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Kunst : Szenenwechsel mit Daniel Birnbaum

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Daniel Birnbaum ist Philosoph und Kunstkritiker. Seit diesem Februar leitet der 38-jährige die „Städelschule“ in Frankfurt. FAZ.NET hat mit ihm das Museum für Moderne Kunst besucht.

          3 Min.

          Ein Gang durch den neuen "Szenenwechsel" mit Daniel Birnbaum ist ein heiterer Genuss. Der eben angetretene Städelschuldirektor lässt sich gern auf das Abenteuer eines Museumsbesuches ein. Er betont aber, er müsse nach dem Besuch bald zurück in die "Schule".

          Eine sympatische Untertreibung. Schließlich leitet Professor Dr. Birnbaum, 38-jähriger Schwede mit Schweizer Akzent, seit diesem Frühjahr keine Schule, sondern eine Kunstakademie.

          Noch hat er seinen Wohnsitz in Stockholm. Wie immer ist er viel unterwegs. Gestern in New York, wo er im Zweitberuf immer noch Kunstkritiker für eine der führenden Kunstzeitschriften der Welt, "Artforum", ist. Morgen in Paris, London, Zürich, Venedig. Daniel Birnbaum wird noch mehr internationalen Wind nach Frankfurt tragen. Einen Sturm wird er nicht entfachen. Dafür ist dieses Leben in unterschiedlichen Sprachen und Ländern zu sehr eine Selbstverständlichkeit: In Stockholm geboren, ist Birnbaum in Genf, Wien und Boston aufgewachsen um in Stockholm, New York, Berlin und Ohio zu studieren.

          Szenenwechsel für einen kosmopolitischen Kunst-Philosophen

          Frankfurts MMK, wie das Museum für Moderne Kunst liebevoll genannt wird, hat Birnbaum auf seinen Touren schon früher besucht. Den scheidenden Hausherrn, Jean-Christophe Ammann, hatte er dabei nicht kennen gelernt. Schließlich gehört man unterschiedlichen Generationen an. Da trifft man sich nicht so oft.

          „Szenenwechsel" findet Birnbaum als Idee sehr gut. Offenbar liegt ihm der behutsame Umgang mit der Kunst, wie er im Frankfurter Museum gepflegt wird. Jedes Mal, wenn er das MMK besucht, hat sich etwas verändert und doch erkennt man vieles wieder, fühlt sich nicht fremd. Die klare Linie, mit der Jean-Christophe Ammann jeweils nur ein oder zwei Künstler in einem Raum zeigt überzeugt, aber wirklich aufregend ist sie nicht. Birnbaum geht daher auf einzelne Werkgruppen zu.

          Gezielt will er den neu eingerichteten Saal mit Großfotografien von Andreas Gursky sehen. Birnbaum faszinieren die monumentalen Farbbilder des Deutschen, der seit Kurzem auch in New York als Star gefeiert wird. Das Gewimmel ravender Jugendlicher, die bildfüllenden geschwungenen Balkone eines Großstadthotels oder die Spiegelreflexe, hinter denen deutsche Abgeordnete sich im Plenarsaal wie Ameisen versammeln, das gefällt dem Kosmopoliten Birnbaum. Laut denkt er darüber nach, ob diese Bilder nicht doch am Computer manipuliert seien. Das Massenhafte unserer Zivilisation, das Gursky mit scheinbar alltäglichem Blick entlarvt, relativiert unser Einzelschicksal. Birnbaum schaut sich diese Bilder immer wieder an. Für ihn sind sie ein überwältigendes Augen-Bad, in dem sich auf brillante Art kulturelle Phänomene der Gegenwart spiegeln.

          Alltag und Wissenschaft in der Kunst interessieren ihn

          Birnbaum fühlt sich nicht als Fachmann für deutsche zeitgenössische Kunst. Aber Rosemarie Trockel kennt er natürlich. Im „Szenenwechsel“ hängt eine Robbe kopfüber von der Decke, „Es gibt kein unglücklicheres Wesen unter der Sonne als einen Fetischisten, der sich nach einem Frauenschuh sehnt und mit einem ganzen Weib vorlieb nehmen muss“ lautet der Titel. Als Kragen trägt die Robbe blondes Haar. Daneben steht eine Vitrine mit Schöpflöffeln in Form von Venusmuscheln. Auf die Wände wurde ein Fries als aus blau gemalten Netzen. Birnbaum ist mit dem Werk von Trockel bestens vertraut, wenn er die Künstlerin auch nicht persönlich kennt. Für ihn ist sie die Repräsentantin einer jüngeren deutschen Generation, die sich als Frau international durchsetzen konnte.

          Birnbaum, so jung wie die Pop-Art

          Amüsiert stellt Daniel Birnbaum fest, dass der „Bedroom Ensemble Replica I“ von Claes Oldenburg Anfang ursprünglich aus seinem eigenen Geburtsjahr, 1963, stammt. Zwar datiert die Replik im MMK, ehemals aus der Sammlung Ströher von 1969, aber das ist eben auch ein Nachbau eines in sich schon nachbegauten und verzerrten Alltagsausschnitts. Im ersten Moment, erzählt Birnbaum, war er an eine viel jüngere, Schweizer Künstlerin, Silvie Fleury, erinnert. Ammanns Strategie des Denkens in der Gegenwart, das unabhängig von Generationen und Zeiten stattfinden kann, ist also einmal mehr aufgegangen.

          Für Daniel Birnbaum bietet das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt deshalb eine Ausnahme, weil hier trotz des durchdesignten Hauses aktiv mit Kunst gearbeitet wird. So viel Energie erwartet man eher in einer Loftsituation, wie man sie in London findet. Birnbaum wird als Ausstellungsleiter des Frankfurter Portikus, den er zugleich mit seinem Direktorenposten übernommen hat, in unmittelbare Konkurrenz zum MMK treten. Aufregen kann ihn das nicht. Er freut sich im Gegenteil, wenn sein Freund Udo Kittelmann im kommenen Jahr als Nachfolger Ammanns antritt. „Dann wird man sicher das ein oder andere spannende Projekt zusammen machen.“

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