https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/als-franken-fraenkisch-wurde-archaeologische-funde-aus-der-merowingerzeit-im-knauf-museum-iphofen-17569448.html

Merowinger-Ausstellung : Barttrimmen fürs Jenseits

Amulett und Kreuz in trauter Eintracht: Eine Ausstellung im Knauf-Museum Iphofen fragt nach den Franken in der Merowingerzeit. Wie war das, als die Merowinger die Mainregion eroberten?

          3 Min.

          Dass wir nach dem Tod andere Sorgen haben als unsere Frisur, kann man annehmen, und so erscheint jener germanische Krieger auf dem Grabstein aus Niederdollendorf als doch einigermaßen erstaunlich: Hingebungsvoll kämmt er sein Haar, die andere Hand liegt auf dem Schwert, und zu seinen Füßen steht eine Art Bocksbeutel. Umgeben ist sein Kopf von Schlangen, die ihn beschützen, was zusammen mit der Haarpflege auf eher heidnische Vorstellungen vom Jenseits verweist. Der Grabstein aus dem sechsten oder siebten Jahrhundert allerdings hat auch eine andere Seite. Dort steht ein recht kriegerischer Christus mit einem Speer in der Hand, ganz so, als könne man dem Germanen auf der Rückseite keinen leidenden Erlöser zumuten.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Grabmonument ist das Produkt einer Übergangszeit, in der sich heidnische und christliche Symbolik vermischt. Ihr ist nun im Knauf-Museum Iphofen, bekannt für seine großartige Sammlung von Gipsabgüssen historischer Reliefs, eine eigene Ausstellung gewidmet, in der jener einzigartige Grabstein, der nicht entliehen werden durfte, doch wenigstens als Kopie gezeigt werden kann. Es geht den Kuratoren um die Folgen der merowingischen Eroberung der Mainregion im frühen sechsten Jahrhundert nach Christus, die bis dahin unter thüringischem und alamannischem Einfluss gestanden hatte, und um die Frage, wie genau sich diese neue Machtausübung fassen lässt.

          Die Ausstellung, die sich über drei Etagen des Museumsneubaus erstreckt, setzt einen ersten Schwerpunkt mit dem Modell eines frühmittelalterlichen fränkischen Hauses mit Holzwänden und Strohdach, dahinter auf einer Stellwand die fantasievolle Darstellung des dazugehörigen Zusammenlebens: eine Siedlung, umgeben von einem geflochtenen Zaun, arbeitende Menschen, weidende Rinder. Konkreter wird es in den Vitrinen in diesem Ausstellungsraum, die jeweils Bodenfunde der Region auf rotem Grund neben vergleichbaren aus dem merowingischen Gebiet zeigen, darunter Alltagsgegenstände wie Spinnwirtel und Webgewichte, ein Webschwert, Messer, Scheren oder ein Gerät zur Zwirnherstellung aus der Oberpfalz.

          Vieles davon stammt aus dem Dornheimer Grund bei Iphofen, wo erst die Sammeltätigkeit von Hobbyarchäologen und seit 2012 Untersuchungen von Wissenschaftlern aus Jena Spuren von bereits drei Grubenhäusern ans Licht gefördert haben.

          Sie stammen aus dem sechsten und siebten Jahrhundert und lassen neben den Utensilien, die zur täglichen Arbeit nötig waren, auch einen gewissen Wohlstand erkennen, etwa in Form von Schmuck wie einzelnen Perlen oder den Überresten ganzer Ketten aus fränkischer Produktion – ausgestellt wird aber auch eine Perle aus Amethyst, die wohl aus dem östlichen Mittelmeergebiet hierhergebracht worden ist.

          Die Ausstellung sucht erkennbar Brücken zwischen den oft winzigen Gegenständen in den Vitrinen und dem Verständnis, ja der Imagination der Besucher. Im ersten Raum dient dazu neben dem Modell und dem Tafelbild ein kurzer Film, der die Funde in die Landschaft einbettet, in den übrigen Stationen veranschaulicht eine animierte Landkarte die Migrationsbewegungen der Völker im Bereich von Rhein, Main und Tauber, und im Zentrum der Ausstellung steht der Nachbau zweier Reihengräber, wie sie für die hierher einwandernden Merowinger typisch sind.

          In der einen Kammer liegt ein Mann mit reproduzierten Beigaben wie einer umfangreichen Auswahl an Waffen, aber auch Kamm und Pinzette, um den Bart in Ordnung zu halten, in der anderen eine Frau mit Halskette und Wollkleid, Bügelfibel, Schere und Kamm – und einer Reihe von Gegenständen, die mit Lederbändern am Gürtel festgemacht waren, darunter ein Amulett und ein Spinnwirtel mit Kreuz. Diesem Blickfang in der Mitte des Raums, der auch die ins Jenseits mitgegebene Speise etwa mit einem Kunststoffbrathähnchen veranschaulicht, stehen Vitrinen gegenüber, in denen tatsächliche Grabbeigaben ausgestellt werden – weniger spektakulär auf den ersten Blick, aber umso eindrucksvoller in ihrer Echtheit. Sie stammen aus zwei Gräbern des Kleinlangheimer Reihengräberfeldes und sind typisch für das Bestattungswesen, das die Merowinger ins Land brachten.

          Die religiösen Vorstellungen derjenigen, die dort ihre Toten begruben, waren womöglich einigermaßen heterogen, und wie genau dabei die neuen christlichen Elemente in die alten heidnischen Traditionen – oder umgekehrt – eingefügt wurden, wüsste man gern. Auch in Iphofen kann darüber nur spekuliert werden, allerdings mit einer Tendenz, die das Nebeneinander gegenüber dem Nacheinander betont. Der Begleitband der Ausstellung greift diese Fragestellung mehrfach auf, diskutiert sie anhand einzelner Objekte und ist gut beraten, sie nicht bis ins Letzte entscheiden zu wollen.

          Als Franken fränkisch wurde. Archäologische Funde aus der Merowingerzeit . Im Knauf-Museum Iphofen, bis zum 7. November. Der Katalog kostet 20 Euro.

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