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Sowjetnostalgie : Gar gern hat es der Leonid

  • -Aktualisiert am

Früher war mehr Lametta: Putin und Breschnew, ineins karikiert Bild: AFP

In Russland beruft man sich neuerdings auf die Breschnew-Ära. Ist das bloß gemütlicher Zynismus? Putins Rückkehr auf den Thron des Staatschefs lässt Schlimmeres befürchten.

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          Ein goldener Herbst ist das höchste, was Russlands Führung dem Wahlvolk noch in Aussicht stellen mag. Der Pressesprecher des ins Präsidentenamt zurückstrebenden Premiers Putin, Dmitri Peskow, setzte ein Signal, als er in einer Fernsehsendung die Stagnationsepoche unter Langzeitgeneralsekretär Leonid Breschnew, für die meisten eine Symbolfigur für Senilität und Kontrollverlust, als äußerst positive Ära lobte. Peskows Vorstoß kam, als sein Gesprächspartner im Studio ihn fragte, warum Putin zurückkehre - angesichts eines gewissen „Ermüdungsfaktors“.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der oft gehörte Vorwurf, Putins jede Entwicklung verhindernde Machtvertikale werde der Breschnewschen immer ähnlicher, stand unausgesprochen im Raum. Auf die Gelegenheit schien der Pressesekretär gewartet zu haben. Tatsächlich werde viel über eine Breschnewisierung Putins geredet, erklärte Peskow. Das täten allerdings Leute, die von Breschnew keine Ahnung hätten. Denn damals seien die Fundamente der Wirtschaft, der Landwirtschaft gelegt worden, so Peskow. Breschnews Verdienste würden freilich vor allem außerhalb Moskaus gewürdigt, verkündete er, von Leuten, die keine Zeit hätten, sich täglich durch Blogauftritte zu produzieren.

          Rückfall in Sowjetsymbolik

          Russland, das im zurückliegenden Jahrhundert mehrere Staatsstreiche, Kriege, Säuberungen durchgemacht hat, erlebte unter Breschnew tatsächlich eine Phase des sozialen Friedens und bescheidenen Wohlstands. Immer mehr Nicht-Nomenklaturisten konnten sich Kühlschränke, Fernseher, eine Privatwohnung, ein Auto leisten, wenn auch mit oft jahrelanger Wartezeit oder durch Beziehungen. Dem Glauben an die große gemeinsame Vision wurde durch allgegenwärtige leninistische Indoktrinierung und pompöse Revolutionsjubiläen gehuldigt. Heute erinnern die immer aufwendigeren Stadtfeste und Siegesparaden, die gestanzten Formeln kremlkontrollierter Medien wieder stark an jene Rituale.

          Dass offene Dissidenten ins Gefängnis kamen oder das Land verlassen mussten, ist eine weitere Gemeinsamkeit mit heute. Der gesellschaftliche Konsens beruhte darauf, dass jeder formal Gehorsame sich auf eine Minimalversorgung verlassen und mit Augenmaß etwas vom sozialistischen Eigentum abzweigen konnte. Damals kam die Redensart auf: „Sie tun so, als ob sie uns bezahlen, und wir tun so, als ob wir arbeiten.“

          Russlands gemütlicher Zynismus

          Symptomatisch für jenen gemütlichen Zynismus sind die bis heute heiß geliebten Filmkomödien der Breschnew-Ära, deren nachsichtiger Witz vor allem ältere Russen wehmütig macht. Während der turbulenten neunziger Jahre konnte man von Intellektuellen, die in Not geraten waren, hören: Damals lebten wir im Kommunismus - wir haben es nur nicht gemerkt. Für Leute mit Zielen und Überzeugungen war es eine verlorene Zeit. Er sei sich vorgekommen, sagt der Komponist Wladimir Tarnopolski, wie ein Zootier, das zweimal am Tag gefüttert wird.

          All das war indes nur möglich durch den Ölboom, dem sich auch der russische Massenwohlstand während des ersten Putin-Jahrzehnts verdankt. Die Kossygin-Reformen nach Breschnews Amtsantritt, auf die Pressesprecher Peskow anspielte, scheiterten an der Bürokratie und schienen nach den Ölfunden der frühen Siebziger unnötig. Wie heute wurden Konsum- und Investitionsgüter vor allem importiert. Und als dann, wie jetzt, die Rohstoffeinnahmen sanken und die Rüstungsausgaben stiegen, bedrohte das den Staat existentiell.

          „Wird Putin Breschnew einholen?“, lautet die Frage der Woche in dieser russischen Zeitschrift. Antwort: „Er wird ihn einholen und überholen.“

          „Putin, wir danken dir dafür“

          Was Peskows Breschnew-Hommage aber klarmacht, ist, dass Putins Herrschaft lebenslänglich dauern soll. Das ist es, was den Noch-Premierminister, trotz seiner bewundernswürdigen geistigen und physischen Form, jetzt schon alt aussehen lässt. Zu Putins 59. Geburtstag vorige Woche kamen in Moskau dreihundert Angehörige der Kremljugend der „Unsrigen“ (Naschi) zusammen, um sich mit Kerzen in der Hand in der Form der zwei Ziffern aufzustellen, das Ganze zu filmen und ins Internet zu stellen. Eine dazu gestoßene Oppositionelle hielt ein Bild des Geburtstagskindes hoch, wie sie ihn sieht, mit Knittergesicht und beschlagener Brille auf der Nase. Das ist etwas Inneres. Da hilft kein Facelifting, über dessen Spuren angelsächsische Medien ohnehin viel lebhafter debattieren als die russische Internetszene.

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