https://www.faz.net/-gqz-8l7hd

Kulturpolitik : Kein Goethe in Havanna

Hier war Goethe nie, und hier kommt er wohl so schnell auch nicht hin: Kuba öffnet sich zwar behutsam, doch Verhandlunsgpartnern mit dem Karibikstaat sei Geduld anempfohlen. Bild: dpa

Seit zwanzig Jahren schon wird am deutsch-kubanischen Kulturabkommen gebastelt, dazu gehört auch die Planung eines Goethe-Instituts. Doch Havanna sträubt sich.

          Es gibt einen wundervollen Satz, den man in Havanna seit Jahrzehnten hören kann. Er drückt das Nobelste im Menschen aus, nämlich sein unstillbares Streben nach Wissen. „Demnächst“, so fängt dieser Satz an, vielleicht auch „bald“, jedenfalls in näherer Zukunft „macht hier ja das Goethe-Institut auf.“ Als wir selbst diesen Satz in Havanna häufiger hörten, zu Beginn des neuen Jahrtausends, glaubten wir noch, die Verheißung darin („bald“, „demnächst“) habe irgendetwas mit der Realität zu tun statt mit Kafka.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Jetzt aber wissen wir: Es ist ganz anders. Bernd Fabritius (CSU), Leiter des Unterausschusses für auswärtige Kultur- und Bildungspolitik des Deutschen Bundestages, hält das deutsch-kubanische Kulturabkommen für gescheitert. Begründung: Die kubanische Regierung wolle nun doch kein Goethe-Institut in Havanna zulassen. Ein entkerntes Abkommen, so Fabritius im „Deutschlandfunk“, werde es aber nicht geben. „Entweder unterzeichnen wir ein Abkommen, in dem selbstverständlich auch ein Kulturinstitut zugelassen wird, oder wir machen kein Abkommen.“

          Das ist frustrierend. Eingeweihte wissen, dass am berühmten „deutsch-kubanischen Kulturabkommen“ schon seit 1996 gebastelt wird. Bekanntlich benutzt das Spanische für „hoffen“ und „warten“ dasselbe Wort: esperar. Hoffnung – esperanza – gab es auch schon einmal 1999. Da war Joachim Sartorius, damals Generalsekretär des Goethe-Instituts, in die Karibik gereist, aber unverrichteter Dinge wieder abgefahren, weil die Kubaner plötzlich keine Lust mehr auf das Abkommen hatten.

          Reste von Revolutionsnostalgie

          Neue Zuversicht jedoch keimte im Frühling 2002. Da stand in dieser Zeitung zu lesen, zwischen Deutschland und Kuba werde „möglicherweise noch in diesem Jahr ein Kulturabkommen geschlossen, das die Gründung eines Goethe-Instituts in Havanna vorsieht“. Und es stimmt, die Möglichkeit bestand. Leider kam Fidel Castro 2003 auf die Idee, 75 Regimegegner ins Gefängnis zu werfen und mit harten Haftstrafen zu belegen. Da wurde es der Europäischen Union zu bunt: Sie verhängte diplomatische Sanktionen. Keine Zusammenarbeit ohne Menschenrechte, hieß es. Natürlich hätte man sich fragen dürfen, warum ausgerechnet das kleine, ausgeblutete Kuba unter allen fragwürdigen Regimen der Welt so hart bestraft werden musste, doch außer der deutschen Linken, in der noch Reste von Revolutionsnostalgie pulsieren, fragte das kaum jemand.

          Die neue Eisschmelze kam im Dezember 2014. Präsident Barack Obama verkündete die Normalisierung des amerikanisch-kubanischen Verhältnisses. Frank-Walter Steinmeier flog im Juli 2015 nach Kuba, der erste Besuch eines bundesdeutschen Außenministers auf der Karibikinsel überhaupt. Natürlich waren noch längst nicht alle Differenzen ausgeräumt. „Aber wir nehmen in Kuba eine Öffnung wahr, die wir aktiv begleiten möchten“, sagte der Außenminister in Havanna. Auch vom Kulturabkommen und der Eröffnung eines Goethe-Instituts war wieder die Rede. In der geplanten Vereinbarung, so das Auswärtige Amt, solle auch „ein Bekenntnis zur Gültigkeit der Menschenrechte“ enthalten sein.

          Dann kommt die kalte Dusche

          Vom 18. bis 24. Oktober 2015 hielt sich eine Bundestagsdelegation in Havanna auf. Die fünfköpfige Gruppe unter Leitung von Bernd Fabritius traf kubanische Parlamentarier und besuchte Kultur- und Bildungseinrichtungen. Der Bericht klang positiv. Er habe in Kuba zwar eine Armut gesehen, die ihn an das Rumänien vor der Wende erinnere, sagte Fabritius im Gespräch mit dieser Zeitung. Doch er sei auch sehr beeindruckt von Künstlern, jungen Leuten und der „modernen, aufgeschlossenen Szene“. Als die Delegation wieder nach Hause fährt, glaubt sie das Thema in guten Händen. Die Kubaner haben versichert, dem Kulturabkommen positiv gegenüberzustehen. Es fehle nur noch die Abstimmung unter verschiedenen Ministerien. Im Frühjahr 2016 trifft Steinmeier den kubanischen Außenminister Rodríguez Parrilla in Berlin und ist zuversichtlich, „noch in diesem Jahr ein Kulturabkommen zwischen Berlin und Havanna abschließen zu können“. Dann kommt die kalte Dusche.

          Er sei überrascht gewesen, erzählt Fabritius, dass der kubanische Entwurf kein Kulturinstitut mehr enthielt. „Ein Kulturabkommen ohne Kulturinstitut ist eine leere Hülle, ein Feigenblatt.“ Es gehe ja nicht darum, etwas gegen die kubanischen Interessen zu tun. Brückenbau sei für beide Länder von Vorteil. Keine Rede von Unterwanderung; alles in der auswärtigen Kulturpolitik ist „weiche Diplomatie“ ohne jede Bevormundung – für den CSU-Parlamentarier „der beste Weg“.

          Und dort steht man also. „Wir müssen nachverhandeln und die Bedenken in Kuba zerstreuen.“ Doch zuvor muss man warten lernen, wie die kubanische Gesellschaft es seit sechzig Jahren tut. Und die esperanza nicht sinken lassen.

          Topmeldungen

          CDU : Warum AKK nach dem Kanzleramt greifen muss

          Wenn Annegret Kramp-Karrenbauer ihre Macht konsolidieren will, muss sie möglichst schnell eine Ablösung von Angela Merkel anstreben. Aber einfach wird das nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.