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Kultursubventionen : Der Denkinfarkt

Untergründig schwingt in den aktuellen Forderungen nach Desubventionierung des Kulturbetriebs, zu denen auch die Kulturinfarkt-These gehört, das Ressentiment mit, subventionierte Kunst tauge per se nichts, das Gute komme auch allein durch, was, historisch gesehen, schlicht falsch ist: Die Künstler, die heute als Heroen einer autonomen Nachkriegskunst gelten und zu den teuersten Malern der Welt zählen, Maler wie Jackson Pollock und Mark Rothko, konnten jahrelang nur aufgrund großzügiger staatlicher Förderprogramme als Künstler überleben. Hier förderte der Staat etwas, das keinen Markt hatte.

Das Buch ist Teil einer größeren Bewegung

Man kann Bücher wie den „Kulturinfarkt“ abtun als das Werk eines Clubs ergrauter Kulturfunktionäre, die noch einmal die rhetorische Harley rausholen und mit mattem Thesenknattern um den eigenen Block fahren wollen. Man kann monieren, dass in vagen Formulierungen wie jener, dass „der Glaube an die Gestaltungskraft der Kultur“ verlorengegangen sei, ein persönliches Frustrationserlebnis umstandslos zur Gesellschaftsdiagnostik aufgeblasen wird: Wem ging dieser Glauben verloren: den Autoren? Dem deutschen Publikum? Europa? Wie misst man diesen Glauben, und bei wem? In seiner Aggression gegen Konzeptkunst, Theorie und alles nicht unmittelbar Verwertbare, aber auch in seinen Lösungsvorschlägen ist das Buch Teil einer größeren Bewegung, die angesichts knapper Kassen energisch darauf drängt, Bildung und kulturelle Erfahrungen auf ihren ökonomischen Nutzen abzuklopfen. Auf der Website der Hamburger Hafencity wird die dortige neue Katharinenschule nicht etwa als Ort humanistischer Bildung angepriesen, sondern als Hort künftiger Wirtschaftsbosse; „die Schulkinder“, heißt es da, „genießen ihre Pause auf dem wohl höchsten Pausenhof der Stadt mit spektakulärem Panorama und lernen so eine wichtige unternehmerische Tugend: den Weitblick“.

In derselben Stadt gab es im vergangenen Jahr einen Vorstoß, den Kunstunterricht in der Grundschule abzuschaffen. Gegner dieses Plans argumentierten unter anderem, die Beschäftigung mit Kunst sei aber wichtig, da das Gehirn hierbei lerne, mit komplexen Strukturen umzugehen, was später im Berufsleben helfe; die Ökonomisierung des Denkens ist offenbar so weit vorangeschritten, dass auch die Verteidigung des Kunstunterrichts nicht mehr auf einen Common Sense setzen kann, nach dem Beschäftigung mit Kunst nicht begründungsbedürftig, sondern Ziel in sich ist.

Und dann die ulkige Forderung der „Kulturinfarkt“-Autoren, Kunstproduktion habe sich einem „Wirklichkeitstest“ zu unterziehen. Wie sähe der aus? Muss ein Laie beschreiben können, welches wirklich existierende Ding das Kunstwerk darstellt? Dürfte nur noch Kunst gefördert werden, die ein Minimum an Ausstellungsbesuchern anzieht - und was, wenn dieser Ausstellungserfolg das Verdienst der Ausstellungswerbung war? Und wie bestimmt man das, was der hölzern um Lässigkeit ringende Bürokratenjargon der Autoren als „Klasse“ eines Kunstorts apostrophiert? Wo man hinschaut, bleiben die Axiome vage, eiern die Begriffe: Was die Autoren des „Kulturinfarkts“ vor allem vorführen, ist die Verwüstung, die marktorientiertes Denken in der Sprache anrichtet. Der Gegenentwurf der Verfasser zur Subventionskultur ist eine anders als bei Adorno positiv gemeinte neue „Kulturindustrie“ - und die, schreiben sie, „ist Herstellung und Vertrieb von ästhetischen Erlebnissen in Warenform mit dem Willen zum Erfolg“. Auch diesen Satz muss man einmal einem Wirklichkeitstest unterziehen. In einem Land, in dem solche Sätze geschrieben werden, kann es gar nicht genug Subventionen für Theater und Literaturfestivals geben.

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