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Montagen von John Heartfield : Stratege des visuellen Schocks

Anstatt durch die Räume der Berliner Akademie der Künste zu schlendern, können die Fans des Montagekünstlers John Heartfield sein Werk jetzt online betrachten. Und das kann auch Vorteile haben.

          3 Min.

          Die Eröffnung der Ausstellung „John Heartfield – Fotografie plus Dynamit“ in der Berliner Akademie der Künste, ursprünglich geplant für den 21. März, mag auf unbestimmte Zeit verschoben sein, doch das Werk des legendären Montagekünstlers (1891 bis 1968) ist immerhin auf der Website „Heartfield online“ abrufbar, sortiert nach Chronologie, Lebensorten, künstlerischen Genres, Materialien und Bildmotiven. Die Frage ist, wer das eigentlich macht, wenn man in diesen Tagen ohnehin ständig im Netz hängt. Antwort: na ja. Lieber wäre man dann doch durch die Ausstellung am Pariser Platz gelaufen, um sich von thematischen Wegweisern und den Ordnungsprinzipien der Experten leiten zu lassen.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Dennoch lohnt sich der digitale Ausflug, wenn man sich zuvor ein wenig orientiert. John Heartfield – die Anglisierung seines Namens Hellmuth Herzfeld geschah aus Abscheu über deutsches England-Ressentiment – hatte seine bedeutendste Zeit in der Weimarer Republik, als er für die wöchentlich erscheinende „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ (AIZ) die politischen Konflikte der Epoche in meisterhaft konstruierten, extrem polarisierenden Fotomontagen aufs Korn nahm. Nicht nur das „Großkapital“, der Faschismus, der Militarismus, Hitler und seine Helfer erschienen auf seinen Blättern als Raubtiere und raffgierige Halunken; in Heartfields Werk pulsierten Dada und die Berliner Moderne, Industrie und Amüsement, das Schräge, Groteske, Serielle und Deformierte: Heartfield verstand politische Aufklärung als visuelles Schockerlebnis.

          Zugleich arbeitete der Künstler, ein nicht unbedingt parteifrommes Mitglied der KPD, als Buchgestalter für den Malik-Verlag seines fünf Jahre jüngeren Bruders Wieland Herzfelde. Über Jahrzehnte hinweg sollten die Geschwister eine Kampfgemeinschaft bilden – menschlich, künstlerisch, ideologisch (zeitweise war auch George Grosz dabei). Erst die späten Jahre brachten eine Distanzierung der Brüder, zu der die Ehefrauen, die beide Gertrud hießen, offenbar beitrugen.

          Variationen direkt vergleichen

          Das Interessante am Heartfield-Online-Katalog – und der größte Vorteil gegenüber einer Ausstellung, die ja eine enge Auswahl treffen muss – ist die direkte Vergleichbarkeit der Werkgruppen, Materialien und Strategien der Variation. Heartfield war leidenschaftlicher Sammler, Arrangeur, Verwerter und Wiederverwerter; er wählte aus, verschob, schnitt herum und spitzte zu. (Die Titel seiner aggressiven Fotomontagen steuerte oft Wieland Herzfelde bei.)

          Das Motiv der vom Bajonett durchbohrten Friedenstaube etwa tauchte zum ersten Mal im November 1932 auf der Titelseite der AIZ auf. Daneben war zu lesen: „Der Sinn von Genf. Wo das Kapital lebt, kann der Friede nicht leben!“ Im Hintergrund, am unteren Bildrand, ist der Völkerbundpalast mit aufgepflanzter Hakenkreuz-Fahne zu sehen. Sieben Jahre später, 1939, nun vom Londoner Exil aus, benutzte der Künstler das Friedenstaubenmotiv, diesmal ohne Anspielung auf den Völkerbund, für den Umschlag des Buchs „Direction. Exiled German Writers“. Und 1941 überarbeitete er dieselbe Montagefotografie zu einer zeitlosen Anklage mit dem Titel „Krieg“ (Niemals wieder!)“. In dieser dritten Variante – unsere Abbildung – blieb das Werk unpubliziert.

          Was macht seine Meisterschaft aus? Geniale Bilderfindungen durch Kombination gegensätzlicher Elemente; die Fähigkeit, das Ungesagte blitzschnell zu suggerieren, vom Riesigen ins Winzigste zu gehen und wieder zurück; eine verrückte Assoziationskraft; und ein unbestechliches Auge für Formen, Kontraste und Proportionen. Hinter den schlagkräftigen Bildern steht kein Bastler mit Schere und Klebstoff, sondern ein Komponist, der mit Ironie, böser Phantasie und scharfen Kanten operiert. So wurden eigentlich plakative Stoffe – der aufgerissene Mund Hitlers, die marionettenhaften der Mächtigen – zu Ikonen ihrer Zeit, deren Kraft bis heute spürbar ist.

          Erst online lässt sich der Werkstattcharakter erfassen: dass aus einer phantastisch austarierten Fotomontage wie „Ich kenne nur Paragraphen“ (1929) über Kälte und Parteilichkeit der Justiz – Paragraphenzeichen als Hals und Kopf, Paragraphen als Hände, die Fleischerhaken ähneln – der Umschlagentwurf für Kurt Tucholskys Buch „Deutschland, Deutschland über alles“ werden kann. Heartfield war in den frühen Jahren, als er auch mit Erwin Piscator fürs Theater zusammenarbeitete, seine eigene Botschaft. Aus unvergesslichen Bildeindrücken wurde politische Kritik. „Das war seine große Triebfeder“, hat sein Enkel Bob Sondermeijer gesagt: „Kunst zu machen, die viele Menschen erreicht.“

          Bedenkt man die hohe Auflage der AIZ vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, war Heartfields Gang ins Exil, erst nach Prag (1933 bis 1938) und dann nach London (1938 bis 1950), ein schmerzhafter Abstieg, zeitweise eine Übung in Wirkungslosigkeit. 1934 wird er von den deutschen Behörden ausgebürgert, vier Jahre später verhilft ihm die amerikanische Kriegsreporterin Martha Gellhorn zur Flucht von Prag nach England, wo Heartfield zusammen mit Oskar Kokoschka Mitglied im Freien Deutschen Kulturbund (FDKB) wird. Spätestens mit den Bombardements britischer Städte durch die Nazis besteht in London allerdings wenig Interesse, sich mit dem politischen Widerstand und den „besseren Deutschen“ zu beschäftigen. Heartfields grafische Arbeit für den englischen Verlag Lindsay Drummond ist gefällig, nicht agitatorisch.

          Als er 1950 in die DDR kommt, ist der Kommunismus für ihn längst entzaubert. John Heartfield wird „verräterischer Verbindungen“ zu westlichen Geheimdiensten verdächtigt. Er darf ein paar Bühnenbilder gestalten, die großenteils nicht ankommen, obwohl Brecht solidarisch bleibt; die Deutsche Akademie der Künste der DDR verweigert ihm die Aufnahme. Rehabilitiert wird er erst fünf Jahre später, zum Akademiemitglied im Jahr darauf, 1957. Demnächst wird es eine echte Ausstellung geben, in der man umherspazieren kann, jedenfalls hoffen wir das. Von Berlin wird sie nach Zwolle reisen und von dort nach London.

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