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Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Gespräch : Der Fall Gurlitt hat Privatleute ermutigt

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In diesen Tagen schaut die Welt wieder auf Deutschland: Zum ersten Mal spricht die Kulturstaatsministerin darüber, was sie beim Umgang mit Raubkunst hierzulande ändern will.

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          Frau Kulturstaatsministerin Grütters, Ihr erster offizieller Besuch, den Sie in Ihrem Amt abstatten, gilt dem Frankfurter Jüdischen Museum. Wie kommt das?

          Mit diesem Haus habe ich in meiner Tätigkeit als Berliner Ausstellungsmacherin immer wieder gute Kooperationen durchführen können - etwa bei Ausstellungsprojekten zu Marc Chagall oder zu Paul Cassirer, dem Kunsthändler und Verleger. Angesichts der aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet der Restitutionen und Provenienzrecherche war es mir auch wichtig, dieses Haus, das sich der jüdischen Kultur verpflichtet, zu würdigen.

          Auch für Frankfurt, die Stadt, ist es eine Auszeichnung, dass der erste Besuch die Kulturstaatsministerin hierhinführt.

          Mir ist es wichtig, die Leistungen der Kommunen in Deutschland zu betonen. Die Kommunen bringen immerhin 44 Prozent der Aufwendung für Kultur auf, 43 Prozent die Länder, der Bund 12 Prozent. Gemessen am Gesamthaushalt, ist die Leistung der Kommunen, die häufig zweistellige Prozente aufwenden, also sehr hoch. Alles in allem fließen in Deutschland mit zirka 9,3 Milliarden Euro ungefähr 1,67 Prozent des Steueraufkommens in die Kultur. In Frankfurt kommt hinzu, dass viele Projekte der Leistung bürgerschaftlichen Engagements zu verdanken sind - ein ganz wichtiger, auch kulturpolitischer Aspekt.

          Mit Ihnen haben wir zum ersten Mal eine Kulturstaatsministerin, die zugleich Kunsthistorikerin ist und in einem Museum gearbeitet hat. Wie hat das Ihren Blick auf den Umgang mit jüdischer Kultur und jüdischem Kulturgut in Deutschland geprägt?

          Ganz maßgeblich. Ich durfte dreizehn Jahre lang im Max-Liebermann-Haus am Brandenburger Tor wirken, dessen Geschichte Chance und Herausforderung zugleich war und ist. Einen solchen deutsch-jüdischen Ort, der zerstört worden war, nach dem Mauerfall wieder aufzubauen und wiederzubeleben, war für mich sehr lehrreich. Es sind die Künste, die die Geschichte für uns am Leben erhalten. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich sehe, mit was für einer Begabung Künstler die Fragen unserer Zeit auf den Punkt bringen - verbal oder auch bildlich.

          Die aktuelle Debatte wird vom Fall Gurlitt dominiert. Einer Ihrer Vorgänger im Amt, Michael Naumann, hat seine Enttäuschung darüber geäußert, wie mit Raubkunst in deutschem Museumsbesitz umgegangen wird. Teilen Sie diese Enttäuschung?

          Es wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, wenn Michael Naumann in seiner Amtszeit zügiger, als er es getan hat, auf die Ergebnisse der Washingtoner Konferenz reagiert hätte. Sicherlich ist es so, dass bis zur Jahrtausendwende manche Zweifel und Einwände berechtigt waren. Aber danach ist in Deutschland ungeheuer viel passiert. Wir sind zwar noch lange nicht am Ende, sind aber mit Institutionen und Projekten wie der Lost-Art-Datenbank, der Koordinierungsstelle in Magdeburg, der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche in Berlin, der Beratenden Kommission, der Taskforce oder auf Länderebene dem Daphne-Projekt in Dresden intensiv tätig. Durch die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche ist die Bearbeitung von 90 000 Fällen finanziert worden, es gab 12 000 meist diskret verlaufene faire und gerechte Rückgaben. Angesichts dessen liegt meines Erachtens unser Hauptproblem weniger darin, dass wir zu wenig tun, sondern dass wir strukturell zu zersplittert und damit öffentlich kaum wahrnehmbar sind. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, unsere Aktivitäten zu konzentrieren und neu aufzustellen.

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