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Berlin zeigt 31 Künstlerinnen : Schwarzer Staub, der auf die feinen Gäste rieselt

  • -Aktualisiert am

Eine Idee Marcel Duchamps von 1943 wird neu aufgelegt: Im Berliner Haus Huth sind die Werke von 31 schwarzafrikanischen Künstlerinnen zu sehen.

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          „Green-“ oder „Pink-Washing“ bezeichnet den Vorwurf, dass sich ein Unternehmen mit den Federn progressiver Politik schmücke. Eine schöne Entsprechung findet man in der Kunst von Silke Radenhausen: Sie gießt ihre Signalfarbe direkt ins Waschmittel-Fach. Wäscht ihre Leinwände bunt und flickt aus ihnen große Ornament-Tafeln zusammen. Die Tafeln ahmen fremde Stile und Kulturen nach und sind dabei aufgeplusterte, trügerische Pfauenräder.

          Radenhausen ist eine von 31 Künstlerinnen, die die „Daimler Art Collection“ im Berliner Haus Huth versammelt. Bis zur Wiedereröffnung letzten Freitag war „31: Women“ nur für wenige Tage im März gezeigt worden. Die erste Vernissage fand eigentlich aber im Jahr 1943 statt, denn das berühmte Vorbild war die von Marcel Duchamp und Peggy Guggenheim kuratierte Ausstellung, die in New York 31 Künstlerinnen ins Rampenlicht holte. Damals eine kleine Revolution, sind Debatten um Identität seitdem eher komplexer geworden. Vielleicht war es, um den Vorwurf der Schönfärberei zu vermeiden, dass Daimler nochmals Geld in die Hand genommen und das Jahr 2020 ausdrücklich schwarzafrikanischen Künstlerinnen gewidmet hat. Dank jüngster Neuerwerbungen konnten Zanele Muholi, Nnenna Okore, Berni Searle, Lerato Shadi und Adejoke Tugbiyele in den Kreis der 31 aufgenommen werden – Duchamps Konzept ist in der Gegenwart angekommen.

          Somit stammen die vorgestellten Künstlerinnen nun aus sechzehn Ländern, sind zwischen 1899 und 1979 geboren und bedienen sich verschiedenster Materialien. Viele der Bezüge sind gelungen, Anni Albers etwa ist in bester Gesellschaft: Sie hat zu ihrer Linken die Chilenin Amalia Valdés, die sich Albers zur Geometrie-Lehrerin nahm, zu ihrer Rechten die Israelin Ilit Azoulay, deren digital montierte Bauhaustreppe sie schon als Studentin nutzte. Auf das alternative, mit Teppich ausgekleidete und Flächen vertauschende Möbelstück von Andrea Zittel darf man sich setzen, um subversive Performance-Videos von Andrea Fraser anzuschauen. An vielen Stellen zeigt sich eine „inhärente Logik“, wie Duchamp sie sich von Ausstellungen wünschte. Das kann man genau so nachlesen, denn sein kuratorisches Werk wurde von der Kuratorin in seinen Fußstapfen, Renate Wiehager, für eine begleitende Publikation erforscht.

          Gleichzeitig war Duchamp erklärter Feind von Museen und anderen Institutionen. Hätte er wirklich gewollt, dass in seinem Namen ein Kanon aus 31 Frauen gebildet wird (bei ihm war die Zahl zufällig gewesen) und dass die Nummer 32, die es schon gab, der Idee zum Opfer fällt? Mit vorausdeutenden Überschriften sind alle zusätzlich in mundgerechte Gruppen eingeteilt. „Hybride, Transkulturalität und Neuentwürfe“ ist die Kategorie, in der die afrikanischen Künstlerinnen zusammentreffen, das wirkt etwas aufgezwungen.

          Im Bann der Kunst, die er bewacht

          Eine Hommage auf Duchamp als Kurator könnte auch anders sortiert werden. Vielleicht per Würfel oder nach Alphabet gehängt. Surrealistische Brechungen und Hindernisse im Ausstellungsraum – spielende Kinder, verhüllende Fäden oder winzige Gucklöcher, vor denen man sich den Kopf verrenkt – waren jedenfalls seine Mittel der Wahl, um Sand ins Kunstgetriebe zu streuen. Im Haus Huth verbreitet Isabell Heimerdinger Parfümschwaden aus einer anderen Zeit und hintertreibt so den Feminismus der anderen Werke. Noch stärker unter Beschuss kamen die Sinne aber, als Duchamp mit Kohlesäcken eine ganze Ausstellung verdunkelte. Nicht der Mundschutz, sondern die Taschenlampe war damals der Begleiter – wobei auch schwarzer Staub auf die feinen Gäste rieselte.

          Zumindest der Staub hat sich in die aktuelle Schau geschlichen. Das Selbstporträt „In wake of“ (2014) der Südafrikanerin Berni Searle ist liegend im Profil gegeben, Kohlenstaub bedeckt ihren nackten, überlebensgroßen Körper, könnte aber auch darauf schraffiert sein, so übersinnlich mutet dieses Foto an. Ein Sicherheitsmann, der nach dem Lockdown seinen ersten Arbeitstag hat, bleibt ehrfürchtig davor stehen. „Schwarze Magie“, sagt er begeistert. Die Kunsthistorikerin Kathrin Hatesaul von Daimler erklärt ihm, dass es sich um ein Christus-Motiv à la Holbein handele, gleichzeitig um eine Kapitalismus-Kritik, weil der Künstlerin hell abgesetzte Goldmünzen durch die Finger rutschen. Das lässt er aber nicht gelten, eine Weile geht es zwischen den beiden Deutern hin und her.

          Searle gedachte mit „In wake of“ der 34 streikenden Bergarbeiter, die 2012 von der südafrikanischen Polizei erschossen wurden. Richtig ist auch: Ihr politisches Statement wirkt als fast magischer Blickfang. Ob es den Geschmack der Führungskräfte trifft, zeigt sich erst nach der beschlossenen Verlängerung. Im Sommer 2021 verschwinden die Werke aus dem Haus Huth und schmücken vorerst nur noch Stuttgarter Büros.

          31: Women. Im Haus Huth, Berlin; bis zum 27.Juni 2021. Als Begleitpublikationen werden „Marcel Duchamp – Das kuratorische Werk“ und „Duchamp und die Frauen“ angeboten.

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