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Kunst : Christo - Ein Idealist und seine Sponsoren

  • -Aktualisiert am

Christo und Jeanne-Claude auf Berlin-Besuch Bild: dpa

Verpackungskünstler Christo gelingt es immer wieder, Berlin um den Finger zu wickeln.

          3 Min.

          Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt derzeit die größte Christo-Schau, die jemals zu sehen war. Die Ausstellungsmacher machen sich dabei zu Verkaufsförderern von Christos Kunst. FAZ.NET hinterfragt das Geschäftsmodell des Künstlers.

          Christo und Jeanne-Claude verdienen nichts: „Die Künstler erhalten keinen Gewinn aus dem Verkauf von Fotos und Katalogen", ist auf einem Schild im Martin-Gropius-Bau zu lesen, und auf der Internetseite der beiden wird versichert, dass sie weder aus privater noch aus öffentlicher Hand Spenden annehmen. An T-Shirts oder Kaffeebecher gar nicht erst zu denken. „Das sorgt dafür", heißt es, "dass ihre Kunst rein bleibt."

          Markenzeichen: Grauer Parka

          Und so sehen sie auch aus: Noch immer hängt jener trostlose graue Parka von Christos Schultern, in dem er vor sechs Jahren die Verhüllung des Berliner Reichstags dirigierte. Auch Jeanne-Claudes Frisörtermine können seitdem unmöglich viel teurer geworden sein.

          Sie fahren auch keinen Rolls-Royce, sagt ein Mitarbeiter beschwörend, während Jeanne-Claude von der Zeit redet, als sie froh waren, wenn sie die Miete zahlen konnten, als wäre es gestern.

          So inszeniert die unablässige Betonung ästhetischer Reinheit auch wirken mag, sie ist längst Teil einer Aura, die das Künstlerpaar umgibt. Und dazu gehört eben auch deren finanzielle Unabhängigkeit. Auch deshalb sei er für das Reichstagsprojekt, rief der SPD-Abgeordnete Peter Conradi am 25. Februar 1994 im Bundestag, weil es den Steuerzahler nichts koste.

          Wuchern mit den Zinsen

          Vermutlich wäre es nie zur Verhüllung gekommen, wenn Christo und Jeanne-Claude nicht die Kosten dafür übernommen hätten. Das Geschäftsmodell von Christo und Jeanne-Claude ist faszinierend, weil den betont geringen Einnahmen mittlerweile außergewöhnlich hohe Ausgaben gegenüberstehen: „Zwischen 1991 und 1995 haben wir 39 Millionen Dollar ausgegeben", berichtete Jeanne-Claude ein Jahr nach der Verhüllung des Reichstags, „26 für die Umbrellas und 13 für den Reichstag." Das Geld hatten sie von der Bank geliehen, und so zahlen sie „Zinsen bis zu dem wundervollen Tag, an dem wir sagen können, vielen Dank, wir haben unsere Zahlungen nun abgeschlossen."

          Wieviel die einzelnen Projekte also kosten, wissen wahrscheinlich nicht einmal die beiden Künstler selbst: In den zwanzig Jahren, in denen sie sich für die Verhüllung des Reichstags eingesetzt hatten, sind sie 54 Mal nach Deutschland gereist, immer mit Zeichnungen im Gepäck, die verkauft wurden. "Die Kosten kann man nicht auseinanderdividieren, sagt Michael Cullen, ein alter Weggefährte des Berliner Projekts. Nur eines stehe fest: "Christo macht seine Projekte nicht wie ein Bauunternehmer.

          In Berlin ist jetzt neben der großen Retrospektive im Gropius-Bau auch eine Verkaufsausstellung zu sehen. Der Neue Berliner Kunstverein zeigt zwei Werke in Vorbereitung, „The Gates" für den New Yorker Central Park und „Over the River", ein Projekt für den Arkansas River in Colorado.

          Staatlich geförderte Promotion

          Alle Zeichnungen und Collagen stehen zum Verkauf. Müssen verkauft werden, so die Implikation, damit die beiden Projekte überhaupt realisiert werden können. Dass aber auch die Leihgaben der Künstler aus dem Gropius-Bau zum Verkauf angeboten werden, dass also eine aufwändige, von Lottogeldern finanzierte Ausstellung in einem staatlichen Museum quasi als eine Verkaufsaustellung fungiert, scheint in Berlin niemanden zu stören.

          Zu groß ist hier das Wohlwollen, das den beiden seit der magischen Verhüllung des Reichstags entgegengebracht wird. Und so lässt Roland Specker auf der Pressekonferenz auch keine Zweifel an den Wünschen der Künstler: Einzeln seien die Stücke zwar nicht zu haben, für ein Museum oder einen Konzern wäre es jedoch möglich, die Reichstagsaustellung "in Gänze zu erwerben".

          Das Finanzierungsmodell ist ungewöhnlich, auch künstlerisch: Kaufen kann man schließlich nicht das Kunstwerk, sondern lediglich Collagen und Zeichnungen davon. In gewisser Weise also nicht mehr als die Symbole längst vergangener Kunst, schön gezeichnete Erinnerungsstücke.

          Für Berlin unerschwinglich?

          Wer kauft, wird Teilhaber an dieser Erinnerung, auf jeden Fall aber auch Sponsor. Dass die beiden immer wieder Sammler finden, die bereit sind 200.000 Mark für etwas zu zahlen, das mitunter wie eine überdimensionierte Postkarte wirkt, ist ein Phänomen.

          Aus kommerziellen Gründen sind die Künstler deshalb darauf angewiesen, die Dokumentation ihrer Kunstwerke zu monopolisieren. Das beginnt bei der juristischen Sicherung der Projektnamen und endet bei den Bildrechten. Denn: Sobald Postkarten und Poster der Projekte durch jeden frei verkäuflich sind, könnten die beiden selbst weniger verkaufen.

          Gefagt, ob auch an die Stadt Berlin als Käufer für die Reichstagsobjekte gedacht würde, antwortete Jeanne-Claude: "Ich glaube nicht, dass sich Berlin diese Sammlung leisten kann."

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