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Russlands vergifteter Frühling : Die Dämonen

  • -Aktualisiert am

Wie Hexen verbrennen

Vergeblich mahnen Agnostiker, Gläubige und sogar einige Priester zu christlicher Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Der Geschichtsprofessor Andrej Subow, bei dem Wsewolod Tschaplin an der Moskauer Geistlichen Akademie studierte, erklärte, es bekümmere ihn zutiefst, dass sein Zögling eindeutig ungefährliche junge Frauen hart bestrafen wolle, was der Wahrheit Gottes mehr schade, als sie es getan hätten. Am nachdrücklichsten mahnt der Theologe und Missionar Andrej Kurajew seine militanten Glaubensbrüder, das Neue Testament sei auch für sie verpflichtend. Kurajew verglich die Aktion von Pussy Riot mit karnevalistischen Ritualen, die in der orthodoxen Tradition ihren Platz hätten.

Die Mädchen hätten wegen ihrer Frechheit höchstens einen väterlichen Klaps verdient, meinte er. Allerdings, so urteilt der charismatische Kirchendissident, hätten die „Punk-Stalinisten“, die im Siegespark für Putin demonstrierten, insbesondere der kremlnahe Imperialist Alexander Dugin, der vorschlug, die Frauen wie Hexen zu verbrennen, tatsächlich eine heilige Stätte entweiht.

Die Forderung lautet: Auspeitschen

Patriarch Kyrill hält solchen Glaubensbrüdern vor, das „Verbrechen“ von Pussy Riot zu verharmlosen. Unterdessen stürmen die staatstragenden Christen die Fernsehtalkshows. Der Klatschmoderator Andrej Malachow widmete seine jüngste Runde der Frage, wie man die Dämonen, die die Seelen der Zeitgenossen heimsuchen, am besten vertreibe. Bei der Gelegenheit outete er sich als gläubig und getauft.

Im Studiopublikum saßen orthodoxe Fundamentalisten und Kosaken, die empfahlen, die „Besessenen“ von Pussy Riot öffentlich auszupeitschen und ihnen die Erziehungsrechte wegzunehmen. Auch der linksislamistische Philosoph Gejdar Dschemal gab sich überzeugt, Pussy Riot sei ein Fall für den Exorzisten. Als der Vater einer der verhafteten Frauen, der ebenfalls anwesend war, sich zum Atheismus bekannte, johlte die Menge missbilligend.

Ein anderes Mal hatte Starreporter Wladimir Posner den Kirchenhardliner Dmitri Smirnow, der im Patriarchat für Polizei und Armee zuständig ist, zu Gast. Der weißbärtige Erzpriester behauptete sogar, nichtreligiöse Leute seien psychisch krank. Dass der brillante Posner sich als ungläubig bezeichnete, ließ der Kleriker nicht gelten, er interessiere sich zu sehr für Religion. Der Geistliche wiederholte im ersten Staatskanal seine umstrittene Empfehlung, persönliche Daten von „Religionsfeinden“ im Internet zu veröffentlichen, damit das Volk „auf seine Weise“ mit ihnen abrechne. Sein Gastgeber war sichtlich entsetzt. Zudem verlangte der erklärte Monarchist, der Staat müsse einen religiösen Vollzeitfernsehkanal finanzieren. Einen Vorgeschmack von dessen journalistischem Stil gab Vater Dmitri, als der Moderator ihm Zitatfälschung vorhielt. Der Erzpriester hatte in einem Vortrag Churchill den Ausspruch zugeschrieben, die Demokratie sei die allergrößte Abscheulichkeit. Tatsächlich habe der Premier von der Demokratie als schlechtester Regierungsform - mit Ausnahme aller anderen - gesprochen, entrüstete sich Posner. Der Gottesmann war unbeeindruckt: Er habe Churchill nur ein wenig korrigiert.

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