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Russlands vergifteter Frühling : Die Dämonen

  • -Aktualisiert am

Mit Jesus für Putin und das russische Vaterland: Nationalisten feiern den neuen Präsidenten nach seinem Wahlsieg mit einem Aufmarsch Bild: Jan Lieske

Während unschuldig Verurteilte in Straflagern misshandelt werden und Polizisten Bürger vergewaltigen, erklären Teile der orthodoxen Kirche jede Opposition gegen Putin für illegitim.

          6 Min.

          Russland ist ineffektiv. Der politische Frühling, der wegen Wahlfälschungsskandalen im tiefen Winter ausbrach, scheint fast schon wieder vorbei. Kurzfristig wurden Oppositionsführer verhaftet, der Korruptionsjäger Alexej Nawalnyj erhielt eine Verwaltungsstrafe, übers Fernsehen wurde verbreitete, die Kremlgegner hätten bezahlte Wahlgänge, wie sie von ihnen angeprangert wurden, selbst organisiert. So macht das System klar, dass es mit seinen Kritikern nur aus einer Position der Stärke redet.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das merken insbesondere die Aktivisten von der Selbsthilfegruppe für Opfer der russischen Unrechtsjustiz „Einsitzendes Russland“, die an vorderster Front der Anti-Putin-Kundgebungen mitmarschierten. Der 2007 verurteilte Geschäftsmann Alexej Koslow, Gatte der Journalistin und Gründerin des „Einsitzenden Russland“, Olga Romanowa, der nach demTrommelfeuer ihrer Artikel über die Fälschung von Beweismaterial gegen ihn vorigen Herbst freikam, wurde nach Putins Wahlsieg wieder eingekerkert. Koslows Strafsache wegen angeblichen Betrugs war von seinem Ex-Geschäftspartner, dem Ex-Senator Wladimir Sluzker, bestellt worden, nachdem er sich von diesem trennte, seine Anteile an der gemeinsamen Firma Finvest aber mitnahm.

          Zu viel Zeit für Sicherheit

          Olga Romanowas Enthüllungen hatten bewirkt, dass das Oberste Gericht das erste Urteil wegen eines Formfehlers aufhob und eine Neuverhandlung anordnete. Die verlief dann aber wie die erste. Wieder ignorierte die Richterin Anträge und Beweismittel der Verteidigung und sogar die Aussage eines Zeugen, seine Unterschrift unter einem Schlüsseldokument sei gefälscht. Das gescholtene Justizsystem will sich auf keinen Fall eine Blöße geben.

          Koslow muss für weitere drei Jahre ins Straflager, wo Tausende anderer Unschuldiger mit ihm leiden. In Freiheit hatte er noch philosophisch verraten, das vaterländische Business sei auch deswegen relativ unproduktiv, weil ein Unternehmer unverhältnismäßig viel Mittel für die Sicherheit, insbesondere vor Beamten und Rechtsschutzorganen, aufwenden müsse.

          Von Zelle zu Zelle verlegt

          Wie Olga Romanowa fragen sich viele Beobachter, ob das Urteil nicht auch eine Quittung für ihr politisches Engagement sei. Sie hätte nach ihrem Erfolg voriges Jahr zurückhaltender agieren können und dadurch die Chancen für ein milderes zweites Urteil zweifellos erhöht. Doch da hatte Frau Romanowa die Nöte von Leidensgenossen ihres Mannes und deren Angehörigen schon zu ihren eigenen gemacht. Sie brachte eklatante Fälle an die Öffentlichkeit. Sie sammelte für die Protestmärsche. Jetzt zeigt das System seine Zähne. Olga Romanowa darf ihren Mann nicht einmal besuchen.

          Ein anderes Justizopfer, Stanislaw Kankia, der durch Misshandlungen im Gefängnis mehrere Schlaganfälle und Hirninfarkte erlitt, wird derzeit von Zelle zu Zelle verlegt, offenbar mit dem Ziel, seinen Zustand zu verschlimmern. Kankia, der eine Stiftung leitete und vor seiner Inhaftierung ein gesunder Mann war, muss, glaubt die Verteidigung, für Unterschlagungen durch die SberBank büßen, die er aufzudecken drohte, nachdem auf den Gehaltskonten seiner Mitarbeiter Geld verschwand.

          Ein Gelehrter wird Bürgermeister

          Mit Kankias Fall sind Fahnder und Richter der Strafsache gegen Rechtsanwalt Sergej Magnizki befasst, der in Untersuchungshaft zu Tode gefoltert wurde, weshalb sie auf der Liste von in Amerika unerwünschten Personen stehen. Das lässt Schlimmstes befürchten.

          Dennoch haben die öffentlichen Proteste die gesellschaftliche Basis aktiviert. Auf der Lokalebene, in etlichen Moskauer Stadtbezirken, errangen Oppositionelle aus der Demonstrantenbewegung Abgeordnetenmandate. Darunter sind viele Studenten, die jetzt die Stadtpolitik mitbestimmen werden. Im moskaunahen Wissenschaftlerstädtchen Tschernogolowka wurde sogar ein Gelehrter, Wladimir Rasumow, zum Bürgermeister gewählt, nicht der Kandidat des „Einigen Russland“.

          Die Wahlkommission wollte die Wahl daraufhin für ungültig erklären lassen. Doch nachdem vor der Ortsverwaltung zweihundert Menschen protestierten, befand sie sie doch für korrekt. Auch die jüngste Horrorgeschichte von Polizisten, die in Kasan einen vorbestraften Mann mit einer leeren Sektflasche vergewaltigten, bis er an inneren Verletzungen starb, löste unerwartet heftige Proteste aus. Gut hundert Demonstranten belagerten die Polizeistation. Die Menschen hatten Blumen mitgebracht und Sektflaschen, die sie symbolisch auf den Boden ausgossen. Bald meldeten sich weitere Vergewaltigungsopfer der Kasaner Ordnungshüter. Jetzt soll die Polizeistation aufgelöst werden. Eine Handvoll Beamter befindet sich in Haft.

          Militante Frömmler erstatten Anzeige

          Die Leitung der orthodoxen Kirche, die mit Unrechtsjustiz und Wahlfälschung keine Probleme hat, versucht unterdessen, die Gesellschaft durch den Hass auf vermeintliche Glaubensfeinde zu konsolidieren. Das Moskauer Patriarchat nahm das Randale-„Gebet“ der feministischen Gruppe „Pussy Riot“, die in der Christi-Erlöser-Kathedrale die Muttergottes anflehte, Putin zu vertreiben, zum Anlass, nicht nur für Handlungen, die jemandes religiöse Gefühle verletzen, härtere Strafen zu fordern, sondern auch für Journalisten, die diese multiplikatorisch und womöglich noch mit Sympathie begleiten.

          Nachdem militante Frömmler, die gegen die vier jungen Frauen, die vor dem Kirchenaltar maskiert eine Art Veitstanz aufführten, Anzeige erstatteten, wurden drei der Aktivistinnen eingesperrt. Der Kripo-Chef drohte einer von ihnen, Maria Alechina, bereits an, ihren fünfjährigen Sohn ihren Angehörigen wegzunehmen und zwangsweise in ein Kinderheim zu stecken.

          Ein Brief gegen Gotteslästerinnen

          Die öffentliche Kampagne führt der im Patriarchat für die Beziehungen zur Gesellschaft zuständige Erzpriester Wsewolod Tschaplin, in dem nicht wenige russische Christen fast den Antichristen erblicken. Der erzreaktionäre Kleriker erklärte im Fernsehen, Gott selbst habe die Mädchen schon verurteilt. Vater Wsewolod tritt für ein aggressives Christentum ein, nicht zuletzt nach den Erfahrungen der Christenverfolgungen nach der Oktoberrevolution. Übergroße Milde sei zumal fürs russische Christentum existenzgefährdend, mahnt er. Die Orthodoxen hätten seinerzeit die Gewalt der Kommunisten nicht dulden, sondern erwidern sollen, ist er überzeugt, und so viele Bolschewiken wie möglich umbringen müssen.

          Auch der Tschaplin zugeordnete Rat orthodoxer Gemeinden sieht durch die Eskapaden von Pussy Riot Glauben und Vaterland in Gefahr. Obendrein wird Tschaplin von den Führern des traditionellen Islams und Judentums unterstützt. Das Patriarchat versandte an sämtliche Gemeinden einen Brief, worin die Staatsanwaltschaft aufgefordert wird, die Gotteslästerinnen mitsamt ihrer Komplizen von den Medien wegen Schürens religiöser Zwietracht zu verurteilen - das heißt, zu bis zu vier Jahren Lager. Die Priester wurden verpflichtet, das Schreiben ihren Schäfchen vorzulesen und ihnen die Möglichkeit zu geben, es zu unterzeichnen.

          Wie Hexen verbrennen

          Vergeblich mahnen Agnostiker, Gläubige und sogar einige Priester zu christlicher Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Der Geschichtsprofessor Andrej Subow, bei dem Wsewolod Tschaplin an der Moskauer Geistlichen Akademie studierte, erklärte, es bekümmere ihn zutiefst, dass sein Zögling eindeutig ungefährliche junge Frauen hart bestrafen wolle, was der Wahrheit Gottes mehr schade, als sie es getan hätten. Am nachdrücklichsten mahnt der Theologe und Missionar Andrej Kurajew seine militanten Glaubensbrüder, das Neue Testament sei auch für sie verpflichtend. Kurajew verglich die Aktion von Pussy Riot mit karnevalistischen Ritualen, die in der orthodoxen Tradition ihren Platz hätten.

          Die Mädchen hätten wegen ihrer Frechheit höchstens einen väterlichen Klaps verdient, meinte er. Allerdings, so urteilt der charismatische Kirchendissident, hätten die „Punk-Stalinisten“, die im Siegespark für Putin demonstrierten, insbesondere der kremlnahe Imperialist Alexander Dugin, der vorschlug, die Frauen wie Hexen zu verbrennen, tatsächlich eine heilige Stätte entweiht.

          Die Forderung lautet: Auspeitschen

          Patriarch Kyrill hält solchen Glaubensbrüdern vor, das „Verbrechen“ von Pussy Riot zu verharmlosen. Unterdessen stürmen die staatstragenden Christen die Fernsehtalkshows. Der Klatschmoderator Andrej Malachow widmete seine jüngste Runde der Frage, wie man die Dämonen, die die Seelen der Zeitgenossen heimsuchen, am besten vertreibe. Bei der Gelegenheit outete er sich als gläubig und getauft.

          Im Studiopublikum saßen orthodoxe Fundamentalisten und Kosaken, die empfahlen, die „Besessenen“ von Pussy Riot öffentlich auszupeitschen und ihnen die Erziehungsrechte wegzunehmen. Auch der linksislamistische Philosoph Gejdar Dschemal gab sich überzeugt, Pussy Riot sei ein Fall für den Exorzisten. Als der Vater einer der verhafteten Frauen, der ebenfalls anwesend war, sich zum Atheismus bekannte, johlte die Menge missbilligend.

          Ein anderes Mal hatte Starreporter Wladimir Posner den Kirchenhardliner Dmitri Smirnow, der im Patriarchat für Polizei und Armee zuständig ist, zu Gast. Der weißbärtige Erzpriester behauptete sogar, nichtreligiöse Leute seien psychisch krank. Dass der brillante Posner sich als ungläubig bezeichnete, ließ der Kleriker nicht gelten, er interessiere sich zu sehr für Religion. Der Geistliche wiederholte im ersten Staatskanal seine umstrittene Empfehlung, persönliche Daten von „Religionsfeinden“ im Internet zu veröffentlichen, damit das Volk „auf seine Weise“ mit ihnen abrechne. Sein Gastgeber war sichtlich entsetzt. Zudem verlangte der erklärte Monarchist, der Staat müsse einen religiösen Vollzeitfernsehkanal finanzieren. Einen Vorgeschmack von dessen journalistischem Stil gab Vater Dmitri, als der Moderator ihm Zitatfälschung vorhielt. Der Erzpriester hatte in einem Vortrag Churchill den Ausspruch zugeschrieben, die Demokratie sei die allergrößte Abscheulichkeit. Tatsächlich habe der Premier von der Demokratie als schlechtester Regierungsform - mit Ausnahme aller anderen - gesprochen, entrüstete sich Posner. Der Gottesmann war unbeeindruckt: Er habe Churchill nur ein wenig korrigiert.

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