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Kunst & Markt : Suppendosen immer teurer: Ein Preisvergleich bei Andy Warhol

  • -Aktualisiert am

Warhol-Poster gibt es in jedem Museumsshop zum gleichen Preis. Die Auktionsergebnisse signierter Arbeiten des Künstlers sind weniger einheitlich.

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          Im Mai 1988 war es soweit. Ein gutes Jahr nach dem Tod Andy Warhols durchbrach eines seiner Werke zum erstenmal die 1 Million-Dollar-Marke. Bei Sotheby's in New York wurde Warhols Ölgemälde „210 Coca-Cola Flaschen“ für 1,3 Millionen Dollar zugeschlagen. Genau zehn Jahre später, wieder in der Mai-Auktion bei Sotheby's in New York, wurde dann eine Ikone der Pop Art verkauft: Warhols „Orange Marilyn“ aus dem Jahr 1964. Das 1 x 1 Meter große Porträt der Leinwanddiva schaffte den bisher immer noch gültigen Rekord von 15,75 Millionen Dollar und übertraf den 1989 aufgestellten Spitzenpreis von 3,6 Millionen Dollar für die rote Version der Marilyn aus dem selben Jahr.

          Noch immer ist Warhols Popularität ungebrochen. Er gehört zu den Klassikern aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und gilt als der meist gehandelte Künstler weltweit. Artprice.com, eine der wichtigen Auktionspreisdatenbanken, verzeichnet knapp 5.000 Ergebnisse zu Warhol, und allein in den Prestigeauktionen der drei wichtigsten Auktionshäuser Christie's, Phillips und Sotheby's wurden in der ersten Jahreshälfte 2002 rund 120 Arbeiten aus allen Preisklassen offeriert. Die meisten fanden einen Käufer. Spitzenreiter waren hier gleichauf mit jeweils 3,4 Millionen Dollar die berühmten „Four-foot Flowers“ von 1964 bei Christie's und sein Unfallbild „Five Deaths“ von 1963 bei Sotheby's, gefolgt von einem Selbstporträt in Gelb auf schwarzem Grund mit zerzaustem Haar von 1986 für 2,8 Millionen Pfund.

          Überraschende gedankliche Nähe zu Roy Lichtenstein

          Damit ist auch schon das Themenrepertoire benannt, das Warhol bekannt gemacht hat und das sich noch heute als zugkräftig erweist: Es sind die Alltagsgegenstände der Konsumwelt, schockierende Szenen von Unfällen oder Todeszellen aus amerikanischen Gefängnissen, Porträts von Berühmtheiten seiner Zeit und nicht zuletzt die Selbstporträts. Kein anderer Künstler vor Warhol hat sich selbst so häufig zum Thema seiner Bilder gemacht und damit die Marke „Warhol“ aufgebaut.

          Andy Warhol, Orange Marilyn, 1964; Siebdruck auf Leinwand; 101,6 x 101,6 cm; verkauft am 14. Mai 1998 bei Sotheby's für 15,75 Millionen Dollar

          1928 wurde Warhol in Pittsburgh als Andrew Warhola, Sohn tschechischer Einwanderer, geboren. Zunächst startete er als Grafikdesigner. Später begann er in New York seine Karriere als bildender Künstler. Hierzu hatte ihn auch der Filmproduzent Emile de Antonio motiviert, der auch Jasper Johns und Robert Rauschenberg unterstütze. Auf Arbeiten Roy Lichtensteins war Warhol 1950 zum erstenmal gestoßen und überrascht, dass jemand dieselben Ideen hatte wie er: triviale Alltagsembleme in Serigrafien zu Ikonen des Banalen zu stilisieren.

          Obligatorischer Kunstdruck im Museumsshop

          In den Jahren um 1950 war Warhol mit seiner Werbegrafik, vor allem für Schuhe, sehr erfolgreich. Er verdiente 1956 rund 100.000 US-Dollar jährlich. Seine erste Einzelausstellung hatte Warhol, der sich als Künstler unter einer silberfarbenen Perücke und hinter einer Sonnenbrille versteckte, 1952 in der Hugo Gallery in New York mit Illustrationen zu Geschichten Truman Capotes. 1963 zog er in ein Loft in der 47. Strasse, die später berühmt gewordene Factory, in dem er eine fabrikartige Produktion seiner Werke begann. 1964 füllte Warhol die Stable Gallery in der East 74th Street mit optisch identischen Nachbildungen von Brillo Boxes, Seifenschachteln, die jedem tagtäglich in den New Yorker Supermärkten begegneten. Diesem ironischen Schachzug widmete der Kunstkritiker Arthur C. Danto die Frage, ob damit das Ende der Kunst erreicht sei.

          Heute wird Warhol, der einmal äußerte, dass Konsumgüter den Ärmsten mit dem reichsten Konsumenten da auf eine Stufe stellen würden, wo das Produkt verbraucht wird, mit trivialsten Mitteln vermarktet. Massenproduktionen mit Abbildungen seiner Werke reichen vom T-Shirts bis hin zu Boxershorts. In den meisten Museumsshops gehören Andy Warhol-Plakate zum obligatorischen Angebot.

          Keine hohen Erlöse für frühe Unikate

          Dabei war es Warhol selbst, der die in Serie gearbeitete Kunst kunst- und kunstmarktfähig machte. Er selbst hat kaum in Öl gemalt. Auch die „Orange Marilyn“ von 1964 ist ein Siebdruck auf Leinwand, nur dass es ihn in dieser Farbkombination nur einmal gibt. Damit nahm Warhol dem Motiv das Individuelle und machte es zum Ornament. So entwickelte er eine pseudoserielle Kunst. Spätere Werke erzielen in der Regel niedrigere Preise, weil das Stück nicht mehr eindeutig auf Warhol zurückzuführen ist, sondern eher aus der Factory-Produktion stammt. Auch die „richtige“ Grafik auf Papier, die Warhol in der Regel in 60er, 80er oder 250er Auflage produziert hat - somit noch weit entfernt von Postern - ist nicht so kostspielig wie die unikaten Seidensiebdrucke. Je nach Motiv - hier sind Marilyn Monroe, Campbell's Suppendosen, die Dollarzeichen, die Flowers, Goethe oder Mickey Mouse die begehrten Blätter - liegen sie im vier oder unteren fünfstelligen Bereich. Auskunft über die gesamten Varianten des grafischen Werks Warhols und damit auch mögliche Fälschungen gibt das Werkverzeichnis der Edition Schellmann.

          Auch die ganz frühen Arbeiten Warhols, die noch zu seiner Zeit als Gestalter entstanden, erzielen, auch wenn es sich dabei um Unikate handelt, lediglich einen Preis bis zu 110.000 Dollar, beispielsweise für ein Format von 58 x 41 cm, wie der „Golden Monkey“ von 1957, einer Collage aus Blattgold. Preissteigerungen lassen sich am noch am ehesten für mittelformatige Arbeiten erzielen. Für eine Campell's Suppendose im Format 51 x 40 cm, signiert von 1962, die 1971 bei Sotheby's in New York noch 10.000 Dollar kostete, musste man 1973 schon knapp 18.000 Dollar, 1986 bei Christie's schon 240.000 Dollar, 1996 bei Christie's 340.000 Dollar und für eine „Campell's Soup Can, Clam Chowder 2001, ebenfalls bei Christies, 1,1 Millionen Dollar zahlen. Auch für banale Dinge kann man ganz schön Geld hinlegen.

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