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Aby Warburgs Bilderatlas : Die Verführung des Wissens

Botticelli stand für Warburg im Mittelpunkt: Die Tafel 39 aus dem „Bilderatlas Mnemosyne“ mit Hauptwerken der Renaissance Bild: The Warburg Institute

Aby Warburg hat unseren Blick auf Kunstwerke für immer verändert. Der „Bilderatlas Mnemosyne“, den er bei seinem Tod unvollendet hinterließ, ist sein Vermächtnis. Im Haus der Kulturen der Welt werden die 63 Tafeln samt Vorstudien jetzt zelebriert.

          4 Min.

          Wenn man lange genug hinschaut, sieht man einen Tanz. Antike Nymphen tanzen mit modernen Badegästen. Mägde und Musen von Botticelli und Ghirlandaio mit Briefmarkenfiguren. Tierkreiszeichen aus arabischen Handschriften mit Wandmalereien aus Oberitalien. Götter und Sternbilder mit Doppeldeckern und Zeppelinen. Ein Fresko von Raffael mit einer Zeitungsseite von 1929. Ein römisches Relief mit einer Werbung für Toilettenpapier. Es ist, als wären die Schubladen der Kunstgeschichte aufgesprungen und hätten ihren Inhalt auf dreiundsechzig stoffbespannte Holzrahmen ergossen. Der Kunsthistoriker Aby Warburg hat das alles schon einmal gesehen, vor hundert Jahren, als er seinen „Bilderatlas Mnemosyne“ zusammenstellte. Hier aber, im Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin, kann man es erleben: eine Bildersammlung als Gesamtkunstwerk der Reflexion.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Warburg war knapp sechzig, als er mit der Arbeit an seinem Bilderatlas begann. Nach seinem Tod im Oktober 1929 blieb das Projekt unvollendet. Aber als Idee war der Atlas schon lange dagewesen, spätestens seit der Zeit um die Jahrhundertwende, die Warburg in Florenz verbrachte. Für den Bankierssohn aus Hamburg, der für das Studium der Kunst sein Erstgeborenenrecht aufgegeben hatte, war die klassische Kunstbetrachtung der Götze, den es zu stürzen galt. Wo die Experten seiner Zeit Kunststile und Künstlerpersönlichkeiten erblickten, sah Warburg einen Strom von Zeichen, Gesten, Attributen, der von alters her bis in die Gegenwart floss.

          Die Kunstgeschichte als Autobahn

          Der Ausdruck „Pathosformel“, den Warburg für solche vorgeprägten Darstellungsformen erfand, wurde zum Grundbegriff einer neuen kunstgeschichtlichen Disziplin, der Ikonologie. In ihr sind Kunstwerke keine einsamen Genieleistungen, sondern Transportmittel ästhetischer Traditionen – „Bilderfahrzeuge“, wie Warburg sie nannte. Der „Bilderatlas Mnemosyne“ reiht sie zu einer Prozession von Babylon bis heute: die Kunstgeschichte als Motiv-Autobahn.

          Als Warburgs Bibliothek auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im Dezember 1933 aus Hamburg nach London verschifft wurde und dort als Warburg Institute eine neue Heimat fand, wurden die dreiundsechzig fertiggestellten und durchnumerierten Tafeln des Bilderatlas aufgelöst, die Reproduktionen wanderten ins Fotoarchiv des Instituts. Dann geriet das Projekt in Vergessenheit, ehe es 1994 für eine Ausstellung in Wien anhand von historischen Fotografien erstmals rekonstruiert wurde. Seine Wiedererweckung passte in eine Zeit, in der Francis Fukuyama über das Ende der Geschichte spekulierte und der Sieg des Kapitalismus im Kalten Krieg ein neues globales Friedenszeitalter anzukündigen schien. Auch Warburg, ein Zeitgenosse Spenglers und Friedells, hatte ja eine historische Schlussbetrachtung im Sinn gehabt, einen Blick zurück über die Schulter der Neuzeit auf ihre Herkunft in Antike und Renaissance.

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          Aber die Wiener Rekonstruktion zeigte nur Kopien der „Mnemosyne“-Fotos, Abbilder von Abbildern. Die Kunsthistoriker Roberto Orth und Axel Heil sind für ihre Ausstellung im HKW einen entscheidenden Schritt weitergegangen. Sie haben im Londoner Warburg-Archiv nach den originalen Reproduktionen gesucht – und vier Fünftel von ihnen dort wiedergefunden. Damit ist die Wiederherstellung des Bilderatlas in jene Phase des historischen Bewusstseins eingetreten, die Nietzsche als die antiquarische bezeichnet hat. Das Mnemosyne-Projekt kann jetzt nicht nur als Idee, sondern als sinnliche Erscheinung nacherlebt werden, es erhält selbst den postumen Rang eines eigenständigen Kunstwerks.

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