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Abgang eines Museumsdirektors : Aber einmal noch ein König

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Das wäre jetzt ein Thema für einen abschweifenden Exkurs, wo der Exkurs ja Königs Redemotiv ist, ob also einer wie er, der als Amateur in die Kunst kam und sie für Betrachter öffnen wollte, die auch keine Experten sind, solche Autogrammjäger nicht ebenso mit hineingeholt hat, aber da schnappt ihn sich seine Sekretärin Ulrike Hohn. „Wir brauchen Sie jetzt dringend im Büro“, sagt sie, es gebe noch viel zu tun. „Was ist denn mit Ihrem Handy?“

König wundert sich ehrlich, sucht, zieht einen Stapel Zettel aus der Brusttasche. Das Handy? Es ist nicht hier.

In seinem Büro gibt es Filterkaffee, keinen Espresso, keinen Cappuccino, keinen Latte Macchiato: Filterkaffee. Er fließt aus der schwarzen, bauchigen Thermoskanne, die auf seinem Schreibtisch steht, er ist stark und hält wach. Im Flur stapeln sich die Umzugswaggons, Hospitanten bringen aus den Kellern des Hauses die letzten Stücke, die König auch dort verteilte. Aus einer Tüte taucht ein Rosenkranz mit einem Kreuz auf. Den habe seine Mutter ihm vermacht, sagt König. Er stecke schon lange in dieser Tüte und passe gut zu dieser Postkarte, die er vor Jahren dazulegte. Sie zeigt Hitchcock und Warhol gemeinsam. „Sie beide sind Skorpione, wie ich, Dickköpfe“, sagt er.

Karnevalsschminke und ein Gerhard Richter

Königs Büro war einmal eine raumfüllende Collage aus vielen Metern Büchern, Kunst und allerlei Krempel mit König-Humor. Jetzt sind viele Regale leer. Es gibt nur noch eine Gustav-Klimt-Uhr, Karnevalsschminke, eine Herzmuschel, aus der eine Plastikspinne hervorlugt. Gleich daneben zeigt ein Bild Kasper Königs Rücken, beschriftet mit „Gerhard Richter 123“ und „340/8“. Einige Krampen sind herausgesprungen, die Leinwand wirkt spröde. Es ist ein kleines, graues, abstraktes Gemälde des teuersten lebenden Künstlers. Aus einem blauen Müllbeutel ragt ein Turnschuh, daneben steht eine Warhol-Brillo-Box, die schon auf vielen Fotos verewigt wurde, weil sie König als Fernsehtisch diente. Kasper König kokettiert gern mit dieser Lässigkeit, obwohl sie heute etwas wacklig wirkt. An der Decke flackert eine Lampe. Er bemerkt sie nicht.

Der Mensch Kasper König verkörpert etwas, das vielen heute abgetan erscheint, weil es sich nicht in Funktionen wie Akquise, Vermittlung, Moderation, Management fassen lässt. Das unordentliche Büro, die persönlichen Erinnerungsstücke, der unstete Blick bei gleichzeitiger Präzision. Es sind nicht nur Schrullen, es sind Attribute, die eine Handschrift kennzeichnen - Unordnung gegen Pädagogik, Persönlichkeit gegen Funktionärsglätte, Unruhe gegen Karriereschienenbahn, Gefasstheit gegen Hype. Scheinbare Nebensächlichkeiten gegen Mainstream.

Kasper König hat zum Beispiel keinen Führerschein, weshalb man ihm daher regelmäßig und zufällig im Zug begegnen kann. Einmal saß er im Regionalexpress zwischen Münster und Köln und war gerade damit beschäftigt, Artikel aus einem Lokalblatt zu schneiden. Er war ganz aufgeregt. Da erzählte jemand die Geschichte von einem Badesee, in dem ein Krokodil gesichtet worden war. Auf dem Foto zum Artikel sah man Menschen in einem Boot auf der Suche nach dem Tier. Das Krokodil wurde nie wiedergesehen. Aber dieses Bild von Menschen, die das Unwahrscheinliche im Alltag suchen, das blieb. Die Welt jenseits von Tellerrändern gilt König mehr als Kunstbesessenheit, die oft nur Kunstbetriebsbesessenheit ist. Das Museum Ludwig war ihm ein Ort, in dem er seine intellektuelle Verstiegenheit ausleben konnte. Er hat ihn sich erobert und sie gegen alle Einwirkung von außen verteidigt.

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