https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ankauf-eines-selbstportraets-fuer-die-kunsthalle-karlsruhe-17055485.html

Ankauf eines Selbstporträts : Zwischen Zweifel und Zutrauen

Gemalte Schnappschüsse

Solch ein Selfie avant la lettre ist auch Benoists Konterfei, das nun nach Karlsruhe kommt. Bei ihm stehen die Locken bewegt nach hinten ab, als hätte die Dame gerade noch Spiegel oder Selbstauslöser zurechtgerückt, um sich dann schnell hinzusetzen und unverzüglich weiter zu malen. Intensivst ist die Blickaufnahme mit dem Betrachter. Nicht wie bei Selbstbildnissen üblich in den Spiegel schaut sie, um parallel, auf die Leinwand fixiert, zu malen - ihr Blick gehört allein den Blicken der Betrachter, durchaus auch und vielleicht gerade den weiblichen. Das Malen vollführt sie buchstäblich nebenher in traumwandlerischer Sicherheit. Sie bannt geradezu mit ihrem Blick, und so hat das Konterfei auf der Leinwand neben ihr auch etwas Medusenhaftes, weil die Haare dort nicht wie bei ihrem Selbstbild als Korkenzieherlocken abstehen, sondern wie bei einem Gorgoneion schlangenhaft züngelnd den Kopf umspielen und rahmen.

Die Erfindung des Kindes: Benoists Doppelporträt „Madame Philippe Panon Desbassayns de Richemont und ihr Sohn Eugène“ aus dem Jahr 1802.
Die Erfindung des Kindes: Benoists Doppelporträt „Madame Philippe Panon Desbassayns de Richemont und ihr Sohn Eugène“ aus dem Jahr 1802. : Bild: Picture-Alliance

Das Selbstbildnis mit dem ihr angeglichenen Belisar-Begleiter ist somit, genau genommen, ein Doppelbildnis, da sie ihr anderes Ich auf die Leinwand gebracht hat, mit diesem aber über die Brücke des auffallend horizontal gehaltenen Pinsels verbunden ist. Durch diese ungewöhnlich innigen Zweierverhältnisse in ihren Bildern sieht man der Malerin selbst in unseren dekolonialisierten Zeiten üblicherweise angegriffene Bilder mit Darstellungen von Schwarzen nicht nur nach, sondern stellt auch hier die spürbare Nähe zum Modell als Qualität fest. Bereits im Führer durch den Pariser Salon des Jahres 1800 etwa wird ihr damals entstandenes „Bildnis einer Negerin“, das heute im Louvre hängt und vergangenes Jahr in der Ausstellung „Das schwarze Modell“ im Musée d’Orsay den Auftakt bildete (F.A.Z. vom 4. Mai 2019), ausdrücklich hervorgehoben, obwohl die rechte Brust der Frau entblößt ist und das Bild mit dem herausfordernden Blick zum Betrachter und der unter die Brust gelegten Hand mit michelangelesk gespreizten Fingern vor Erotik nur so knistert. Vielleicht lag die damalige Begeisterung aber auch an der tricolorischen Einkleidung der schwarzen Frau in weißen Chiton und Turban, rote Umgürtung und tiefblauen Überwurf. Die hatte Benoist allerdings schon mit der Art der Drapierung des Mantels auf den Knien und der roten Gürtelschärpe in ihrem Selbstbildnis von 1786 vorweggenommen.

Prinzessin auf dem Riesenthron: Marie-Guillemine Benoists „Porträt der Pauline Bonaparte“, 1808.
Prinzessin auf dem Riesenthron: Marie-Guillemine Benoists „Porträt der Pauline Bonaparte“, 1808. : Bild: Wiki Commons

Ein anderes ihrer Porträts, das der Madame Philippe Panon Desbassayns de Richemont und deren Sohnes Eugène, lässt das Kind Kind sein und einfach nach dem Spielen am Oberschenkel der Mutter ruhen, während Madame eben nicht das Kreuz durchdrückt und die adelige Distanz zur Nachkommenschaft als kleinem Erwachsenen hält, sondern sich dem Sohn mütterlich zuneigt, indem sie den Rücken stark durchbeugt. Was heute selbstverständlich klingt, war vor der „Erfindung des Kindes“ in der Biedermeierzeit durchaus ungewöhnlich und sorgt bis heute dafür, dass dieses Bildnis von Mutter und Kind weniger zu den Repräsentationsporträts als vielmehr zu den persönlich-intimen gezählt wird. Selbst auf dem als repräsentativer Auftrag entstandenen „Staatsporträt“ Pauline Bonapartes von 1808 im Schloss von Versailles versinkt die zierliche Prinzessin Borghese in dem riesigen rotsamtenen Thronmöbel, so dass der gesamte napoleonische Pomp mindestens insofern unfreiwillig in Frage gestellt wird, als dass der Betrachter nun erst recht auf die dargestellte Kleinheit der Person in ihrem Unverhältnis zum Thronsessel aufmerksam wird.

Diese späte Unbotmäßigkeit der Benoist von 1808 ist jedoch schon 1786, drei Jahre vor der Französischen Revolution, ausgeprägt. Ihr Karlsruher Selbstbildnis ist göttergleich perfekt, doch im Spiegelbild der Seele auf der Leinwand voller Sorge – vielleicht vor dem Übervater Jacques-Louis David neben ihr. Stärker kann man als Siebzehnjährige innere Zerrissenheit und Zweifel, zu genügen, nicht einfangen.

Weitere Themen

Die Verdammten der russischen Erde

FAZ Plus Artikel: Osteuropaforschung : Die Verdammten der russischen Erde

Würde die Osteuropäische Ge­schich­te einseitig zugunsten der Opfer imperialer Aggression Partei ergreifen, riskierte sie einen Rückfall: Ein Gastbeitrag zu Chancen und Risiken einer „Dekolonisierung“.

Die ersehnte Freiheit ist zwiespältig

Eine Kindheit in Albanien : Die ersehnte Freiheit ist zwiespältig

Lea Ypi hat ein Memoir über ihre Kindheit in Albanien und die Enttäuschung über den Westen geschrieben: eine kluge Komposition aussagekräftiger Szenen, in denen Tragik und Absurdität, Freude und Grausamkeit nahe beieinander liegen.

Topmeldungen

Licht aus! Der Berliner Dom strahlt nicht mehr so hell wie zuvor.

Energiekrise : Warum mangelt es an Erdgas?

Egal wie man rechnet – Haushalte und Industrie müssen mehr Energie sparen. Forscher fordern deshalb noch höhere Gaspreise.
Legt auch ihr Amt als RBB-Chefin nieder: Patricia Schlesinger

Nach Schlesingers Rücktritt : Der RBB liegt in Trümmern

Zuerst trat sie als ARD-Vorsitzende zurück, dann als Intendantin des RBB. Patricia Schlesinger hat die Reißleine gezogen. So vermeidet sie einen erzwungenen Abgang. Ihr Sender braucht einen Neuanfang, der sich gewaschen hat.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.