https://www.faz.net/-gqz-8dkla
Hannes Hintermeier (hhm)

Die Sehnsüchte der Gegenwart : Seid kultursensibel

2015 ist sie hundert Jahre alt geworden, zu einem Kosenamen wurde sie aber hoffentlich noch nicht zweckentfremdet: die Schwarzwälder Kirschtorte Bild: dpa

Ein Wort, aufgeschnappt auf dem Kleinwagen eines Frankfurter Pflegedienstes, bringt unsere Zeit auf den Punkt: Kultursensibilität. Wo will man mit der eigentlich aufhören?

          1 Min.

          Unlängst einen Spaziergang mit einem frisch verheirateten Paar aus einer norddeutschen Hansestadt unternommen. Was war das nur für ein Zuckerguss, unentwegt sprach sich das junge Glück trotz seines mittleren Alters mit „Süßer“ respektive „Süße“ an. Befragt, ob das für Best Ager nicht vielleicht ein wenig viel des Guten sei, kam als Antwort der Verweis, das sei „bei uns einfach so“, und „uns“ meinte den Norden ganz allgemein. Allerdings hat der Schweizer Anglist Ernst Leisi schon vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass seine Landsleute ebenfalls einen Hang zu süßen Kosenamen hätten, damals schwer im Schwange war die Anrede „Cremeschnittli“.

          Nun wollen wir nicht weiter darüber nachdenken, was wiederum der Norddeutsche mit Schnitte assoziiert, wenn er von einer Frau spricht, auch war vom Antanzen in jüngster Zeit ohnehin allzu viel die Rede. Die Völkerwanderung hat uns ganz neue Sitten beschert, wie zum Beispiel jene, dass man in manchen Ländern Kleinasiens nach verlorenen Länderspielen seinen Frust dadurch ablässt, indem man die Fans der Gästekurve verdrischt. Mit der Begründung: Das ist bei uns eben so.

          Der Selbstversuch scheitert

          Dabei ist das reflexhafte Respekt-Einfordern vermeintlich unterdrückter Minderheiten ungefähr so zielführend wie der Umkehrschluss, alle Deutschen bevorzugten einen Migrationsvordergrund. Aber ein Mindestmaß an Anpassung wird man ja wohl erwarten dürfen, und dazu gehört, dass man mit einem Kleinstwagen nicht die an sich freie linke Spur im Kriechgang verstopft. Steht auf dem Kleinwagen mit Frankfurter Nummer allerdings „Kultursensibler Pflegedienst“, so geraten auch habituelle Drängler ins Nachdenken über diese Wortschöpfung. Bringt sie doch auf den Begriff, wonach sich heute alle ausnahmslos sehnen: nach feinfühliger Rücksichtnahme auf die eigenen Empfindlichkeiten.

          Auch andere Fahrer nachfolgender Fahrzeuge dürften sich ihren Teil gedacht und sogleich auf kultursensible und also defensive Fahrweise umgestellt haben. Nicht ganz so einfach erweist sich die Verhaltenskorrektur jedoch auf dem eingangs erwähnten Gebiet der Kosenamen, wie ein Selbstversuch des Verfassers zeigte. Das Ansinnen, sich bei der zweitbesten Ehefrau von allen (die beste war bekanntlich mit Ephraim Kishon verehelicht) mit der Anrede „Süße“ anzuwanzen, wurde als vollkommen unglaubwürdig zurückgewiesen. Dem Gatten schwante sogleich, dass dafür eine unterbewusste Assoziation mit dem von der Schul- wie der Naturmedizin gleichermaßen als böse eingestuften weißen Zucker verantwortlich sein könnte. Aber das ist eine andere Glosse.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Weitere Themen

          Phönix feiert im dunklen Feuer

          Der Film „Summer of Soul" : Phönix feiert im dunklen Feuer

          „How beautiful it was“: Das „The Roots“-Mitglied Questlove erinnert mit dem Musikfilm „Summer of Soul“ an ein zu Unrecht vergessenes musikalisches Großereignis, das „Harlem Cultural Festival“.

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Rain Man: Robert Habeck gibt im Wahlkampf alles

          Fraktur : Und ewig währt das Kämpfen

          Das Leben ist ein ewiger Kampf, ob um Olympiagold gekämpft wird oder gegen den inneren Schweinehund. Robert Habeck kämpft sogar im durchnässten Outfit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.