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Kulturhöhepunkte 2011 : Glücksmomente in Krisenzeiten

  • Aktualisiert am

Symbolträchtig: Dieser Schriftzug „La Horde, Max Ernst, 1927“ des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi wurde zur Blamage für den Kunsthandel Bild: dapd

Das Kulturjahr 2011 stand im Zeichen der Fälscher, Lügner, Heuchler und Plagiatoren. Zum Glück war das nicht alles. Wir blicken auf die Höhepunkte der vergangenen zwölf Monate zurück.

          8 Min.

          Theater: Hauptsache „Zwischenfälle“

          Es war das pure Theaterglück: 52 groteskeste, absurdeste, komischste Szenen, sozusagen für jede Woche des Jahres eine, aber in herrlichster Ballung. Andrea Breth bündelte Kurz- und Kürzestszenen von Henri Cami, Daniil Charms und Georges Courteline im Wiener Akademietheater als lauter „Zwischenfälle“. Vom Tritt in den Hintern, für den man auch noch bezahlen muss, über den Sekundentod beim Spaghetti-Essen bis hin zum Grünkäppchen, das den bösen Wolf um den Verstand bringt. Eine Weltkomödie in Splittern und Brüchen. Lauter aberwitzige Katastrophen im Kampf um die Möglichkeiten eines besseren Lebens, dessen Glück sich in den lächerlichsten Unglücken erst offenbart. Und die großartigen Wiener Schauspieler wie Corinna Kirchhoff, Elisabeth Orth, Udo Samel, Johanna Wokalek, Hans-Michael Rehberg, Peter Simonischek und Gerrit Jansen machen aus den vielen kleinen Beispielen großer absurder Kurzdramatik eine zusammenspielende große Erzählung. Worin eine Gesellschaft im Katastrophenkomödienreigen dadurch zu sich kommt, dass sie aus allen Bahnen geworfen wird. Unterm hingerissenen Gelächter des Publikums, das seine Welt ja auch nurmehr in Splittern und Brüchen und Krisenscherben wahrnimmt. Insofern sind die „Zwischenfälle“ der Andrea Breth durchaus als Hauptsache zu begreifen. Unbegreiflich, dass die Jury des Berliner Theatertreffens so borniert wie blind an diesem großen Theaterereignis vorüberstolperte. (G.St.)

          Kunst: Gesichtserkennung in der Renaissance

          Die Menschen zeigten 2011 Gesicht. Wir sahen sie in Fluten vorbeiziehen: Mutige Aktivisten in der arabischen Welt, unerbittliche Bloggerinnen, Demonstranten und erzürnte Bürger, die ihr Recht einfordern. Der amerikanische Präsident Barack Obama und seine Außenministerin Hilary Clinton boten im Mai ihre angestrengte Mine ebenfalls zur Deutung an, als sie (angeblich) vom Weißen Haus aus bei der Ermordung Usama bin Ladens zuschauten. In diesen so unterschiedlichen Bildnissen erkennt man viel über den Stand unserer Gegenwart, über den Wunsch nach Werten und der Einhaltung von Menschenrechten. Millionen solcher Porträts schwirren in der vernetzten Gesellschaft herum. Sie schauen uns täglich an. Dieses Gesichterrauschen hat das Bode-Museum 2011 aufgegriffen und angehalten - und damit der Gegenwartskunst den Rang abgelaufen. Denn das Berliner Haus hat die gegenwärtigste Schau des Jahres geboten: die „Gesichter der Renaissance“. 250 000 Besucher strömten ins Museum und suchten in den ausgeleuchteten Porträts nach einer Wahrheit, die wundersam hineinwirkt ins Heute: unser Wunsch nach einer kraftvollen Identität als Individuum. Man taumelte in Berlin aber nicht nur hingerissen in der Epoche „Renaissance“ herum, während draußen die Welt zusammenfiel, auferstand und wieder zusammenfiel, sondern bekam ein Angebot: in Gesichtern zu lesen, was es heißt, Mensch zu sein. (swka)

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