeschlossen.

          Von Steiner stammt der Ausspruch, „in den ärmsten Schulen sollten die herrlichsten Kunstwerke hängen“. Für das Kunstschaffen wünschte er sich darüber hinaus eine umfassende Do-it-yourself-Kultur, eine Mitmachpraxis, die keine Altersbeschränkungen kennt. Nicht deshalb, weil Steiner überzeugt war, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Sondern deshalb, weil er glaubte, dass jeder Mensch davon bereichert werde, sich mit den Mitteln der Kunst auszudrücken – von den Kindern und Schülern bis hin zu den Erwachsenen.

          Verkürzt lautet die Einsicht dieser Ausstellung also: Die Vertreter dessen, was wir heute Klassische Moderne nennen, gründeten für die Kunst Galerien und Museen. Die Anhänger der anthroposophischen Moderne gründeten Kindergärten und Schulen.

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