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Kulturpolitik : Spanische Heilung

Man hatte sich so an die spanische Krankheit gewöhnt. Auf den Korridoren der Macht wird gezankt wie eh und je. Doch nun ist Manuel Borja-Villel als Direktor des Reina-Sofía-Museums in Madrid vorgestellt worden, und alles ging gut.

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          Vor ein paar Tagen ist Manuel Borja-Villel als Direktor des Reina-Sofía-Museums in Madrid der Öffentlichkeit vorgestellt worden, und alles ging gut. Der neue Mann, geboren 1957 in der Region Valencia, war witzig, schlagfertig und trug eine Fliege. Es war die fällige Ernennung für eine krisengeschüttelte Institution, die zu den Hauptopfern der konfusen Kulturpolitik in den ersten drei Jahren der Zapatero-Regierung zählt.

          Während man bei Spaniens wichtigstem Museum der Moderne nicht mehr wusste, wohin es trieb, und skandalöse Nachrichten wie das spurlose Verschwinden einer Achtunddreißig-Tonnen-Skulptur von Richard Serra zu verdauen hatte, eilt seinem Direktor der Ruf voraus, Ideen und Planungsstärke zu besitzen. Zehn Jahre lang hat Borja-Villel das Museum für Zeitgenössische Kunst in Barcelona (Macba) geleitet, und auch wenn sein Begriff von Avantgarde nicht allen gefiel und der Direktor lieber weniger Publikum in Kauf nahm, als seine Vorstellungen zu verraten, leugneten nicht einmal seine Kritiker, dass sie eine konsequente Linie erkannten.

          Sympathischer Vorwurf

          Selbst der Vorwurf, er habe eine „elitäre“ Auffassung von Kunst, klingt sympathisch. Nicht von ungefähr hat Borja-Villel einmal verkündet, heute sei die Kunst populärer als je, doch das Nachdenken darüber habe erschütternde Stufen des Banalen erreicht. Jetzt sagte er, das Reina Sofía müsse sich nicht vor anderen großen Museen der Moderne verstecken, und er, Borja-Villel, wolle dafür arbeiten, daraus „das MoMA des einundzwanzigsten Jahrhunderts“ zu machen. Viel Glück. Die zweite gute Neuigkeit kommt aus den Büros eine Etage höher. Borja-Villels Berufung erfolgte nicht auf Fingerzeig, sondern ist das Ergebnis einer internationalen Ausschreibung. Von jetzt an, so Kulturminister César Antonio Molina, solle es so bleiben: Politische Gefälligkeiten, Pöstchengeschiebe und Nepotismus im Kulturbetrieb seien ein für allemal vorbei.

          Im Ernst? Man hatte sich so an die spanische Krankheit gewöhnt. Immerhin wird auf den Korridoren der Macht noch gezankt wie eh und je. Soeben meldet die Zeitung „El País“, der Kulturminister wolle dem Außenminister Kompetenzen abringen, besonders, was das Cervantes-Institut betreffe. Sollen sie sich darum balgen, wenn sie die Wahlen am 9. März überstehen! Wenn aber Museumsdirektoren künftig in Ruhe arbeiten könnten und nicht mehr mit Politik behelligt würden, hätte die spanische Kultur wirklich gewonnen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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