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Kulturschäden durch die Flut : Wir sind gerade noch einmal davongekommen

  • -Aktualisiert am

Dresden fürchtete das Schlimmste, blieb aber, wie hier die Semperoper, verschont Bild: dpa

Ganz ohne Schaden ging es für die Kunst und Kultur in Sachsen und Sachsen-Anhalt nicht ab bei den diesjährigen Fluten. Doch verglichen mit dem, was vor elf Jahren geschah, hat der Hochwasserschutz funktioniert.

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          Schwer hat es die Kunsthochschule Halle Burg Giebichenstein getroffen: Da ihr Campus für Design direkt an der Saale liegt, haben die Fluten trotz „erbitterten Einsatzes aller“ nicht nur Werkstätten unbenutzbar gemacht und viele Studentenarbeiten zerstört. Auch eine neue Druckmaschine sowie die Handsatzwerkstatt der Hochschuldruckerei mit historischen Holz- und Bleilettern versanken. Doch insgesamt hat das Hochwasser in Sachsen-Anhalt weniger Kunstschätzen geschadet als 2002 und 2011.

          Exakt sind die Folgen noch nicht absehbar, denn noch immer sind einzelne Regionen geflutet und Ortschaften evakuiert. Das gilt vor allem für die Altmark nördlich von Magdeburg. Dort zählt Schönhausen, die Geburtsstadt Otto von Bismarcks mit ihrem Bismarck-Museum, zu den weiterhin kaum zugänglichen Orten. In der Altmark waren bei der vorigen „Jahrhundertflut“ die Schäden an den fast vierhundert Feldstein- und Fachwerkkirchen des Landstrichs besonders hoch. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland glaubt, dass es diesmal glimpflicher ausging, zumal Kunstgut vorsorglich in Sicherheit gebracht wurde.

          Das größte Musikfestival Sachsen-Anhalts wurde abgesagt

          Ein Beispiel ist die Stadtkirche von Pretzsch, die Grablege der Gemahlin des sächsischen Kurfürsten August des Starken. Vor elf Jahren stand das Gotteshaus völlig unter Wasser. Rechtzeitig gesichert, blieben in diesem Jahr Altar und Kirche verschont. Seit Mitte dieser Woche untersuchen örtliche Bausachverständige Kirchen im Hochwassergebiet, soweit sie schon zugänglich sind. In etwa zwei Wochen hofft die Landeskirche einen besseren Überblick über Schäden zu haben.

          Halle beklagt neben der Kunsthochschule zwei weitere Großschäden - die an den Händel-Festspielen und am Multimedia-Zentrum. Stadt und Landesregierung sagten das größte Musikfestival Sachsen-Anhalts in der Geburtsstadt des Barockkomponisten ab. Clemens Birnbaum, Intendant der Festspiele und Direktor der Stiftung Händel-Haus, sieht die derzeitige Lage „äußerst kritisch“. Falls alle Ansprüche geltend gemacht würden - Gagen der Künstler, Hotelkosten, Rückerstattung bezahlter Karten -, werde es die Händel-Festspiele „nicht mehr oder zumindest nicht mehr in der vorliegenden Form“ geben. Die Göttinger Händel-Festspiele riefen zu Spenden für ihr Schwester-Festival in Halle auf; die Landesregierung in Magdeburg sowie die Stadt Halle sicherten Hilfe für 2014 zu.

          Halle musste die Überflutung der am Saaleufer gelegenen Kunsthochschule erdulden

          Den größten wirtschaftlichen Schaden hat wohl das Mitteldeutsche Multimedia-Zentrum direkt an der Saale, in dem 62 Firmen der Filmbranche mit bis zu sechshundert Mitarbeitern eingemietet sind. Das Zentrum gilt als Wiege der Filmindustrie in Sachsen-Anhalt vor allem für innovative Vorhaben. Der Schaden am Gründerzentrum, einem Tochterunternehmen der Stadt, wird auf fünf bis zwanzig Millionen Euro geschätzt. Betroffen sind vor allem Tonmischanlagen und Akustikräume in Tief- und Erdgeschoss. Anders das Funkhaus des Mitteldeutschen Rundfunks: Obwohl dem Multimedia-Zentrum benachbart, entging es den Wassern der Saale.

          Dessau kam diesmal besser zurecht

          Auch die wertvollen Baudenkmäler der Stadt blieben heil: Der Dom liegt, wie das Kunstmuseum Moritzburg, zwar nahe am Fluss, erhebt sich aber auf einem Hügel und ist zudem nicht unterkellert. Erstaunlicherweise blieb auch das Technische Halloren- und Salinemuseum, das an Halles große Zeit als Zentrum des Salzabbaus erinnert, verschont, obwohl es auf einer Insel zwischen beiden Saale-Armen liegt. Das Landeshauptarchiv in Magdeburg (wo auch sämtliche Museen und historischen Bauten verschont blieben) und in Dessau entging Flutschäden dank Vorsorge schon beim Bau. Nicht so zwei Archive in Halle - das der Gauck-Behörde und des Landesamts für Denkmalpflege. Bei Letzterem barg man Schätze der Lutherzeit aus überfluteten Depots.

          Dessau kam diesmal besser als vor elf Jahren mit den Fluten zurecht. Das Welterbe Bauhaus-Ensemble blieb vom Hochwasser verschont. Das zweite Unesco-Welterbe in Anhalt, das Gartenreich Dessau-Wörlitz, vor elf Jahren schwer betroffen, wurde auch jetzt in Mitleidenschaft gezogen. Die Kulturstiftung kann noch keine Schadenssumme nennen, da derzeit nicht alle Bereiche des Areals zugänglich sind. Am stärksten wurde der Park Luisium getroffen. Gleichwohl: diesmal hielten alle Deiche, Überflutungen entstanden durch Sicker- und Grundwasser.

          Die Semperoper wurde verschont

          „Der Hochwasserschutz im Freistaat Sachsen hat dieses Mal funktioniert“, stellte Ministerpräsident Tillich am vergangenen Mittwoch in einer Regierungserklärung fest. Das gilt besonders für Dresden und dort erst recht für die Kultureinrichtungen wie die Staatlichen Kunstsammlungen (SKD). Es war ganz anders als vor elf Jahren, als das Unerwartete hereinbrach und die Depots des Kunstmuseums vollliefen. Feuerwehrleute eilten mit wertvollen Gemälden über die Straße, um sie in Sicherheit zu bringen. Mit einer großen Ingenieurleistung wurden das Depot und die Restaurierungswerkstätten in das Obergeschoss des Albertinums verlegt.

          Gleichwohl bangten die Verantwortlichen mit dem stetig steigenden Wasserstand. „Werden sich die personellen, organisatorischen und technischen Hochwasserschutzmaßnahmen, die in den vergangenen Jahren aufgebaut wurden, bewähren?“, war die Frage. „Sie haben sich bewährt“, stellt SKD-Generaldirektor Hartwig Fischer zufrieden fest; der Notfallverbund musste nicht aktiviert werden.

          Rund um die Semperoper hatte man einen leuchtend orangen dickwülstigen Schlauch verlegt und zusätzlich mit Sandsäcken bewehrt. Das Erdgeschoss des Großbaus war vorsorglich geräumt worden, denn vor elf Jahren hatte die Unterbühne samt technischen Anlagen sowie das Parkett unter Wasser gestanden. Aber diesmal reichten die Fluten nicht einmal an die Barrieren. Dresdens Kunstschatzkammern blieben meist unberührt.

          Die Kultur in Sachsen hat keinen Schaden genommen

          Nur Schloss Pillnitz mit seinem weitläufigen Park standunter Wasser. Aber das ist dort auch bei niedrigeren Pegelständen oft so. Man kennt das. Als sich die Elbe zurückgezogen hatte, waren Schloss wie Park schon wieder mit geringen Einschränkungen für Besucher geöffnet. In Pirna lief Wasser ins Stadtmuseum und in die Stadtbibliothek. Da man es früh genug hatte kommen sehen, konnten die Objekte in Sicherheit gebracht werden. Dennoch ist der Schaden an den technischen Einrichtungen immens: Etwa 565.000 Euro wird man für die derzeit noch geschlossene Stadtbibliothek aufwenden müssen. Und die private Kleinkunstbühne Q24 vermeldet einen Schaden von 470.000 Euro. Sie alle, Stadt und private Betreiber, hoffen nun auf den Fluthilfefonds. Mittlerweile sucht man Ausweichquartiere, um den Betrieb aufrecht zu halten und Einnahmen zu erzielen.

          Das ist in Riesa nicht anders, wo es die Stadthalle Stern, den früheren Kulturpalast, erwischt hat. Auch das Stammhaus der Elblandphilharmonie war überflutet. Instrumente und Notenarchiv waren rechtzeitig geborgen worden. Jetzt geht es an die bauliche Instandsetzung.

          Bei strahlendem Sonnenschein wird aus Meißen berichtet, dass das Wasser, das tagelang in der Altstadt stand, wieder weg sei. Bürger und Geschäftsleute sind dabei, die kleinen Gassen neu herauszuputzen, vor Restaurants und Kneipen stehen schon Tische und Stühle unter Sonnenschirmen. Anders das Theater, ein hübsches kleines Haus, das von der Sächsischen Landesbühne und anderen Gastspiel-Theatern bespielt wird. Es wird dauern, bis es wieder seinen Zweck erfüllen kann. Gleichwohl bereitet man sich für „die lange Nacht der Kunst und Kultur“ vor, die am 6. Juli stattfinden soll. Die Wahrzeichen Meißens, die Albrechtsburg und der Dom, stehen hoch oben, wie immer sicher vor jeder Flut.

          Kunst und Kultur in Sachsen haben durch dieses Hochwasser keinen Schaden genommen. Das ist die Botschaft, die überall zu hören ist.

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