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Kunst in Italien : Hüllen für die Fülle

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Wieder erfahrbar: Das aus privaten Geldern restaurierte Refektorium Palladios in der Fondazione Giorgio Cini in Venedig Bild: Fondazione Cini

Berlusconi hat das Land nicht ganz ruinieren können: Italiens Städte eröffnen neue Museen gegen die grassierende Lethargie. Und private Initiativen tun wahre Wunder.

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          Gallerie d’Italia“ - der Name klingt etwas großspurig, doch angesichts der Einhundertfünfzigjahrfeiern zur Einigung Italiens nicht einmal unangemessen. Denn es handelt sich um ein Geschenk: Mitten in Mailand, in einer der teuersten Immobilienzonen Europas, zwischen dem Opernhaus der Scala und der Modestraße Montenapoleone, eröffnet eine Banken- und Sparkassenstiftung ein prächtiges Museum mit nationaler Kunst. Die Qualität romantischer, realistischer und futuristischer Stadtansichten, Porträts, von Hayez bis Boccioni ist außergewöhnlich. Die rund tausend Werke stammen aus der Sammlung der Institute Cariplo und Intesa Sanpaolo und waren bisher nicht zu sehen. Seit der Eröffnung im November 2011 haben schon über hunderttausend Besucher - notabene bei freiem Eintritt - die Schätze der „Gallerie d’Italia“ bestaunt.

          Zudem hat die Stiftung den barock-historistischen Doppelkomplex des Palazzo Anguissola und Palazzo Brentani auf das feinste instand setzen lassen: polychrome Marmorkamine, polierte Terrazzoböden, Kristallleuchter, Lichthöfe, gepflegte Gartenpassagen. Dazu hat der Mailänder Designer und Architekt Michele De Lucchi Kassenräume, Buchhandlung und Café in vertäfeltem Understatement stilvoll zugefügt, so dass man mit Fug von einem Museum übernationalen Rangs sprechen kann. Gemeinsam mit dem „Museo del XX. secolo“, der umwerfenden städtischen Sammlung moderner Kunst direkt am Domplatz, ist Mailands Museumslandschaft mitten in der Finanzkrise und trotz Berlusconis Eskapaden fast unbeachtet großartig erweitert worden.

          Ein Museum, das sogar Venedig noch fehlte

          Derselbe Michele De Lucchi hat in der ebenfalls privat finanzierten Fondazione Cini in Venedig soeben das Refektorium mit einer aufwendigen Holzverschalung im Geiste des Manierismus und im Gewand der Postmoderne ausgeschmückt und damit den ursprünglichen Raum Palladios wieder erfahrbar gemacht. Das sind, ohne die übliche Verschwendung von Steuergeldern durch staatliche Institutionen oder die gierige Politikerkaste, die Nachrichten, die das gebeutelte Land eher im Kleingedruckten notiert und damit das eigene Licht unter den Scheffel stellt. Nur Kleingeister könnten monieren, dass es im Mutterland der großen Kunstsammlungen vielleicht schon genug Museen gibt. Doch ist die Fülle der Bestände immer wieder atemberaubend - so sie denn wie im Fall der „Gallerie d’Italia“ aus dem Dunkel der Safes irgendwann an die Öffentlichkeit kommen.

          Ebenfalls ein Objekt von internationalem Rang ist die „Casa dei Tre Oci“ auf der Giudecca-Insel in Venedig. Das am Dogenpalast orientierte Jugendstilpalais mit den charakteristischen drei Bullaugenfenstern wurde von der gemeinnützigen Stiftung „Fondazione di Venezia“ renoviert und beherbergt seit einigen Wochen ein Museum, das sogar Venedig noch fehlte: Die „Tre Oci“ zeigen derzeit eine geistreiche Retrospektive des großen Magnum-Fotografen Eliott Erwitt, der zur Eröffnung seiner schwarzweißen Epochenporträts persönlich anreiste. Wer also dem Ansturm der Massen ausweichen möchte, hat nun in Venedig die Möglichkeit, auf der recht ruhigen Giudecca große Fotokunst zu genießen.

          Positive Bilanz überwiegt

          So findet manche italienische Stadt im kulturell reichsten Land der Erde ihre Nische, sich der eigenen Identität zu vergewissern und die Anziehungskraft auf Besucher noch zu steigern. Zwar gibt es dabei - nicht zufällig im Mezzogiorno - auch strukturbedingte Desaster, die mit unfähiger Verwaltung und organisierter Kriminalität nicht nur am Rande zu tun haben: So sollte das überfällige Antikenmuseum der Magna Graecia, des griechischen Süditalien vor der römischen Eroberung, in Reggio Calabria dieses Frühjahr eröffnet werden. Doch dürfte sich das derzeit ruhende staatliche Projekt noch um Jahre verzögern. Die weltberühmten Bronzen von Riace werden momentan in einem Verwaltungsgebäude zwischengelagert, so dass italienische Kommentatoren schon um Sicherheit und Erhalt der griechischen Großfiguren zu bangen beginnen.

          Dennoch überwiegt die positive Bilanz. In Bologna hat Ende Januar das riesige Historische Museum im Palazzo Pepoli seine Pforten geöffnet. In nicht weniger als vierunddreißig Sälen wird die reiche Geschichte von Europas ältester Universitätsstadt erzählt - von den steinzeitlichen und etruskischen Anfängen bis zu einem Oral-History-Panorama mit prominenten (Teilzeit)-Bolognesen von Romano Prodi bis Umberto Eco. Wie in Mailand ist auch hier der Eintritt frei, und auch hier steht hinter dem geschenkten Projekt nicht die klamme Obrigkeit, sondern die Sparkassenstiftung „Fondazione Carisbo“, die immerhin fünfundvierzig Millionen Euro für Restaurierung und Möblierung des Riesenpalastes aufgewendet hat.

          Modischer Firlefanz und lokalpatriotischer Stilwille

          Die optische Aufbereitung von Universitätshistorie, klug gestalteter Frauengeschichte, Sprachwissenschaft mit Dialektbeispielen, einem geistigen Panorama der Gegenreformation bis zur Malerschule der Carracci oder Aspekten wie Wasserversorgung und Industrialisierung sowie ausgefeilte Räume für Museumsdidaktik zeigen nebenher, dass die akademische Schule von Bologna mit Historikern wie Carlo Ginzburg europaweit innovativ und führend ist. Der Geist von Struktur- und Mentalitätsgeschichte der kleinen Leute weht durch diesen Palazzo Pepoli, in dem einst wie in einer Festung die mittelalterlichen Stadtherren residierten.

          Die Gestaltung durch den Architekten Mario Bellini kennt freilich auch den modischen Firlefanz wie eine digital sprudelnde Zisterne oder überlebensgroß ausgeschnittene Landsknechte zur Krönung Karls V. in Bologna. Doch auch hier staunt das Publikum über eine Fülle zuvor ungezeigter Exponate, über die zurückhaltende Kunst der Restauratoren und Handwerker und vor allem über den lokalpatriotischen Stilwillen. Es ist, als wollte sich das verunsicherte Italien der Post-Berlusconi-Epoche Stadt für Stadt Mut machen, dass zumindest die reichsten Ressourcen Kunst und Historie niemals versiegen werden.

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