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Kulturstaatsministerin Monika Grütters : Das Amt braucht eine Kämpferin

Schluss mit dem Klein-Klein

Wie dramatisch die Situation in Wahrheit ist, zeigt sich am Schicksal der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB), der zentralen Internetplattform aller Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen dieses Landes. Die DDB wird vom Bund und den Ländern mit je zweieinhalb Millionen Euro pro Jahr gefördert, während Frankreich jährlich das Zehnfache für die Digitalisierung seines Kulturerbes ausgibt. Aber selbst dieser schmale Zuschuss ist nur bis 2015 gesichert, dann muss er neu beantragt werden. Monika Grütters sollte diesen skandalösen Zustand beenden und ein langfristig durchfinanziertes Konzept auf den Tisch legen, dem sich die ewig knausernden Bundesländer nicht entziehen können.

Ein Gleiches gilt für die Bewahrung des filmischen Erbes. Hier hat sich der Bund von den Versprechungen privater Anbieter wie den Betreibern der Website alleskino.de dazu verleiten lassen, die Digitalisierung auf die lange Bank zu schieben. Inzwischen zeigt sich, dass auch alleskino.de auf absehbare Zeit am Tropf der Subventionen hängen wird. Die Digitalisierung des Deutschen Films, zumal des Stummfilms und des Tonkinos bis Ende der fünfziger Jahre, bleibt eine Aufgabe der Bundeskulturpolitik. Dazu aber muss zuerst einmal eine Struktur geschaffen werden, in der die Mittel des Bundes sinnvoll eingesetzt werden können. Die institutionellen Puzzlestücke – etwa die Murnau-Stiftung in Wiesbaden, die Deutsche Kinemathek Berlin, das Deutsche Filminstitut in Frankfurt – sind da, nun liegt es an der Kulturstaatsministerin, sie zu einem Gesamtbild zu vereinen.

Mut zur Korrektur

Einige Themen der Bundeskulturpolitik, die in der zweiten Amtszeit Bernd Neumanns liegengeblieben sind, dürften unter Schwarz-Rot leicht zu bewältigen sein. Dazu gehört die Rettung der Künstlersozialkasse, die von den Liberalen und den Haushältern der Union einem schleichenden Verfall preisgegeben wurde, die Aktualisierung des Hauptstadtkulturvertrags, die für 2017 ansteht, und die Finanzierung der Bau- und Sanierungsprojekte der Staatlichen Museen Berlin. Aber es gibt auch Streitfragen, bei denen man gespannt sein darf, wie die neue Kulturchefin im Kanzleramt sie angeht.

Beim Einheitsdenkmal auf dem Berliner Schlossplatz hat sich ihr Vorgänger von der Idee einer „Bürgerschaukel“ blenden lassen, die die Choreographin Sasha Waltz gemeinsam mit einer Stuttgarter Marketingfirma entwickelt hatte. Inzwischen ist Sasha Waltz aus dem Projekt ausgestiegen. Der Geist der Schaukel ist tot, das Denkmal wird zur Zirkusnummer. Noch kann sich der Bund ohne Gesichtsverlust für einen anderen der drei preisgekrönten Entwürfe entscheiden. Aber die Zeit wird knapp: Wer in der Politik zu lange zögert, dem schlägt irgendwann die Stunde der Blamage.

Warten auf 2014

Das gilt auch für das Humboldtforum, dessen erstes Obergeschoss, gelinde gesagt, eine Planungspanne ist. Gerade dieser Bereich aber soll die Museen in den Stockwerken darüber mit dem bunten Rummel der „Agora“ im Parterre verbinden. In seiner jetzigen Form, zugepflastert mit Fachbibliotheken und Lesehallen ohne Buchbestände, wird er zu einer Art Quarantänestation werden, die sich kein Kulturpolitiker wünschen kann. Die Berliner Zentral- und Landesbibliothek, die hier unterkommen soll, wird in wenigen Jahren in einen neuen Zentralbau auf dem Tempelhofer Feld umziehen. Wozu braucht sie dann noch eine üppige Dependance im Schloss? Diese Frage muss zwischen dem Bund und Berlin neu aufgerollt und verhandelt werden, je schneller, je besser, solange das fertige Gebäude noch nicht steht.

Zu raschem Handeln drängt auch die Krise am Deutschen Historischen Museum. Dessen neuem Direktor Alexander Koch ist es in den letzten Monaten keineswegs gelungen, die interne Kritik an seiner Amtsführung zu besänftigen. Im Gegenteil: Koch hat inzwischen nicht nur die Mehrheit der Museumshistoriker, sondern auch Teile der Verwaltung gegen sich aufgebracht. Ein von Bernd Neumann entsandter Mediator ist mit seinen Vermittlungsversuchen gescheitert. Beim DHM geht es längst nicht mehr um einen offensichtlich überforderten Direktor; es geht darum, das zentrale deutsche Geschichtsmuseum vor der Selbstzerstörung zu bewahren. Im neuen Jahr, hat Monika Grütters angekündigt, wird sie sich zu den dringendsten Aufgaben ihres neuen Amtes äußern. Das werden spannende Weihnachtsferien.

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