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Sechs Uraufführungen : Odysseus kommt nicht nach Oberhausen

Drei mal Odysseus: Andreas Grothgar, Katja Stockhausen und Wolfgang Michael (von links nach rechts) Bild: dpa

Sechs Autoren aus Europa, sechs Uraufführungen an Theatern im Ruhrgebiet, sechs Fort- und Umschreibungen der „Odyssee“, das war die Grundidee für ein Theatervorhaben von handlicher Megalomanie. Die Kulturhauptstadt geht auf Reise.

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          Ein Sturm fegt übers Land. Dächer werden abgedeckt, Bäume entwurzelt. Poseidon, der lautbrausende Erderschütterer, zerschmettert ein Schifflein an den Kaimauern des Rhein-Herne-Kanals. Das Ruhrgebiet ist aus den Fugen. In Düren stürzt ein Kirchturm ein, und in Dortmund sperrt die Polizei die Straße, die von der U-Bahn-Station zum Stadttheater führt. Hier kämpfen sich vierhundert Menschen in Marschformation voran, trotzen Wind und Regen. Verwegene Gestalten, weißhaarig zumeist, aber ungebeugt: Bildungsbürger auf Abenteuerfahrt. Unaufhaltsam streben sie dem Theater zu, wo gleich die nächste Premiere beginnen soll. Es ist ihre sechste Uraufführung innerhalb von 36 Stunden. Draußen wütet Poseidon, drinnen wartet Odysseus.

          Hubert Spiegel
          (igl), Feuilleton

          Zwanzig Jahre war er fort: Als König zog er aus, als gefeierter Kriegsheld trat er die Heimfahrt an, als dicker Landser liegt er jetzt erschöpft am Strand, ein lange verschollener Veteran, auf dessen Rückkehr niemand mehr gewartet hat. Sein Inselkönigreich ist längst in den Händen von Penelopes Freiern. Christoph Ransmayr hat berechnende Geschäftsleute und Technokraten aus ihnen gemacht. Sie haben einen Reformstau in Ithaka konstatiert, nun wollen sie modernisieren, investieren, abkassieren. Gegenüber den eitlen Finanzstrategen, die der Regisseur Michael Gruner für die Dortmunder Uraufführung in weiße Anzüge gesteckt und auf Stelzen gestellt hat, vertraut der einst so listenreiche Heimkehrer auf biederes Kriegshandwerk: Er schlachtet sie hin. Ein Urvieh aus einer früheren Zeit erringt einen letzten blutigen Sieg. Dann schickt seine Frau ihn wieder fort. Sie will Odysseus, die Mordmaschine, nicht zurück.

          In Essen war Odysseus ein melancholischer Söldner mit kahlrasiertem Schädel, in Bochum gab ihn der Schauspieler Wolfgang Michael als kettenrauchenden Intellektuellen, eine Mischung aus Heiner Müller und Willem Dafoe, ein schiefmäuliger Zyniker als Odysseus-Maschine, der an den Gestaden der Toten steht und Roland Schimmelpfennigs Text herunternölt, als wäre der Hades auch nur irgendeine Theaterkantine. In Mülheim muss Odysseus bei dem Ungarn Peter Nadas zum Schluss ebenso von Sohneshand sterben wie zuvor in Essen bei dem polnischen Dramatiker und Regisseur Grzegorz Jarzyna. In Moers macht Emine Sevgi Özdamar in einer fulminanten Inszenierung aus Odysseus ein türkisches Mädchen, das nicht zurückkehren, sondern die Heimat endlich verlassen will, und in der dritten Station der Theaterreise lässt der irische Dramatiker Enda Walsh den Helden gleich ganz aus dem Spiel: Odysseus kam nicht bis Oberhausen. Hier bleiben die Freier unter sich, als greinende, tobsüchtige Opfer ihrer ebenso jämmerlichen wie maßlosen Leidenschaft für die Droge Penelope, die mordet, indem sie die Abhängigen auf Entzug setzt.

          Mit Mann und Maus hinaus

          Sechs Autoren aus Europa, sechs Uraufführungen an Theatern im Ruhrgebiet, sechs Fort- und Umschreibungen der „Odyssee“ und sechs verschiedene Entwürfe ihres Helden, das war die Grundidee für ein Theatervorhaben von handlicher Megalomanie. Das Konzept hat auf einem Bierdeckel Platz, ist aber in der Umsetzung ebenso kompliziert wie die Steuererklärung. Zumal die Verantwortlichen die wahnwitzige Idee hatten, die Fahrten von Theater zu Theater nicht als lästiges logistisches Problem zu betrachten, sondern als willkommene Chance, ein Konzeptkunstwerk zu schaffen. Ohne das „raumlaborberlin“, einen Zusammenschluss junger Architekten und Theoretiker, wäre „Odyssee Europa“ ein Theaterunternehmen geworden, bei dem sechs Dramatiker Auftragswerke zu einem vorgegebenen Thema geschrieben hätten, die dann im nachbarschaftlichen Neid- und Konkurrenzverhältnis der beteiligten Ruhrgebietsbühnen eins nach dem andern runter- und damit weginszeniert worden wären.

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